Menschenrechte sind keine Leichtfertigkeiten

Yvette Jaggi

Mein Idealismus enthält alleine schon alles: der Wille, etwas Sinnvolles zu tun, die Anmutung an mich und meine Umwelt, die Welt anders zu denken, als sie ist, sie zu ändern, die Vorstellung, dass man, wenn man nur genug will, die Welt auch ändern kann, und dass dies notwendig zu einem guten Leben gehört. Ich will dauernd die Sterne vom Himmel holen. 

Dies umso mehr, als wir in einer seltsamen Zeit leben. Wir müssen die Augen offen halten, entsetzliche Dinge laufen am Zeitbewusstsein fast vorbei. An den Mauern der Festung Europa herrscht der hundertfache Tod und wenige nehmen es zur Kenntnis. Der Unterschied zum Entsetzen über die Boatpeople in den 1970er-Jahren im Südchinesischen Meer könnte nicht grösser sein. Nichts mit Nachrichtenwerten der Nähe, sondern ein anderer Zeitgeist, der quer durch Europa die Herrschaft ergriffen hat: Der Tod vor den Küsten von Italien, Malta und Griechenland ist heute weniger Wert als der Tod damals im Südchinesischen Meer. […] Mit der Faschismuskeule muss man vorsichtig umgehen, aber die Negation von Asylrecht in der Schweiz und die Negation der Menschenrechte haben bisher nur Fronten gefordert. Auch hier entsteht kein Protest in der Öffentlichkeit, man nimmt es hin, nur wenige wundern sich über die Bedingungen dieser beispiellosen Radikalisierung. […] Wir aber am fög wissen darum, dafür wurden wir ausgebildet, wir haben die Kenntnis und den historischen Überblick. 

Deshalb dürfen wir die Gesellschaft nicht so hinnehmen, wie sie ist, sondern wir haben zu erklären, wie sie so wurde. Der hundertfache Flüchtlingstod und die Negation des Asylrechts mitsamt den Menschenrechten sind keine Leichtfertigkeiten. […] Es handelt sich um einen Angriff auf die zivilisatorischen und im positiven Recht verankerten Errungenschaften guten Lebens. Dass das möglich ist, hängt zentral mit der Qualität der öffentlichen Kommunikation zusammen. Sie ist der Seismograph für den Stand der politischen Kultur in der Bandbreite zwischen Barbarei und Zivilisation. Kein Krieg und kein Bürgerkrieg lässt sich ohne die kommunikative Vorbereitung des Barbarischen in der öffentlichen Kommunikation führen. Dies gelingt umso leichter, je stärker die Medien zu Bedürfnisbefriedigungsinstitutionen werden. […] Das geht ebenfalls umso leichter, als dass sich grosse Teile der Bevölkerung von der übrig gebliebenen zivilisierenden Kraft öffentlichen Räsonnements verabschieden. Der ungebündelte Konsum von dem, was Sensationelles verspricht, mutiert für grosse Teile von nun zwei Generationen zu einer pathologischen Weltwahrnehmung, die ausserhalb der Schweiz ein Chaos sieht, in dem die Schweiz als Insel erscheint, deren Bestand durch Eliten und Fremde gefährdet ist. Hier kann ich nicht anders, hier muss ich kämpfen, muss ich verändern, muss ich Augen öffnen, mit dem Jahrbuch und mit meiner Person. 

(Kurt Imhof †, aus einem Brief, im Dezember 2014)

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Geleitwort des Stiftungsrats 

Das Primat der Aufklärung, die Klarsicht im Erkennen von gesellschaftlichen Entwicklungen, der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft und die Stärkung der Demokratie bilden den Ausgangspunkt der Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft, die die Finanzierung der Forschung und Publikation des Jahrbuchs über die Qualität der Medien in der Schweiz verantwortet. Zum schmerzlichen Abschied von unserem lieben Freund, Mentor und Spiritus Rector des fög möchte der Stiftungsrat an Kurt Imhof mit einem Zitat aus dessen Feder vom Dezember 2014 erinnern, das gleichsam Credo unseres Stiftungszwecks ist. Wir erinnern in Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit an einen grossen Visionär und aufrechten Menschen, bedeutenden Forscher und Humanisten; in Schmerz über den Verlust und in Hoffnung für das geschaffene Werk. Zu seinen Errungenschaften gehört, dass Kurt Imhof stets den Nachwuchs gefördert und seine eigene Nachfolge frühzeitig aufgebaut hat. Nun muss das wissenschaftliche Team um Kurt Imhof unverhofft ohne ihn weiterarbeiten. Der Stiftungsrat blickt zuversichtlich in die Zukunft und ist sicher, dass die neue Leitung des fög auf diesem Fundament den Herausforderungen der Zukunft Qualität, Kreativität und Substanz entgegenhalten kann. 

Im September 2015 

Christine Egerszegi-Obrist (Ständerätin), Mark Eisenegger (Stiftungsratspräsident, Professur für Organisationskommunikation Universität Salzburg), Barbara Käch (Geschäftsleiterin Volkshochschule Solothurn), Yves Kugelmann (Publizist und Verleger), Fabio Lo Verso (Publizist und Verleger), Dick Marty (Politiker und ehem. Staatsanwalt), Oswald Sigg (Publizist und ehem. Bundesratssprecher), Peter Studer (Publizist und Medienjurist). 

Aus Qualität der Medien Schweiz Suisse Svizzera, Jahrbuch 2015, Hauptbefunde. Das Jahrbuch sowie die E-Journals Studien und Reflexionen Qualität der Medien erscheinen im Schwabe Verlag und können über die Website des Verlags (www.schwabeverlag.ch) bezogen werden; die Printausgabe des Jahrbuchs ist auch im Buchhandel erhältlich. Auszüge aus dem Jahrbuch und den E-Journals sind auf der Website des fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich zugänglich: www.foeg.uzh.ch.

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