Das würdevolle Sein im Kranken

Kristina Eva Schwabe

Weshalb akzeptieren wir Lebenssituationen nicht radikal? In der Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Gesundheitswesens und der Bewältigung der ansteigenden Kosten scheint mir von Nöten, dass wir den Menschen ins Zentrum rücken. Krankheit, Leiden und Tod sind Teil unse­res Lebens, unumgänglich und unerwartet können sie unser alltägliches Leben berühren, verändern oder gar beenden.  

Wir sollten uns bewusst sein, dass wir alle vor der Herausforderung stehen, uns mit diesen Themen vertieft zu beschäftigen. Wir sind verantwortlich für die Art der Be­gegnung mit Menschen, welche sich in Kri­sen ihres Lebens befinden und auf die Hilfe ihres Umfeldes, der Gesellschaft und des Staates angewiesen sind. Wir prägen das Menschenbild, welches das Leben in Gesundheit, in Krankheit und im Sterben beeinflusst. 

Es scheint mir, dass heute oft weder die Würde noch die Freiheit des Individuums in Krisensituationen geschützt ist. Wir haben einen noch nie zuvor erreichten Stand der Wissenschaft und der Medizin, welches Handeln und Wirken angebracht ist, um die bestmögliche gesundheitliche Verfassung zu erlangen. Wir haben ein unbegrenztes Angebot an scheinbar gesundheitsfördernden Anregungen und Produkten. Wir kön­nen uns mit präventiven Massnahmen vor Krankheit und Leiden schützen und unser Leben freiwillig beenden. Kranke Menschen haben wohl alle Regeln der Gebrauchs­anweisung zum gesunden Leben nicht befolgt. Sie waren nachlässig, rauchten, tran­ken und assen zu viel. Sie trieben zu wenig Sport, leisteten sich keine Früherken­nungsuntersuchungen und impften sich nicht. 

Ich bin überzeugt, dass wir für unsere Gesundheit Verantwortung tragen. Wir sollten uns Acht geben und uns stets darum bemühen, unseren Lebenswandel im Sinne unseres Wohlbefindens zu gestalten. Durch bewusstes Entscheiden und Verhaltens­änderungen können wir uns selbst und unserer Umwelt Gutes tun. Doch wir handeln aus unterschiedlichen Gründen oft nicht dementsprechend. 

Gesundheitsideale und Grenzen des Erträglichen 

Macht es jedoch Sinn, uns selbst und unsere Mitmenschen zu verurteilen, wenn das Leben nicht den angestrebten Idealen entspricht? Sind diese Ideale unerschütterlich oder möglicherweise kritisch in Frage zu stellen? Was dürfen wir uns leisten, um nicht die Grenze des Erträglichen zu überschreiten?

Die Freiheit des Menschen sollte darin liegen, sich entwickeln zu dürfen. Der Mensch trägt gedeihende und zerstörende Triebe in sich. Schuldzuwei­sungen verunmögli­chen die grundsätzliche Auseinandersetzung mit diesen inneren Kräften. Von Schuld beladen wird das vorwärts Schreiten erschwert, das Selbstbe­wusstsein erniedrigt und die Selbsterkenntnis verhindert. 

Weshalb akzeptieren wir gewisse Lebenssituationen nicht radikal? Sie sind einge­treten, wir müssen hinschauen und innehalten. Wenn sie da sind und wir sie als Her­ausforderung betrachten, können wir daran wachsen. Wir dürfen hadern, wir dürfen in Zeiten der Verzweiflung unser Schicksal verfluchen. Doch wir sollten keinem die Schuld zuweisen für unser Unglück, nicht Opfer der Taten eines anderen Menschen oder unserer eigenen Lebensschritte werden. Wir können Ursachen erkennen, Ent­wicklungen beobachten und daraus unsere Schlüsse ziehen. Aber wir dürfen dies nicht werten. Wir und unser Gegenüber  - wir sind in jeder noch so zerrütteten Le­bens­phase Menschen voller Würde. 

Auf Augenhöhe begegnen 

Dies heisst für mich, jedem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Das Schicksal und das Leiden meines Gegenübers aufrichtig anzuerkennen. Ein wahres und ver­bindendes Mitgefühl umhüllt uns in dunklen Zeiten. Hilfe und Unterstützung sind un­entbehrlich. Wir können und dürfen aber einem Menschen seine persönliche Ent­wicklung nicht abnehmen. 

Auch in gesundheitlich akuten Situationen sollte der Wille des betroffenen Menschen im Zentrum stehen. Das Individuum trägt auch dann die Selbstverantwortung. Durch Information und Kommunikation sollten dem Menschen Wege und Möglichkeiten sowie Gefahren und Konsequenzen aufgezeigt werden. Dies eröffnet ihm und seinen Angehörigen einen Entscheidungsraum.

Gesundheitsverwaltungswesen 

Jedoch scheinen die Entwicklungen in unserem Gesundheitsverwaltungswesen in eine andere Richtung zu gehen. Der Patient, die Patientin ist eine Fallpauschale mit Behandlungskonzept. Die Fachpersonen übernehmen die Diagnostik und empfehlen die bewährten Eingriffe oder Therapiemethoden. Der Mensch übergibt sich in diese Obhut, ohne zu hinterfragen. 

Vor allem im psychiatrischen Therapiebereich scheinen Patienten, Patientinnen oft ihrer Entscheidungsfreiheit enthoben. Hilflos konfrontiert mit beängstigenden Symp­tomen werden meist junge Patienten, Patientinnen in ein Behandlungskonzept ge­drängt und mit hohen Dosen Psychopharmaka ruhig gestellt. Nach kurzen Krisenauf­enthalten in geschlossenen Psychiatrien folgt der Aufenthalt in einer betreuten Wohngruppe mit geschützten Arbeitsplätzen. Nach bestem Wissen und Gewissen werden sie von unterschiedlichsten Fachpersonen betreut. Doch gut gemeint ist nicht zwingend gut, sondern oft Ursprung argen Übels. 

Fremdbestimmung und Selbstheilung 

Diese jungen Menschen verlieren fremdbestimmt den Zugang zu sich selbst und so­mit zu ihren Selbstheilungskräften. Sie lernen in einem für sie erbauten System zu existieren, doch fehlt ihnen die innere Aufrichtung. Ihre eigenen Ressourcen sind tief verborgen unter einem Regelsystem, dass ihnen ein scheinbar lebenswertes Sein ermöglicht. Sie sind normiert und gesellschaftsverträglich. 

Wir können dementsprechend Menschen bevormunden, durch Vorschriften und klare Regeln zu einem gewissen Gemeinschaftsglied formen, jedoch lassen wir dabei das Wesentliche des Menschen ausser Acht. Wir nehmen dem Menschen die Freiheit zu wollen und zu wirken. Wir schwächen unsere Gemeinschaft indem wir sie in die Ge­sellschaftsgruppe der Invaliden - der Wertlosen - einweisen. 

Doch ein Invalider auf dem einen oder anderen Gebiete ist wohl jeder. Die Frage stellt sich einzig, wie und wo man einem Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu ent­falten und wie sehr man ihn auf seinem individuellen Weg stärkt – im Interesse des betroffenen Menschen und nicht nach den Regeln eines paternalistischen Apparates. Dies käme uns allen zugute und würde wohl ungeahnt erhellte Biografien zu Tage fördern. 

Zur Person:

Kristina Eva Schwabe, 27-jährig, arbeitet im Umweltschutz.

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