Im gläsernen Käfig

Henriette Kläy

Üblicherweise spricht man vom Leben im „goldenen“ Käfig: ein Leben in Reichtum und Überfluss, aber ohne Freiheit. Es gibt aber zudem ein Leben im „gläsernen“ Käfig: ein Leben in Armut und Entbehrung, und gleichfalls ohne Freiheit.

Der goldene Käfig gehört einem reichen, eifersüchtigen Ehepartner, der alles kontrolliert. Der gläserne Käfig besteht in der Aufhebung verfassungsmässig garantierter Rechte für jene, die willkürlich von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Die Grenzen des Käfigs bemerkt man erst, wenn man sich immer und immer wieder den Kopf daran stösst.

Fast unerfüllbare Voraussetzungen

Nach einem Umzug werden einerseits  - nebst den Umzugskosten - Anschaffungen nötig:  Da kommt eine beträchtliche Summe zusammen, die ausserhalb der Begriffe „angemessen“ und „bescheiden“ liegt. Man muss kleine Beträge zusammensparen und warten, bis man das eine oder andere bezahlen kann. Das verzögert das
Einrichten ins Endlose.

Andererseits braucht man zum Nachhauseschaffen dieser oft transportunfreundlichen Artikel ein Fahrzeug, zudem liegen die billigsten Angebote natürlich nicht alle am gleichen Ort. Mieten wäre viel zu teuer. Also sucht man sich verständnisvolle Menschen, die bereit sind, einem ihren Wagen zu leihen. 

Die beiden unabdingbaren Prämissen Geld und Transport sind nicht einfach zu koordinieren: Hat man das Geld beisammen, fehlt das Auto, und hat man dieses endlich, ist das Geld schon wieder weg. Das Warten blockiert immer wieder die Arbeit. Die Beschaffung des Autos allein ist zeitraubend, je nach dem wo dieses Auto zu holen ist, und so reicht das Geld oder die Zeit  nie aus, um alles zu erledigen, und die Warterei fängt wieder von vorne an. Von * bis * stets wiederholen – heisst es in den Strickanleitungen.

Ein Tag wie viele

Da hatte ich also endlich wieder mal ein Auto, aber das nötige Geld war nicht eingetroffen. 

Ich brauchte Blumen für meine leeren Blumentöpfe. Da ich sie nicht kaufen konnte, musste ich sie in der Natur ausgraben gehen trotz des leisen Verdachts, so etwas sei verboten – geschützte Arten und so weiter. Ich fuhr also über Land – und musste feststellen, dass in der Zwischenzeit alle Wiesen abgemäht worden waren, auch die Strassenränder. Keine einzige Blume mehr! 

Enttäuscht beschloss ich, vorerst einmal bei der nächstgelegenen Landwirtschaftlichen Genossenschaft - zu der es von meinem Dorf aus keine direkte öffentliche Verbindung gibt - vorbeizuschauen. Beim Eintreten fiel mir sofort der Berg von köstlichen Aprikosen auf, die sogar reif sein mussten, so betörend war ihr Duft. Das Wasser lief mir im Mund zusammen, aber vergebens: zu teuer! Das Wasser wurde in die Augen umgeleitet. In meiner Tasche gab's kein Taschentuch, aber für sowas würde ich doch kein Geld vergeuden! Verbissen begab ich mich zu den Pflanzen. Die klein-sten Wildblumen, in der Natur gratis zu haben, kosteten hier bis zu 10 Franken. Auch das kam nicht in Frage. 

Neuer Anlauf: ich brauchte auch Möbelabdeckungen, die ich nach längerem Umherirren gut versteckt seitlich an einem Regal fand. Auf den Schildern standen die Preise für Sonnenschirmständer, Gartenbesprinkelungsschlauchaufsätze, Sonnenliegenauflagen, Becherhaltereinsteckständer, Gartenstuhlkissenhüllen und -Füllungen, Gartenstuhleinsinkverhinderungstellerchen - nur nichts von Abdeckhauben. Genervt machte ich mich auf die Suche nach jemandem, der mir Auskunft geben könnte. Die Dame, die ich irgendwo zwischen Kleintierfutter und Katzenklofüllmaterial fand, beschwichtigte mich mit vorwurfbeladenem Unterton: „Isch aus aagschribe!“.  „Sch'nid wahr!“ entgegnete ich und sie schritt beleidigt zum Regal, wo sie feststellen musste, dass ich recht hatte. Wohlig kräuselte sich der Triumph den schmerzenden Rücken hinunter. Wenigstens etwas war mir an diesem hoffnungslosen Tag gelun-gen! Es sollte auch das einzige bleiben. Zur Strafe nahm sich die Verkäuferin alle Zeit, um telefonisch die Preise herauszufinden, während ich mich auf einen der ausgestellten Gartensessel fallen liess, von wo aus ich sie böse anstarren konnte. Es war ja völlig überflüssig, das Ganze. Die Abdeckungen waren sowieso viel zu teuer. Ich ignorierte den Gedanken. 

Die Szenerie wiederholte sich mit demselben Ergebnis bei den Fliegengittern: aus-gedehnte Suchexpedition – die Verkäuferin hatte sich ins Reduit zurückgezogen und alle KollegInnen mitgenommen – mühsames Entziffern von kleinstgedruckten Beschreibungen, exorbitante Preise gemessen an meinen Möglichkeiten. Es würde höchstens für zwei Fenster reichen, alle anderen müssten ausgerechnet im Sommer geschlossen bleiben. Ich schickte mich darein, mit den Fliegen zu leben und sie zu lieben wie meine Feinde.

Müde und zornig verliess ich diesen schmerzensreichen Ort und machte mich auf den Heimweg. Der führte an einem Fluss entlang, auf dessen schöne Au ein Wegweiser hinwies. Vielleicht würde ich ja dort ein Plätzlein finden für eine kostenlose Pause im kühlenden Schatten von Weiden beim besänftigenden Gemurmel fliessenden Wassers. Leider musste ich feststellen, dass ich nirgends ans Wasser gelangen konnte, es war alles eingezäunt und zwischen den Bäumen konnte ich kleine Häuschen in schönen Gärten ausmachen – das ganze Ufer reserviert für diejenigen, die sich nebst diesem auch all das leisten können, was ich im Laden zurücklassen musste.

Auch mein Vorhaben, über eine schöne Landstrasse zurückzufahren, wurde schmählich vereitelt, weil die Strasse, wegen was auch immer, abgesperrt war. 

Wut und Verzweiflung

Der letzte Versuch war, anzuhalten und mich auf einem Waldspaziergang zu beruhigen. Als ich aber plötzlich auf eine Stelle aufgeweichten Waldbodens geriet und bis über die Knöchel darin versank und sich meine offenen Schuhe mit Erde füllten, verliess mich der letzte Rest von Contenance, und ich brach in wütendes Schluchzen aus. Die Erkenntnis, in einem gläsernen Käfig der Armut gefangen zu sein, war niederschmetternd. In welcher Richtung ich auch weiter ginge, immer würde ich mir nach ein paar Schritten den Kopf an einer unsichtbaren Wand anstossen. Das erfüllte mich mit ohnmächtiger Wut und Verzweiflung. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis ich kapitulierte, und was würde das heissen? 

In Gedanken unterschrieb ich jedes Manifest, das die unterdrückten Massen jemals verfasst haben mochten, vom Gladiatorenaufstand in Rom bis zu den letzten Revolutionen unserer Zeit, wohl wissend, dass keine von ihnen jemals auf Dauer das Geringste geändert hatte. Es gibt sie nach wie vor – und durch die Globalisierung mehr denn je - die Wenigen, die alles besitzen und alles bestimmen. Mit ihren beflissenen Funktionären und den am Gängelband der Abhängigkeit geführten Massen werden sie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und so weiter bis in alle Ewigkeit verhindern.

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Domaine Public veröffentlicht die Studie von Prof. em. Bernard Dafflon:

Steuer-Panorama der Schweiz

Von der Gemeinde zum Bund, zwischen Gerechtigkeit und Konkurrenz

 

MEDIENKONFERENZ

Freitag, 14. November 2014 um 10 Uhr

Käfigturm – Politforum des Bundes

Marktgasse 67 Bern

 

Zum Thema nehmen Stellung:

Ruth Dreifuss, Verwaltungsratspräsidentin der SA des Éditions Domaine Public

Yvette Jaggi und Lucien Erard, Mitglieder der Redaktion von Domaine Public

Bernard Dafflon, em. ord. Professor für öffentliche Finanzen an der Universität Fribourg

 

Documents (nur teilweise deutsch übersetzt)

• Avant-propos

• Résumé de l’ouvrage

• Le livre, qui constitue aussi DP 2058 du 14 novembre 2014

• DP 2016a du 30 novembre 2013 - Numéro spécial: L’avenir depuis 50 ans

avec DP

• DP 2052 du 29 septembre 2014 - Numéro spécial: L’empreinte d’André

Gavillet (1924 - 2014)

• DP 2057 du 10 novembre 2014 - un numéro ordinaire

 

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