Menschen gibt es

Paul Ignaz Vogel

Der Bund, die GesundheitsdirektorInnen der Kantone und die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz haben sich 2011 zu einem Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz zusammengetan. Dieses führte am 20. Juni 2012 in Bern sein erstes Jahrestreffen durch.

Andy Tschümperlin erzählte zur Eröffnung der Tagung aus seiner Jugendzeit. Als er 24 Jahre alt war, beging sein Freund Suizid. „Wir hatten das alle nicht erwartet“.  Defizite, Imperfekte, Vergangenes in der Gegenwart eines jeden Menschen, auch Psyche oder Seele genannt, kommen vor. Zugang zur Depression fand Tschümperlin in der eigenen Familie, als eine Tochter in einer schwierigen Phase professionelle Hilfe beanspruchen musste. Heute studiert sie Psychologie.

Wer ist Andy Tschümperlin? Wer ist dieser Mensch, der so freimütig von menschlichen Befunden im eigenen Kreis berichtet? Er ist Reallehrer und Schulleiter, Präsident Elternbildung Schweiz und Präsident der sozialdemokratischen Fraktion in der Bundesversammlung der schweizerischen Eidgenossenschaft. Er durfte an der ersten Netzwerktagung für psychische Gesundheit in der Schweiz als geistiger Pate auftreten.

Politik zum Wohle aller

Vor etwa 15 Jahren begann Tschümperlin sein politisches Engagement. Es sollte nicht dem Eigennutz, sondern dem Wohl der anderen Menschen in der Gesellschaft dienen. Altruismus anstatt Egoismus ist ein Motiv des öffentlichen Handelns. Tschümperlin: „Die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten ist heute sehr gross. Bei Jüngeren besteht eine Blockade. Die Belastungen in der Arbeitswelt sind wahrscheinlich grösser als seinerzeit. Dazu kommt die IT-Kommunikation“. Diese repressive gesellschaftliche Wirklichkeit bei der produktiven Arbeit passt nicht ins Leitbild der neoliberalen Ideologie mit seinem Homo oeconomicus. Dieser handelt nur wirtschaftlich, rational und eigeninteressiert, optimiert den Egoismus, genannt Gewinn und glaubt, über alle vollständigen Informationen zu Entwicklungen und Ursachen zu verfügen.

Der Nationalrat hat am 15. Juni 2012 eine Motion von Andy Tschümperlin abgeschrieben, „weil seit mehr als zwei Jahren hängig“. Für Tschümperlin ist die Sache nicht erledigt, er will sie gleich noch einmal einreichen. In der Motion verlangt er eine nachhaltige Aufklärungskampagne über die psychischen Krankheiten und die Wiedereingliederung von IV-RentnerInnen ins Arbeitsleben. Der Bundesrat weist in seiner ablehnenden Antwort auf Schwierigkeiten mit den Arbeitgebern hin. Wen wundert’s?

Auf der Kippe stand auch die Beratung über ein neues Bundesgesetz zur Prävention und Gesundheitsförderung. Nach dem Nationalrat entschied der Ständerat als Zweitrat am 1. Juni 2012 nur mit dem Stichentscheid des Präsidenten, auf eine Weiterbehandlung des Geschäftes einzutreten. Mit 20 zu 16 Stimmen hiess schliesslich die Kleine Kammer einen Gesetzesentwurf gut.

Runder Tisch als künftige Möglichkeit

Die erste Netzwerktagung zur psychischen Gesundheit in der Schweiz brachte zuerst einmal eine Auslegeordnung der verschiedenen Partner mit Beiträgen zum Thema. Das wirkte oft zufällig und entsprach der heutigen Ist-Situation im Gesundheitswesen für den Bereich des psychischen Wohlergehens der Bevölkerung. Ein ehrlich aufgezeigtes Chaos und damit ein guter Beginn.

Eine Arbeitsgruppe machte eine Stoßrichtung deutlich. Erwünscht wird offenbar von vielen Teilnehmenden weniger eine Machtballung in der Form einer verwaltungstechnokratischen Superagentur unter Bundesaufsicht, sondern eher ein tiefgreifender Wissens- und Erfahrungsaustausch über die Umsetzung von zukunftsbringenden Maßnahmen im Bereich der psychischen Gesundheit. Ein runder Tisch von Fachleuten ist gefragt, keine Machtausübung der involvierten Behörden. Praktiker sollen das Sagen haben. Darum oblag es zum Schluss der Tagung einem Hausarzt, aus seiner Praxis zu informieren. Die Mehrzahl der Teilnehmenden war hingegen schon davon gelaufen. Der Alltagsstress im Gesundheitsmanagement hatte sie gerufen.

Anlaufstellen im gesellschaftlichen Alltag können nur niederschwellig und bevölkerungsnah arbeiten. Die drei beteiligten Bundesstellen, das Bundesamt für Gesundheit, das Bundesamt für Sozialversicherungen und das Staatssekretariat für Bildung und Forschung sowie die Schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz der Kantone werden sich künftig bemühen müssen, zuzuhören und von der Wirklichkeit in der Basis der Gesamtbevölkerung zu lernen. Neues zu erkennen kann auch für sie spannend werden. Ihr wissenschaftliches Know-How dürfte den Amtsstellen behilflich sein, dienend am Runden Tisch teilzunehmen. Die kläglich gescheiterte Managed-Care-Vorlage hat doch gezeigt, wie weit theoretische Gesundheits-Projekte aus Amtsstuben von der Wirklichkeit in der Gesellschaft und von den tatsächlichen Problemen der Bevölkerung entfernt sein können. Das sollte für Bundesbern eine Lehre auf längere Zeit sein. Frischer Wind durch das Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz kann da nur nützen.

Ein humanistisches Anliegen

Schließlich sollte es für das Netzwerk Psychische Gesundheit weniger um eine Perfektion der behördlichen Abläufe (Interinstitutionelle Zusammenarbeit zum Beispiel) und um eine Effizienzsteigerung der Sozialversicherungen gehen, sondern eher um jeden Menschen, um Individuen mit ihren psychischen Erkrankungen.

Gesundheitspolitik ist ein humanistisches Anliegen. Ziel ist jeder Einzelmensch in seinem Schicksal. Krankheiten und gesellschaftliche Prävention sind ins Zentrum aller Bemühungen zu rücken. Keine Effizienzsteigerung im immer schlankeren Staat, keine Optimierung von Abläufen, keine Gewinnsucht von privaten Krankenkassen und ihrer Anlagepolitik an den Börsen. Es sei darum zurück buchstabiert vom neoliberalen Wahnwitz: Humanismus ist eine Weltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, den Werten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert (Wikipedia). Dort liegt auch unsere Zukunft.

Siehe: http://www.gesundheitsfoerderung.ch/pdf_doc_xls/d/Metadaten/News/Programm-Netzwerktagung-2012.pdf

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