Jugend und Armut

Henriette Kläy

Am 17. Februar 2011 fand in der Villa Bernau, Wabern (Gemeinde Köniz bei Bern) eine Diskussionsveranstaltung statt. Organisiert wurde sie von der SP Köniz. Der Vorsteher der Direktion Bildung und Soziales, Gemeinderat Ueli Studer (SVP) von Köniz und der Gesundheits- und Fürsorgedirektor des Kantons Bern, Regierungsrat Philippe Perrenoud (SP) waren an der Diskussion beteiligt.

An dieser Veranstaltung nahmen vier Referenten teil, die aus vier verschiedenen Blickwinkeln die Situation der Jugendarmut beleuchteten:

Ueli Studer von der Gemeinde Köniz

Gemeinderat Ueli Studer (der auch SVP-Grossrat im Kanton Bern ist) schildert die Verhältnisse auf Gemeinde-Ebene, beschreibt die Problematik, mit welchen der Sozialdienst und die Behörden gegenwärtig kämpfen. Eine der vielen Hauptursachen seien die neuen Familienformen, welche zwar bereits existierten, aber ungenügend bearbeitet seien. Es gehe nicht mehr um Links oder Rechts, man sollte sich nicht in Polemik verlieren, denn es gehe um ein Leben in Würde und Bescheidenheit. Er betont, Sozial-Geld allein löse die Probleme nicht, sondern der Staat müsse  bessere Rahmenbedingungen schaffen. Es gebe unübersichtlich viele Gesetze und Einschränkungen. Besser wäre, die Verantwortung für ihr Leben den Betroffenen zurückzugeben und sie durch verbesserte Rahmenbedingungen zu befähigen, in eigener Regie weiterzukommen. Wo Geld nötig sei, müsse es ausgeschüttet werden, aber hauptsächlich sei eine ganzheitliche Erziehung und Bildung schon vom frühsten Anfang an unabdingbar. Die Gemeinde bemühe sich schon jetzt sehr intensiv in diese Richtung, und trotzdem gebe es Armut. Er möchte folgende Anregung machen: Die Generationen sollen zu einander schauen, das würde Lücken füllen, die fehlende Zeit doppelt belasteter Eltern entlasten und andererseits Beziehungen bilden für ältere Menschen, die sonst mit all ihren Ressourcen alleine in ihren Wohnungen sässen,

Philippe Perrenoud vom Kanton Bern

Der Gesundheits- und Fürsorgedirektor Kanton Bern, Regierungsrat Philippe Perrenoud beschreibt die Situation im Kanton Bern und bezieht sich auf den 2. Armutsbericht, welcher ganz klar die gängigen Vorurteile betreffend Missbrauch, Arbeitsscheu und anderen Verleumdungen von Armutsbetroffenen widerlege. Armut sei nicht länger nur ein konjunkturelles, sondern ein kulturelles Problem geworden. Die niedrig qualifizierten Arbeitsplätze seien durch Rationalisierungen verschwunden und stünden Menschen mit schlechter Ausbildung nicht mehr zur Verfügung. Diese müssten Billigjobs annehmen, welche dann zum Leben nicht mehr ausreichten und müssten deshalb nicht selten auch eine Ausbildung abbrechen. Diese Entwicklung sei eine Zeitbombe. Auch er plädiert für Berufsbildungsförderung, vor allem durch ein Übergangsprogramm zwischen Schulabgang und 18. Lebensjahr. In dieser sehr wichtigen Zeitspanne fehle es an jeglicher Begleitung und Unterstützung. Stipendien und Sozialgeld zusammen würden oft nicht für's Leben reichen. Auch hier müsse Abhilfe geschaffen werden. Per 2012 werde ein Massnahmenbericht vorbereitet. Der Weg sei zwar noch weit, aber man sei auf Kurs. Der folgende Satz, von einem 18jährigen ausgesprochen, habe ihn sehr berührt: "Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass es so etwas wie ein Chancengleichheit gibt. Deshalb sollte man schon kleinen Kindern beibringen, dass das Leben hart und ungerecht ist, damit sie sich von ganz klein an darauf einstellen können. Nur so sind sie für's Leben gewappnet." Solche Sätze möchte er nie mehr von jungen Menschen hören müssen.

Joana Guldimann von der Eidgenossenschaft

Joana Guldimann arbeitet im Bundesamt für Sozialversicherungen. Sie vertritt den  Standpunkt der Bundesbehörden. Sie bestätigt das bisher Gesagte und ergänzt mit noch einigen statistischen Angaben und illustriert das Phänomen, dass immer mehr Jugendliche die Schule oder die Lehre abbrechen. Gemäss einer Studie der Uni Fribourg seien es z.B. 6-9%, welche die Schule in der 8./9. Klasse abbrechen. Das seien 5000-7000 Kinder. Bei Ausschlüssen blieben davon 70% meist definitiv. Bei Schulabschluss erhielten etwa 75% sofort eine Lehrstelle, 20 % müssten sich eine Zwischenlösung suchen, und für 4 % gebe es gar keine Lösung. Nach der Ausbildung hätten 14% keinen Abschluss geschafft. Einen Erstarbeitsplatz zu bekommen sei so praktisch unmöglich, da die Betriebe immer mehr Erfahrung, Weiterbildung und Spezialisierung voraussetzten. Die Forderungen des Bundes:  mehr direkte oder indirekte Stellen in diesem Sektor,  Überarbeitung der Lehrstellenanforderungen, Casemanagement Berufsbildung, Förderung Projekt Integration, Mentoring und Coaching, Call Center Berufsbildung etc.  Zudem stünden Praxisfirmen bereit für KV-Wissen und die Möglichkeit, Erfahrungen mit Praktika zu sammeln. Was mit jenen Jugendlichen sei, die man nicht erreichen könne, dafür gebe es noch keine Massnahmen.

Christof Berger, KABBA (Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen)

Christof Berger würdigte aus der Sicht der Betroffenen die Absicht, dass personelle Mittel, Schulsystem und Koordination sowie Ganzheitlichkeit vermehrt Gewicht erhalten sollen. Und er bezeichnete die intensive Begleitung zwischen Schulabschluss und Erwerbstätigkeit als ausserordentlich wichtig. Er glaubt, dass das alles gute und wertvolle Massnahmen seien, sie aber letztlich nichts an der Situation ändern würden. Denn solange die Wirtschaft nicht in gleichem Masse in die Pflicht genommen würde, um besagte Massnahmen Wirkung zeitigen zu lassen, würden wir immer gleichviel Arbeitslose haben, nur viel besser ausgebildete. Nichts gegen die Anstrengungen auf dem Ausbildungssektor, aber die Arbeitswelt als Hauptursache müsse gleichermassen angepasst werden. Seine Aussage verdeutlichte er mit dem Gleichnis: dass wenn man einen Liter Wasser umgiessen wolle, aber nur ein Gefäss von 9 dl Inhalt zur Verfügung habe, dann nütze es nichts, den übergelaufenen Deziliter zu beschimpfen und zu bestrafen, das nächste Mal verhalte es sich genau gleich. Es wäre vielleicht angebracht, das kleinere Gefäss so umzugestalten, dass es den Liter fassen könne.

Publikumsdiskussion

Am Schluss der Veranstaltung wurde das Publikum gebeten, in 15 Minuten je zwei Vorschläge auszuarbeiten, welche eine Lösung der Probleme herbeiführen könnten.

Die meisten Vorschläge schlossen sich den Ausführungen der Vortragenden an und schlugen eine Verbesserung der Ausbildung vor, von der Aufgabenhilfe über die Tagesschule bis zum Coaching der jungen Leute zwischen Schulabschluss, beziehungsweise seit Anfang der Schwierigkeiten bis zu einem bestmöglich funktionierenden Eintritt ins Erwerbsleben hinein. Hauptsächlich unter Einbezug von älteren Menschen, die noch fit für eine solche Aufgabe wären und diese gerne übernehmen würden.

 

Kommentar:

Von Henriette Kläy

Im großen und ganzen eine überzeugend vorgebrachte Absicht, sich ernsthaft mit den Problemen auseinandersetzen zu wollen und auch unkonventionelle Wege zu gehen. Sehr erstaunt und erfreut hat mich der Vortrag von Ueli Studer, so dass ich fast den Verdacht hegte, er hätte das falsche Manuskript erwischt... Ich wünschte von ganzem Herzen, ich hätte in letzter Zeit auch nur einen einzigen SP-Politiker eine gleich ausgewogene, unpolemische und wirklichkeitsnahe Rede halten hören. Was mich am meisten freute: man hörte Mitgefühl und echte Besorgnis aus Studers Vortrag. Auch die anderen Referenten Perrenoud und Guldimann sprachen sehr offen über die Situation, ohne die sonst üblichen Beschönigungen und Ausweichmanöver. Und Christof Berger brachte mit seinem Beispiel vom Krug ein unumstößlich klares und einfaches Fazit. Das dann doch leider unerwähnt übergangen wurde, wie das bei unliebsamen Klarheiten oft der Fall ist. Wenn solche Vorträge weiter verbreitet wären, könnte man eventuell die tief verwurzelten Vorurteile, welche die SVP hegt und pflegt und düngt, doch eines Tages ausrotten.

 

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