Leben in muslimischer Tradition

Die Schweizerische Eidgenossenschaft ist ein aufgeklärter Staat. Er garantiert die Glaubens - und Gewissensfreiheit für alle EinwohnerInnen. Die Vielseitigkeit in den Traditionen der Menschen bedeutet ein wertvolles kulturelles Gut. Das spornt die Allgemeinheit zur Toleranz an. Wir geben hier den Standpunkt einer Muslima wieder und danken der Verfasserin für ihren wertvollen Beitrag (Red).

Ich bin im Irak als „unaufgeklärte“ Muslima aufgewachsen. In der Primarschule mussten wir zwar Koranverse auswendig lernen, und in der Sekundarschule die islamische Geschichte mit allen den Kriegen und Schlachten. Das hat mich erschreckt und nicht interessiert.

Aber wer unter dem Regime von Saddam und seiner Bath-Partei seine Religion praktizierte oder sie sogar öffentlich zur Schau trug, musste mit Verfolgung und Folter rechnen. Für meine Generation war alles, was mit Religion zusammenhing, mit grosser Angst verbunden. An der Universität kam ich in eine Gemeinschaft von Sozialisten, Kommunisten und Atheisten, in welcher nur die Evolutionstheorie galt und keine Religion galt.

Ich war verwirrt. Der Gedanke, dass ich und eine Fliege den gleichen Stellenwert, den gleichen Anfang und das gleiche Ende haben sollten, war für mich zu dumm. Ich habe viele Freunde gehabt: Araber, Kurden, Christen, Muslime, wir haben nie über Glauben oder Gott diskutiert, sondern uns respektiert und akzeptiert.

Flucht in die Schweiz

Nach dem Abbruch meines Studiums aus politischen Gründen verliess ich den Irak und landete in der Schweiz. Sie ist ein modernes, entwickeltes, demokratisches Land. Gott sei Dank konnte ich Englisch sprechen. Jedoch waren die Bekanntschaften, die ich gemacht hatte, ausserordentlich aufdringlich mit den Diskussionen über meinen Glauben und meine Herkunft. Ich fragte mich immer: wieso sind diese Leute so skeptisch und aufgeregt? Weil ich nicht Christin bin? Aber sie sind ja selber gar nicht gläubige Christen... Oder weil ich keine gläubige, praktizierende Muslima bin, oder nicht so primitiv wie man sie gelehrt hatte? Ich hörte viele verletzende Worte – weil ich eine Fremde bin und so wenig über diese Kultur hier wusste? Aber mein Motto war ein altes arabisches Sprichwort: „Fremder, sei kultiviert!“, darum habe ich alles nicht so ernst genommen.

Diskriminierung und Zynismus

Weil ich immer wieder vom Europäer hier angegriffen wurde mit diskriminierenden, zynischen Sätzen, ging ich schliesslich im Jahr 1988 tatsächlich auf die Suche nach Gott. In der Dolmetscherschule lernte ich Zeugen Jehovas kennen: sie waren sehr nett und freundlich zu mir und nahmen mich mit in ihre Kirche und in ihr Zuhause, bis ich eines Tages entweder konvertieren sollte, wenn nicht, würden sie den Kontakt abbrechen.

Ich lernte eine katholische Frau kennen und ging mit in ihre Kirche und zu Diskussionen. Aber das Kreuz... die Dreifaltigkeit... das hat mich alles sehr verwirrt. In der reformierten Kirche war es wie in einer Diskothek.

Schliesslich lernte ich 1990 an meiner Arbeitsstelle einen Araber kennen, der sich gerade bekehrt hatte. Er gab mir Kassetten und Bücher über den Islam. Ich fing an zu lesen und zu hören, und nach ein paar Wochen hatte ich ein Erleuchtungserlebnis: wie wenn ich vor langer Zeit etwas Wertvolles verloren hätte, und plötzlich war es wieder da. Ich habe Gott gefunden, das Licht.

Da begann ein Kampf in mir. „Ja, ich glaube“ heisst im Islam: Verantwortung tragen vor Gott – Verantwortung heisst praktizieren. Ich fand Antworten auf alle meine Fragen nach den Rechten der Frau im Islam. Je mehr ich las und hörte, desto überzeugter war ich, und da ich nicht jemand bin, der halbe Sachen macht, hiess es: entweder richtig, die volle Praxis – oder gar nicht. Ich fing an, meine Umgebung zu testen, erzählte meinen  Freundinnen, ich hätte mich bekehrt, und – begann das Kopftuch zu tragen.

Neue Ausgrenzungen

Natürlich stiess ich auf grösste Ablehnung, einige Kontakte wurden abgebrochen, mit den anderen fehlte bald die gemeinsame Basis. Niemand fragte danach, was es denn sei, das ich da gefunden hatte, meinen Erklärungen gegenüber waren alle taub. Auch auf meine Chancen, Arbeit zu finden, wirkt es noch heute fast prohibitiv: „Ja aber, kommen sie in diesen Kleidern zur Arbeit?“ Ja, bewerbe ich mich etwa als Stripteasetänzerin? Warum soll ich als Putzfrau nicht ein Kopftuch tragen können? Das tun doch viele Schweizerinnen auch. Manchmal erfahre ich Ablehnung in der Öffentlichkeit, aber fast ausschliesslich von älteren Menschen, die sich durch Andersartigkeit bedroht fühlen. Dabei sind es die Christen, die haben mich mit der Nase darauf gestossen. Vermeintlich deshalb, weil es ursprünglich zur traditionellen Kleidung im ganzen arabischen Raum gehörte und vom Islam lediglich übernommen wurde, wie von vielen anderen Kulturen auch (Italien, Schweizer Bauernfrauen, jüdische Tradition).

Aber es hat ungleich viel mehr Vorzüge: Überall in der Welt werden Frauen von Männern mehr oder weniger angemacht, dieser Trieb hat keine Nationalität. Und wenn ich mir auch die grösste Mühe gab, keinerlei entsprechende Signale auszusenden, vermisste ich ohne das Kopftuch Respekt und Rücksicht. Das Kopftuch schützt mich, die Männer haben nicht den Mut, mich anzusprechen, oder zumindest empfinden sie keinerlei Veranlassung dazu. Im Gegensatz zu ihren Schulkameradinnen wird meine Tochter respektiert und in Ruhe gelassen, wenn jetzt rings um sie her das Auskundschaften des anderen Geschlechts beginnt.

Meine Persönlichkeit und meine freie Wahl

Ich trage mein Kopftuch aus Ehrerbietung meiner Persönlichkeit, meiner freien Wahl und meiner Religion gegenüber. In Sure An-Nur, 24,31 heisst es zu den Frauen: „. …und dass sie ihr Tuch um ihre Kleidungsausschnitte schlagen und ihre Zier vor niemand herausstellen außer ihren Gatten … „.

Meine Haltung gegenüber den Bräuchen und Normen meiner Wahlheimat, die ich sehr liebe und respektiere, hängt nicht von einem Stück Stoff ab. Jeder glaubt seinem Chef mit dem Arbeitsvertrag, warum soll ich meinem Gott nicht glauben?

                                                                                                     

In der Bundesverfassung steht geschrieben

Die Schweizerische Eidgenossenschaft geht im Sinne der Aufklärung und der allgemeinen Menschenrechte von der Gleichwertigkeit aller Religionen aus. Die Bundesverfassung hält fest:


Art. 15 Glaubens- und Gewissensfreiheit

1 Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet.

2 Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen.

3 Jede Person hat das Recht, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören und religiösem Unterricht zu folgen.

4 Niemand darf gezwungen werden, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzu­gehören, eine religiöse Handlung vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu folgen.

 

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: