Es braucht mehr als Geld

Albert Jörimann & Andreas Mildner

Ina Praetorius plädiert für ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein neues Verständnis von Arbeit. Die evangelische Theologin gehört zu den Erst­unterzeichnenden der Grundeinkommens-Initiative. Wolf Südbeck-Baur hat sie interviewt.

Frage: Ina Praetorius, 2500 Franken bedingungsloses Grundeinkommen für alle fordert die Volksinitiative. Davon profitieren würden mehr Frauen als Män­ner. Warum?

Ina Praetorius: Das ist rechnerisch richtig, weil Frauen vor allem im Care-Bereich – Hausarbeit, Entsorgung, Pflege und reinigende Tätigkeiten  - überdurchschnittlich viel Gratisarbeit und schlecht bezahlte Arbeit leisten. Wenn mit einem bedingungslosen Grundeinkommen die Existenz der Frauen, Kinder und Pflegebedürftigen gesichert wird, steigt in diesem Sektor die Geldmenge. Die Unterscheidung zwischen Lohn und Existenzsicherung ist darum sehr wichtig: Das Grundeinkommen ist kein Lohn, son­dern eine Existenzsicherung. Oberhalb dieser Existenzsicherung wäre in der Folge alles neu zu verhandeln. Hier könnten die Frauen profitieren, allerdings nur, wenn sie selbstbewusst argumentieren und auf den Wert ihrer Arbeit hinweisen, für die schliesslich ein anständiger Lohn zu zahlen ist.

Sie sprechen von einer «postpatriarchalen Neudefinition» der Arbeit. Wie ist das zu verstehen?

Diesen Begriff möchte ich mit Nachdruck unter die Leute bringen. Er bezeichnet et­was, das wir dringend brauchen. Während der Feminismus das Patriarchat vor allem kritisiert hat, will die postpatriarchale Denkbewegung konstruktiv fragen, wie wir in Zukunft unser Zusammenleben gestalten wollen. Dafür müssen wir uns darüber eini­gen, was überhaupt unter Arbeit und Wirtschaft zu verstehen ist.

Und was verstehen Sie unter Arbeit?

In unserer aufs Geld fokussierten Gesellschaft wird “Arbeit” immer schon mit “Geld­erwerb” identifiziert. Dass Hausfrauen etwa sagen, sie seien “nur zuhause” oder “ar­beiten nicht”, macht deutlich, dass ihre Tätigkeiten nicht als Arbeit betrachtet werden. Das muss sich ändern! Wirtschaft ist nicht die “Gesamtheit der über Geld vermittelten Tauschakte”, sondern die “Gesamtheit der Tätigkeiten, Dienstleistungen und Pro­dukte, die der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse dienen”.

Wie begründen Sie dieses Verständnis der Arbeit theologisch sozialethisch?

Zentral geht es um das Menschenbild und die Frage, wer wir eigentlich als Menschen sind. Dabei steht auf der einen Seite der Mensch in seiner Freiheit, Unabhängigkeit und Stärke, auf der anderen in seiner Schwäche und Abhängigkeit. Dieses Entwe­der-Oder gilt es aufzuheben, denn wir alle sind fürsorgeabhängig. Die Theologie hat dieses Wissen über die Jahrhunderte bewahrt.

Was genau muss korrigiert werden?

Anders als viele Theologen immer noch sagen, sind wir nicht abhängig von einem “Herrn im Himmel”, sondern von der Natur und voneinander, also von Sprache, Mo­ral, Zuwendung, Beziehungen und so weiter. Diesen Gedanken möchte ich in die Debatte einbringen und betonen. Denn damit ändert sich der Arbeitsbegriff hin zur Frage, was wir zum Leben wirklich brauchen, und das ist mehr als nur Geld. Kein Säugling könnte überleben ohne all die Arbeit und Fürsorge, die er selbstverständlich gratis  bekommt und die im Regelfall die Mutter leistet. An dem Punkt wird es sehr theologisch und jeder sieht: Mit der Debatte über das bedingungslose Grundein­kommen und das Verständnis von Arbeit geht es eindeutig um die Gestaltung von Beziehungen und von zwischenmenschlichen Abhängigkeiten in Achtsamkeit. In dem Punkt warte ich noch auf ein klärendes Wort der Kirchen.     

Kritisch wird eingewendet, dass viele Menschen mit einem bedingungslosen Grund­einkommen überhaupt nicht mehr arbeiten wollten. Was sagen Sie dazu?

Ungefähr 50 Prozent der Arbeit wird jetzt schon unentgeltlich geleistet. Jede Haus­frau ist das beste Beispiel dafür. Sie ist sinnvoll tätig, ohne dass sie dafür bezahlt wird. Daraus schliesse ich, dass die Leute bereit sind, eine Arbeit dann zu tun, wenn sie Sinn macht. Diese Einsicht übertrage ich auf das Menschenbild. Die Antwort auf die Frage liegt auf der Hand, ob der Mensch ein geborener Faulenzer ist oder ein tätiges Wesen. Dies belegen auch Untersuchungen zum Beispiel des ETH-Arbeits­psychologen Theo Wehner. Entsprechend baut die Grundeinkommens-Initiative da­rauf auf, dass die Menschen gerne sinnvoll tätig sind.

Das Risiko des Faulenzers ist damit nicht aus der Welt...

… das Risiko, dass eine gewisse Anzahl der Menschen tatsächlich Mühe hat, sinn­voll tätig zu werden, ist kein Widerspruch zur Grundannahme, sondern ich würde das eher als Leiden einstufen, das etwa in einer Depression begründet liegt. Arbeitsunfä­hige Menschen brauchen Hilfe, nicht soziale Stigmatisierung. Ich bin überzeugt, dass Menschen, die in einem sinnvollen Umfeld leben, tätig sein wollen und entsprechend auch tätig sind.                        

Der Wirtschaftsverband economiesuisse befürchtet, dass die Initiative den Wohlstand gefährde. Wie sehen Sie das?

Was ist Wohlstand? Entscheidend ist, wie wir Wohlstand definieren. Es kann durch­aus sein, dass das Bruttosozialprodukt etwas sinken würde, weil weniger sinnlose Dinge wie etwa Waffen oder Talkshows produziert würden. Zudem haben wir inzwi­schen andere Messmethoden für das, was uns glücklich macht. Nicht die Steigerung des Bruttosozialprodukts, sondern die Lebensqualität, der Grad an Gesundheitsver­sorgung und so fort. Insofern ist der Massstab der economiesuisse sehr fragwürdig.

Wie soll das Wirtschaftssystem mit einem bedingungslosen Grundeinkommen funkti­onieren?

Tatsächlich sind hier viele Fragen offen. Es ist richtig, dass ein Grundeinkommen nur wirklich Sinn macht, wenn es international eingeführt wird. Sonst ist mit diversen Verwerfungen zu rechnen. Das betont auch das Basic Income Earth Network BIEN. Wird die Volksinitiative angenommen und ein Grundeinkommen eingeführt, wird die Wirtschaft im Prinzip so weiter laufen wie bisher. Unsere Initiative ist nicht markt­feindlich und weder links noch rechts. Vielmehr gehen wir davon aus, dass der Markt auch weiterhin eine wichtige, wenn auch nicht die erstrangige regulierende Kraft der Wirtschaft bleibt, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Existenz der Menschen gesichert ist.   

(Das Interview ist zuerst im „aufbruch Unabhängige Zeitschrift für Religion und Ge­sellschaft“ Nr. 198/2013 erschienen).

Zu den Personen:

Ina Praetorius ist evangelische Theologin und freie Autorin. Bekannt wurde die 56jährige mit ihren Büchern "Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken" (2011) und "Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition" (2005). Sie lebt in Wattwil.

Wolf Südbeck-Baur ist Theologe und Journalist. Er leitet die Redaktion des auf­bruch, der unabhängigen Zeitschrift für Religion und Gesellschaft. Der aufbruch inte­ressiert sich für das, was an den Rändern der Konfessionen und Religionen auf­bricht. Er ist  gesellschaftskritisch präsent, wo es um zentrale christliche Werte geht. Er nimmt Partei für die Benachteiligten, auch im Verhältnis von Mann und Frau sowie in der Beziehung von Mensch und Natur. Der aufbruch erscheint seit 25 Jahren achtmal jährlich. www.aufbruch.ch

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