Eine Ausstellung in Frankfurt am Main: Juden. Geld.

Oswald Sigg

Im 1821 am Untermainkai  in Frankfurt errichteten Palais Rothschild findet sich heute das Jüdische Museum. Dort wird im Untergeschoss noch bis zum 6. Ok­tober 2013 die Schau „Juden. Geld. Eine Vorstellung“ gezeigt. 
 
Der Besucher muss nicht an der Kasse anstehen und in den wenigen Ausstellungs­räumen findet sich, abgesehen vom freundlichen Sicherheitspersonal, kaum ein Mensch.  Bei einer zunächst flüchtigen Betrachtung der hier gezeigten vermeintlichen Symbiose zwischen den Juden und dem Geld wird der Antisemitismus zur Spätfolge des Übergangs von der Tausch- zur Geldwirtschaft. Und damit zum Phänomen des Ausleihens von Geld – zum Kreditwesen ganz allgemein.  Credo in unum deum - das Credo steht für ein meist christliches Glaubensbekenntnis. Und heute bedient die Kreditkarte den Glauben, dass sie für ein paar Tausend Euro oder Schweizerfranken oder Dollar gut sei.

Geldgeschäfte

Das Tauschen, das Wechseln, die Geldgeschäfte an sich – es sind die Tätigkeiten, die seit Urzeiten den Juden oblagen, weil ihnen praktisch alle anderen Berufe ver­boten waren. Diese jüdischen Tätigkeiten wiesen in der damaligen öffentlichen Wahrnehmung  eine bedeutende  Gemeinsamkeit auf:  sie galten nicht als Arbeit.  In den Fürstenpalais  und Königsschlössern machten sich die Hofjuden nicht schmutzig und es kostete sie keinen Schweisstropfen, wenn sie ihre Herrschaften in Geldange­legenheiten Ratschläge erteilten  und ihnen die Kriege finanzierten. 

Anderseits galten die Geldgeschäfte eben damals schon als schmutzig. Hatte nicht  Jesus die im Vorhof des Tempels zu Jerusalem herumlungernden  Geldwechsler mit der Geissel verjagt und ihnen gezürnt , aus seines Vaters Haus ein Kaufhaus und eine Räuberhöhle gemacht zu haben?

Todsünden

Geldgeschäfte galten aber auch als sündhaft. Geld leihen und dafür Zins nehmen war sinnfälliger Ausdruck von Geiz und Habgier. Nach christlicher Auffassung eine Todsünde.  Auch die Völlerei, die Trägheit und der Hochmut waren Todsünden, de­ren man die Juden gerne bezichtigte. Irgendein Handwerk auszuüben war den Juden ebenso untersagt wie die Mitgliedschaft in einer der  von städtischen Bürgern be­gründeten Handwerker- und Gewerbe-Zünfte oder -Innungen, die im Hochmittelalter wesentlich das lokale Marktgeschehen beherrschten und auch die Politik dominier­ten. In dieser Gesellschaft abseits standen  die  Juden: in zeitgenössischen Karikatu­ren bildete man sie als träge und hochmütige Dickwanste ab, die auch nichts rechtes arbeiteten.  Die reichen Juden galten als faul, weil ihr Einkommen und Vermögen nicht aus harter Arbeit, sondern mit dem Wucher erzielt worden  war. 

Als die Geldwirtschaft erst begann, war das Geldstück noch so viel wert, wie es auf die Waage brachte und wie es der Inhaber der Münzhoheit durch sein Bildnis ver­bürgte.  Doch prunkvolle Bauten, Scharmützel und Kriege benötigten immer mehr dieses metallenen Geldes. Als im europäischen Raum ein veritables Münzchaos ent­stand und zahlreiche Münzfälschungen in den Umlauf gesetzt wurden,  gab in Eu­ropa zuerst die Amsterdamer Wechselbank  1609 Papiergeld in der Form von  Bank­noten – papierenen Geldzeichen - heraus.  Das war die Grundlage für den bargeldlo­sen Zahlungsverkehr, der dem internationalen Handel einen wesentlichen Auftrieb verlieh.  Der  Volksmund verglich nun das Papiergeld alsbald mit dem „heimatlosen Juden“.

Banken und Warenhäuser

Später, im 19. Jahrhundert,  wurden die Juden aufgrund der traditionellen Berufsver­bote  Banquiers und Warenhausbesitzer. In beiden Sparten waren sie erfolgreich. Dafür zeugen bei den Banken klingende Namen wie Rothschild, Warburg, von Es­keles, Bleichröder, Haber oder Oppenheim und für die grossen Warenhäuser, die aus marxistischer Sicht als „privatkapitalistische Einzelhandelsgrossunternehmun­gen“ bezeichnet wurden, stehen Namen wie Tietz (Hertie), Wertheim, Schocken oder Knopf und in der Schweiz Maus, Loeb und Nordmann. Die Entwicklung in beiden Bereichen der Wirtschaft wurde namentlich in Deutschland mit grossem Argwohn beobachtet. Eine Karikatur zeigt den reichen, dicken Juden, wie er vor dem Eingang zur Börse auf einem riesigen, prall gefüllten Geldsack sitzt. Die Bildlegende lautet: „Der Gott des Juden ist das Geld. Und um Geld zu verdienen, begeht er die grössten Verbrechen. Er ruht nicht eher, bis er auf einem grossen Geldsack sitzen kann, bis er zum König des Geldes geworden ist.“

Wo von so viel Reichtum, Geld und Gold die Rede ist, mögen die Kuratoren die Schweiz nicht ausser Acht belassen  haben. Zwei Beispiele davon,  für was die Schweiz in diesem historischen Kontext  eine gewisse Bekanntheit aufweisen soll, werden in Frankfurt in natura gezeigt: ein Barren Gold von 999,9 Gramm mit dem Stempel „Argor SA Chiasso“ sowie zwei Goldvreneli. Eines ist mit der Gravierung  „L 1935 B“ versehen und eine Notiz auf dem Schaukasten lässt den Betrachter wissen: „Bei der Prägung wurde unter  Umständen Raubgold verwendet.“  Vom Prägejahr her betrachtet ist diese Erklärung sicher falsch. Denn die systematische Ausplünderung vermögender Juden begann in Deutschland erst nach den Novemberpogromen von 1938. Doch diesen Fehler verzeiht man noch den Ausstellungsmachern.

Reiche Juden als Vorstellung

Ein grösserer Mangel der denkwürdigen Ausstellung liegt hingegen anderswo. Indem sie nur gerade und ausschliesslich die „reichen Juden“ und ihre Geschichte zeigt, fragt man sich beim Ausgang unwillkürlich, ob hier nur ein Cliché oder auch eine Re­alität abgebildet wird. Für Karl Marx, dessen Eltern sich in einem „Akt sozialer Eman­zipation“ (Franz Mehring) vom Judentum lossagten,  waren Juden und Kapitalisten noch dasselbe. War diese Gleichung damals überhaupt richtig und gilt sie etwa heute noch? Dass die Ausstellung diese Frage unbeantwortet lässt, ist ein unverzeihlicher Fehler. Denn so wird der Besucher einfach mit dem Bild des immerwährend reichen Juden aus dem Palais Rothschild entlassen. 

Arme Juden als Realität

Der Zufall will es, dass mir gleichentags in der Zeitung „Die Welt“ eine Schlagzeile auffällt: „Deutschen Juden droht Armut im Alter“.  Hier ist davon die Rede, dass die etwa 250‘000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde in Deutschland grossmehrheit­lich aus Kontingentsflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion  – unter ihnen auch einige Holocaust-Überlebende - besteht.  „Heute garantieren sie den Bestand jüdi­scher Kultur“, schreibt Matthias Kamann, „morgen werden die meisten arm sein.“ Obschon man versuche, die Situation der jüdischen Zuwanderer zu verbessern, führten sie ein prekäres Leben. Die  soziale  Lage der jüdischen Zuwanderer sei in Deutschland weitgehend unbekannt, heisst es in diesem Artikel.  Aber wie die Aus­stellung im Jüdischen Museum die Konnotation vom reichen Juden als geradezu zwingend darstellt, wird es halt auch bei der verhängnisvollen Vorstellung bleiben: Juden. Geld.

Siehe:

http://www.juedischesmuseum.de/

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