Papst Franziskus übt heftige Kapitalismuskritik

Hälfte / Moitié

In seinem ersten Apostolischen Schreiben «Evangelii gaudium» (Die Freude des Evangeliums) prangert der Papst aus Rom Auswüchse der globalen Wirtschafts­ordnung an. Heute spielt sich alles nach den Kri­terien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Ge­setz des Stärke­ren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht.

Das Schreiben von Franziskus widmet sich im Übrigen Proble­men seiner weltweiten Glaubensgemeinschaft und kann hier eingesehen wer­den: http://www.vatican.va/holy_father/francesco/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium_ge.html

Noi siamo chiesa (Wir sind Kirche-Italien) schrieb am 28.11.2013 zur Kapitalismus­kritik im erwähnten Papst-Text:

Im zweiten Kapitel werden einige Dinge weniger explizit angesprochen, auch wenn sie nicht neu sind. Sie geben eine Richtung ganz klar vor: Nein zu einer Ökonomie der Aus­grenzung, Nein zur absoluten Autonomie der Märkte und der Finanzspekula­tion, Nein zu einer neuen Vergötzung des Geldes und zu Ungerechtigkeit, die Gewalt erzeugt, den Menschen im Süden der Welt wird Gewalt angetan, Waffen und gewalt­same Unterdrü­ckung statt des Suchens nach Lösungen schaffen neue und schlim­mere Konflikte, es gibt eine Tyrannei der Massenmedien. Schließlich hält Franziskus das Engagement gegen Ungerechtigkeit und für den Gläubigen für unmittelbar ei­nander ergänzend und die Option für die Armen für „eine theologische Kategorie.

Hier einige Passagen aus dem päpstlichen Rundschreiben von Franziskus zum Thema Kapitalis­muskritik im Wortlaut:

„Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht töten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ sagen. Diese Wirt­schaft tötet.

Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwun­gen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung.

Gesetz des Stärkeren

Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit.

Heute spielt sich alles nach den Kri­terien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Ge­setz des Stärke­ren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situa­tion sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir ha­ben die „Weg­werfkultur“ eingeführt, die sogar gefördert wird.

Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrü­ckung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausge­schlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.

Globalisierung der Gleichgültigkeit

In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die „Überlauf“-Theorien (trickle-down theories), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begüns­tigte Wirt­schafts­wachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbin­dung in der Welt her­vorzurufen vermag.

Diese Ansicht, die nie von den Fakten be­stätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirt­schaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Me­chanismen des herrschenden Wirtschafts­systems. Inzwischen warten die Ausge­schlossenen weiter.

Um einen Lebensstil ver­treten zu können, der die anderen aus­schließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisie­rung der Gleichgül­tigkeit entwi­ckelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden ge­genüber dem schmerzvollen Aufschrei der ande­ren, wir wei­nen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verant­wortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohl­stands betäubt uns, und wir ver­lieren die Ruhe, wenn der Markt etwas an­bietet, was wir noch nicht gekauft haben, während alle diese wegen fehlender Mög­lichkeiten unterdrück­ten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel er­schei-nen, das uns in keiner Weise erschüttert.

Vorrang des Menschen geleugnet

Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld herge­stellt ha­ben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vorherrschaft über uns und über unsere Gesell­schaften.

Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des an­tiken gol­denen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form ge­funden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die welt­weite Krise, die das Finanzwesen und die Wirtschaft er­fasst, macht ihre Unausgeglichen­heiten und vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deut­lich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Konsum.

Vergötterter Markt

Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit im­mer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichge­wicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanz­spekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staa-ten, die beauf­tragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen.

Es ent­steht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbitt­lich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt. Außerdem entfernen die Schul­den und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Zu all dem kommt eine verzweigte Korrup­tion und eine egoistische Steuerhinterziehung hinzu, die weltweite Dimensionen an­genom­men haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem Sys­tem, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwa­che wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur ab­soluten Regel werden.“

Ein Hinweis: Hugo Fasel, langjähriger CSP-Politiker, Nationalrat und Gewerk­schaf­ter (TravailSuisse) ist heute Direktor der Caritas. Er äusserte sich zum Thema Armut in der SRF-Sendung „Sternstunden Religion“ vom 12. Januar 2014. Siehe

http://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-religion/was-bringt-die-arme-kirche-den-armen

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: