Mode als Ideologie für die Reichen

Paul Ignaz Vogel

Der in Paris lebende deutsche Modeschöpfer Karl Lagerfeld vertritt im britischen Modemagazin Stylist die Ansicht, dass nur gut gekleidete Menschen Sozialleistungen erhalten sollten. Wäre er König, würde er zudem einer Modepolizei mit strengen Kontrollen vorstehen. So oder so wird Mode von oben dik­tiert und durch gesellschaftliche Anpassung allgemein verbindlich praktiziert.

Es ist eher selten, dass ein Privilegierter seine provozierenden Ansichten ungeschminkt darlegt. Es wäre gefährlich, solche Äusserungen nur als Extravaganz eines Aussenseiters abzutun. Denn Lagerfeld ist stilbildend – und damit auch meinungsbildend. Ohne Zweifel macht er Äusserungen, die in seinem Umfeld der Reichen und Schönen bereits bestehen, zumindest Anklang finden. Sie sind repräsentativ. 

Als Kind aus einer reichen deutschen Industriellenfamilie durfte Karl Lagerfeld stets in gehobenen Kreisen leben. Während den Bombardements von Hamburg zog sich die begüterte Familie in ihr Landhaus zurück. 1947 verliess die Mutter von Lagerfeld mit ihrem Sohn Karl das zerbombte Nachkriegsdeutschland und liess sich im feinen Paris nieder. Luxus war vorhanden, Reichtum auch. Dem Elend wich man als Privilegierte stets aus. Andere Erkenntnisse liegen auch bei diesem Künstler nicht drin. 

Ein neues Unterwerfungsmodell 

Interessant ist nun Lagerfelds aktuelles Bekenntnis zur Unterwerfung der Armen, das auch mit einem Schuss von direktem Sadismus versehen ist. Gesellschaftlich Benachteiligte sollen Sozialleistungen nur erhalten, wenn sie gut gekleidet sind. Das bedeutet natürlich für den Modeschöpfer: Den Ansprüchen der Mode genügen. 

Eine doppelte Ausgrenzung also, mit der zusätzlichen Hürde des selbstdefinierten guten Geschmackes. Diktatur der Ästhetik. Damit wäre ein neues Unterwerfungsmodell erfunden für solche, die bereits nichts besitzen. Sozialhilfe nicht aus Rechtsanspruch auf einen sozialen Ausgleich, nicht einmal zumindest aus dem Bedarfsprin­zip, sondern vermittelt als Gnade und aus der Willensgewalt des Anordnenden. Die Diktatur des guten Geschmacks und des Stils. Mit dem Hintergrund des absoluten Reichtums, bei dem Geld bekanntlich keine Rolle mehr spielt. Man/frau hat es ganz selbstverständlich, redet aber nicht darüber. 

Auch mag man den Wunsch nach einer Modepolizei belächeln. „Wenn ich König wäre“, das tönt nach Kindlichkeit. Dahinter versteckt sich doch die profunde un- und antidemokratische Gesinnung, welche in privilegierten Kreisen der Reichen weit verbrei­tet zu sein scheint und eine entscheidende Rolle in ihrem Denken und Han­deln spielt. Doch der Anpassungsdruck in unserer mutlosen Gesellschaft ergibt schon heute automatisch das von Lagerfeld erwünschte Resultat, dazu braucht es weder Könige, Zaren noch eine Polizei zur gegenseitigen Überwachung. Verhaltensvor­schriften dienen der Unterdrückung. Sittenmandate. Religionswächter und nun eine Modepolizei. Immer mehr durchdringen auch Verhaltensvorschriften unsere Sozialhilfe (z.Bsp. Autoverbot). 

Keine Kaufkraft für die Armen 

Sich nach der Mode chic zu kleiden, setzt voraus, dass genügend individuelle Kaufkraft besteht, um sich die Insignien des guten Stils anzueignen und damit den nackten Körper, den sich ja alle Menschen in Gleichheit teilen, zu bedecken. Um einem stets sich steigernden Trend nach Anpassung an das Neueste, das Letzte, den letzten Chic und Schliff zu genügen. Immer mehr, bis zum Überfluss und Überdruss.

Wer nur stets der Mode folgen will und dazu aus ökonomischen Gründen des Begütertseins auch in der Lage ist, verfügt immer über genug Kaufkraft. Die Armen hinge­gen können da nicht mithalten, sie leben im erzwungenen Verzicht. Sie haben eigent­lich wenig freie Wahl zum Kauf von Kleidern, sondern sie müssen mit dem Vorliebe nehmen, was sich anbietet und was ihnen noch erschwinglich erscheint. Reinste Bedürfnisdeckung, kein Life-Style, das schon gar nicht. Liegt nicht drin. 

Demnach haben die Armen gar keine Chance, sich an diesem Unterscheidungskampf des guten Stils, des feinen Geschmacks, des guten Tons der gehobenen Gesell­schaftschichten teilzunehmen. Die feinen Unterschiede um sich gegenseitig gesellschaftlich ein- und unterzuordnen, spielen noch nicht. Die Menschen in Armut leben einfach ganz unten in der Gesellschaft. Als Subjekte in der Gesetzgebung vernach­lässigt – oder wie Gegenstände misshandelt, schubladisiert, typisiert mit Vorurtei­len. In einer gnadenlos ungleichen und ungerechten Klassengesellschaft. Individualität wird nur den Begüterten zugestanden, nicht den Armen. So dekretiert es die Mode. Gesellschaftlich anerkannte Individualität kann auch mit Mode erkauft werden. 

Die Armen müssen sich mit dem begnügen, was vorliegt, noch gut erhalten ist. Vielleicht sogar eine Occasion. Oder gibt es noch Mütter, die den Kindern Kleidern selbst nähen? Oft sind es nur Waren aus Brockenhäusern oder Second-Hand-Shops, welche sich die Armen leisten können. Oder Käufe bei Aktionen von billigster Importware zu Schleuderpreisen, gefälschte Markenartikel und so. Da liegen die restriktiven Einkaufsmöglichkeiten der gesellschaftlich Benachteiligten offside des legitimen guten Geschmacks der Reichen, welche ihre Schönheit ausgrenzend selbst definieren und für die gesamte Gesellschaft als allgemein verbindlich erklären, unter anderem durch den Modeerfinder Karl Lagerfeld. Einer unter anderen. 

Modeterror gegen Familien ganz unten

Besonders davon betroffen werden Kinder, die in der Schule gezwungen sind, sich dem Mode-Mainstream anzupassen. Aus Gründen der Sozialisation. Mode wird im­mer von oben, den Begüterten, den Privilegierten mit ihren Familien und Kindern definiert. Mode hat sehr viel mit Herrschaft zu tun, sie erzeugt die vorherrschenden Lebens-Stile mit ihren Selbstdarstellungen und Verhaltensformen. Es gibt heute be­reits eine Kindermode, eine grassierende und dominierende Mode für Jugendliche. Was „in“ ist, wissen sie, bevor sie ihr Abgangszeugnis erhalten haben. 

Mode ist Kaufen-Müssen-Diktatur. Was tun, wenn zu Hause in einer armen Familie die Kinder darum betteln, so angezogen zu sein wie die anderen? Nach der Politik der SVP, die eine schroffe Senkung der Sozialleistungen verlangt, kommt noch die alltägliche Ausgrenzung durch die stets wechselnde Mode dazu, nicht so angezogen sein zu können, wie es sich gehört, gemäss Anspruch und Standing der upper-Class. Erstklassig also, auch für die unterste Klasse, dies wird stillschweigend gefordert. Das ist schon grausam. In der mehr an die Armut gewohnten dritten Welt gibt es noch den Gleichheitsgedanken mit den Schuluniformen. Bei uns beginnt der Mode-Wettstreit, das „in“-Sein in der Schule und endet bei den Kleidern für Erwachsene, die unter anderem der Künstler Karl Lagerfeld erfand.  

Apropos Lagerfeld: 1985 erhielt er das Bundesverdienstkreuz von Deutschland für seine schöpferischen Leistungen. Ohne Zweifel sind diese gross und dienen einer Elite. Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Erste Klasse. Hartz IV lässt grüssen. Vierte Klasse. Vierter Stand.

Siehe auch:

Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteils­kraft

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_feinen_Unterschiede

Karl Lagerfelds Forderungen
http://www.krone.at/Stars-Society/Karl_Lagerfeld_Sozialhilfe_nur_fuer_gut_Gekleidete-Empoe­rung_ueber_Sager-Story-434970

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