Menschen in Armut

Henriette Kläy & Markus Troxler

Am 25. August 2012 fand im CAP (Kirchgemeindehaus der Französische Kirche) in Bern eine saalfüllende Versammlung (ca. 80 Personen) von Armutsbetroffenen aus der ganzen Schweiz statt. „Menschen in Armut ergreifen das Wort“ war Thema des Treffens. Eingeladen hatten die Liste 13 gegen Armut und  Ausgrenzung aus Basel, die IG-Sozialhilfe aus Zürich, die Bewegung ATD Vierte Welt und AvenirSocial.

Scham und Verstecken sind überwunden: Jetzt ergreifen die Armutsbetroffenen nicht nur das Wort, sondern sie schreiten zur Tat - mit Energie und einer überbordenden Vielfalt von Ideen, und vor allem: mit Solidarität und Willen zu grundlegender Veränderung.

Es war nicht nur erfreulich, wie viele Menschen sich versammelt hatten, sondern vor allem auch, dass sie aus verschiedenen Teilen der Schweiz, aus Genf, Basel, Neuenburg, Yverdon, Winterthur, der Ostschweiz und weiteren Orten kamen. Einige von ihnen hatten Texte verfasst, die, in einer Broschüre zusammengefasst, ein erschütterndes Zeugnis von Zuständen und Schicksalen ablegen. Man würde sie überall ansiedeln, ausser in der reichen und ordentlichen Schweiz.

Eingeladen wurde mit dem Ziel, den Runden Tisch vom 19. November 2012 vorzubereiten, an dem Bilanz über die Wirkung der Arbeiten zur gesamtschweizerischen Strategie zur Armutsbekämpfung gezogen werden soll. Die TeilnehmerInnen an der Tagung in Bern teilten sich in zwei thematisch verschiedene Gruppen auf.

Persönlicher Überlebenskampf, leben in Armut und Alltagsstress

(Bericht von Markus Troxler)

„Als alleinstehende Mutter leide ich immer wieder unter Existenzängsten. Dazu habe ich Schuldgefühle, da ich meinen Kindern oft nicht gerecht werden kann, weil Arbeit und Kinder nicht immer unter einen Hut zu bringen sind. Ich bin oft einer extremen Belastung ausgesetzt, besonders in Situationen, wenn eines der Kinder krank ist.“

„Ich hatte mit meinem Töffli einen Verkehrsunfall. Im Polizeirapport wurde die Situation falsch festgehalten. Die Kosten für die Erbringung der Beweismittel musste ich selber übernehmen. Dazu musste ich mich verschulden.“

„Von den Ämtern wird mir nicht geholfen, ich werde dort getreten.“

„Die Mitarbeiter im Integrationsprogramm sind nicht sozial ausgebildet und nicht bereit mir zuzuhören.“

„Wieso muss ich mich vor den Behörden entblössen und ihnen über alles Auskunft geben, nur weil ich zu wenig verdiene, um meine Familie zu ernähren? Das ist entwürdigend.“

„Als 50-jährige chronisch kranke Frau fragte mich die 23-jährige Sozialarbeiterin: Warum gehen Sie nicht arbeiten? Und: Brauchen Sie ihre Medikamente? Das ist ebenfalls entwürdigend.“

„Es ist enorm schwierig eine Wohnung zu finden, da viele Vermieter Menschen mit Behinderung oder Sozialhilfe ablehnen. Da fühle ich mich diskriminiert.“

Engagiert schilderten die TeilnehmerInnen ihre persönlichen Situationen und Erfahrungen. Es blieb aber nicht dabei. Die Betroffenen machten auch Vorschläge zur Verbesserung der Situation, so zur besseren Schulung und zu mehr Personal bei den Sozialdiensten und bei der IV. Oder zur Schaffung von unentgeltlichen Ombuds- bzw. Rechtsberatungsstellen um der Willkür der Behörden nicht ausgeliefert zu sein. Oder zu vermehrter Unterstützung von Umschulungen, auch wenn sich das wirtschaftlich nicht immer auszahlt. Oder zur Schaffung eine Bundesgesetzes für die Sozialhilfe. Oder zum Schutz vor entwürdigenden, prekären Arbeitsverhältnissen.

Im Zentrum all dieser Vorschläge stand der Wunsch nach einer solidarischen Gesellschaft, in welcher Armutsbetroffenen würdevoll und menschlich begegnet und ihnen geholfen wird, ihre Situation zu verbessern.

2. Arbeitsmarkt und Selbsthilfeprojekte: Raus aus der Zwangsarbeit, Selbstbestimmung verwirklichen

(Bericht von Henriette Kläy)

Jeder Mensch hat ein Potenzial und Ressourcen, die ihrer Beschaffenheit gemäss eingesetzt werden müssen. So kann er gesund bleiben. Dies geschieht nicht mit unqualifizierten Jobs, wie sie SozialhilfeempfängerInnen meistens aufgezwungen werden. Man fühlt sich „wie ein Automobilist, der mit seinem Auto in die Schweiz kommt, wo er aber über Stock und Stein fahren muss, weil keine Strassen vorhanden sind“. Da „die Uni-Professoren und Fachleute bis jetzt nicht fähig sind, entsprechende Lösungen zu lehren, müssen wir das selber in die Hand nehmen.“

Es wurden einige bereits realisierte Beispiele präsentiert, aber weit mehr ausgezeichnete Ideen, welche durch fehlendes Kapital, fehlende Kraft und Gesundheit, gesetzlich/amtliche Blockaden verhindert werden oder als Einpersonenbetrieb nicht realisiert werden können.

Man will anders wirtschaften, nicht mehr dem Kapital dienen, nicht unbeschränktes Wachstum und maximierte Gewinne einfahren. Man will unter menschenwürdigen, den eigenen Fähigkeiten entsprechenden und gerechten Bedingungen arbeiten und so viel erwirtschaften, dass jedem Mitarbeiter ein ausreichendes Einkommen gesichert und mit angemessenen Investitionen der Betrieb weitergeführt werden kann.

Dazu wünscht man sich insofern Unterstützung vom Staat, als dieser in kleinem Rahmen ein Startkapital zur Verfügung stellt und die Übergangszeit mitträgt, da die minimalen Sozialhilfebeträge es verhindern, solche selber zu ersparen. Ausserdem darf bei Nichtgelingen nicht mit Beitragsstreichungen, restriktiven Bedingungen oder Neuantrag bestraft werden, sondern die entstehendne Engpässe müssen überbrückt werden.

Da der Staat offensichtlich nicht willens und im Stande ist, angemessene und geeignete Reintegrationsmassnahmen zu bieten, und da durch die längst nicht mehr ausreichenden Bezüge und die ständigen bürokratischen Schikanen so viele Menschen mutlos und krank geworden sind, ist es nicht zu viel verlangt, wenn der Staat den Willen zur Selbsthilfe zumindest am Start mitfinanziert. Das Gelingen vieler dieser Kleinstunternehmen würde umgekehrt die Staatskasse nicht nur entlasten, sondern sogar noch Steuern einbringen.

Es wurden viele Realisierungsmodelle vorgestellt, die Hand und Fuss haben, denn sie wurden ja von Fachleuten erarbeitet. Fachleuten, denen in der jetzigen Situation jegliche Fähigkeiten und Selbstbestimmung abgesprochen werden. Es wurde auch beschlossen, im Internet eine Plattform einzurichten, auf denen Modelle und Pläne vorgestellt und die notwendigen Mitarbeiter gesucht werden können. Jeder kann sich dort über  Arbeitsangebote informieren und seine Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten anbieten. Dies alles auf einer gleichwertigen Ebene, ohne das hierarchische Gefälle zwischen „Chef“ und „Angestelltem“.

Diese Menschen haben nichts zu verlieren, sie sind schon am untersten Grund angelangt. Sie haben leidvoll erfahren, dass wahnwitziges, grenzenloses Gewinnstreben keine Zukunft hat, sondern dass nur ein solidarisches Hand in Hand-Arbeiten, ein dem menschlichen Mass entsprechendes Wirtschaften und die Berücksichtigung von individuellen Möglichkeiten ein befriedigendes und menschenwürdiges Leben ermöglicht. Und sie sind entschlossen, ein solches ungeachtet aller Widerstände zu realisieren.

(Anmerkung: Alle Zitate stammen aus Wortmeldungen in der Versammlung.)

 

Informationen zu den einladenden Organisationen

ATD Vierte Welt

In der Bewegung ATD Vierte Welt setzen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen mit von Armut direkt Betroffenen für die Überwindung von Not und Ausgrenzung ein. Sie tun dies in ihrem persönlichen Einflussbereich und in gemeinsamen Projekten. Die Bewegung ATD Vierte Welt wurde 1957 von Joseph Wresinski und Familien, die in Noisy-le-Grand bei Paris in einem Obdachlosenlager untergebracht waren, gegründet. Sie wehrt sich dagegen, dass Frauen, Männer und Kinder in unserer Gesellschaft als wertlos gelten und mit Verachtung behandelt werden. Sie lädt alle ein sich einzusetzen für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch in seiner Würde und mit seinen Grundrechten respektiert wird.

AvenirSocial Schweiz

AvenirSocial - Soziale Arbeit Schweiz - vertritt die Interessen der Professionellen mit einer Ausbildung in Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation, Kindererziehung und Sozialpädagogische Werkstattleitung auf Ebene Fachhochschule, Höhere Fachschule oder Universität in der Schweiz. Ziel ist die Vernetzung der Professionellen der Sozialen Arbeit sowie die Vertretung und Wahrung ihrer beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen.

IG Sozialhilfe ZH

Die IG Sozialhilfe ist einerseits die Summe der Vielfalt der Schicksale der Armuts- und Überle­bens­erfahrungen aller MitarbeiterInnen, andererseits die Summe der Vielfalt der Schicksale und Probleme der Armutsbetroffenen, mit denen die IG Sozialhilfe ständig konfrontiert wird. Die IG Sozialhilfe bringt die jahrelange Erfahrung der solidarischen Überlebensarbeit mit Menschen und deren Schicksalen zur Sprache, die in der reichen Schweiz als inexistent gelten und deren ständige Menschenrechtsverletzungen nicht wahrgenommen werden.

Liste13 Basel

Die Liste gegen Armut und Ausgrenzung setzt sich auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene gegen Armut und Ausgrenzung ein. Die Liste gegen Armut und Ausgrenzung ist verpflichtet, die Forderungen der Basler Armutskonferenz von unten zu vertreten. Die Liste gegen Armut und Ausgrenzung setzt sich dafür ein, die Armut zu bekämpfen und nicht die Armen. Langfristig setzt sich die Liste gegen Armut und Ausgrenzung für eine grundlegende Reform des Sozialwesens in der Schweiz ein, z.B. die Regelung der Sozialhilfe auf nationaler Ebene oder ein garantiertes Grundeinkommen für alle.

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