Ein Mythos bröckelt

Oswald Sigg

Ueli Maurer und Kurt Imhof sind sich einig: die Medien nehmen ihre Aufgabe in der direkten Demokratie nicht mehr wahr. Zum Jahrbuch 2013 ,Qualität der Me­dien Schweiz Suisse Svizzera‘.

Von den Banquiers, Verlegern und Autohändlern wird der jeweilige Bundespräsident jedes Jahr eingeladen, um die Branche zu loben und ihre Vertreter in dieser schwie­rigen Zeit für die kommenden Herausforderungen zu motivieren. Als Bundespräsi­dent Ueli Maurer jedoch am diesjährigen Verlegerkongress  in Interlaken  vor den adrett gekleideten und feierlich gestimmten Unternehmern davon sprach, wie die Schweizer Medien ihrer Rolle in der direkten Demokratie immer weniger gerecht werden und als er weiter ausführte, dass Presse, Radio und Fernsehen eigentlich neue Ideen aufnehmen und verbreiten sollten, dass sie mit einer gesunden Distanz gegenüber dem Staat Missstände aufdecken und bekämpfen sollten und dass die Medien letztlich die Verbindung zwischen Bürger und Staat herstellen müssten und dass sie alle diese klassischen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen würden: da wurde der amtierende Bundespräsident von der versammelten Verlegerschaft kopfschüt­telnd ausgepfiffen und ausgebuht.  Als ein paar Tage später Professor Kurt Imhof, der Initiant des zum vierten Mal erschienen Jahrbuchs 2013 ‚Qualität der Medien Schweiz Suisse Svizzera‘ an der Pressekonferenz gefragt wurde, ob er mit der kriti­schen Rede des Bundespräsidenten einverstanden sei, antwortete der normaler­weise wortgewaltig differenzierende Imhof mit: „Ja“. 

Werbung wandert ins Internet

Die diesjährigen Forschungsresultate sind denn auch einmal mehr niederschmet­ternd.  Die Finanzierung des Informationsjournalismus in der Presse geschieht mit 183 Mio Franken weniger Werbeerträgen als im Vorjahr. Auch die Werbeerträge des öffentlichen Fernsehens sind rückläufig. Die Werbung verlagert sich ins Internet zu branchenfremden Anbietern wie Bluewin oder Google einfach weil dort mehr Konsu­mentinnen und Kunden erreicht werden. Und dort müssen mit den Profiten auch kein Journalismus, keine publizistischen Leistungen mehr unterstützt werden. Knapper gewordenes Geld reduziert aber anderseits auch die Qualität im Informationsjourna­lismus. Eine der wichtigsten Aufgaben des Journalisten ist es, Ereignisse einzuord­nen und Hintergründe aufzuzeigen. Diese Einordnungsleistung ist seit 2010 kontinu­ierlich gesunken, auch in den Boulevard- und vor allem  in den sogenannten Gratis­blättern. Für den Konzentrationsprozess in der Medienlandschaft Schweiz sorgt vor allem das Unternehmen TAmedia. Es kontrolliert in der Suisse romande 68% des Marktes, in der Deutschschweiz 36% und in der ganzen Schweiz 41%. Die Konzen-tration findet auch bei den Online-Informationsmedien statt. Neben der SRG leisten sich nur noch die drei grössten Medienunternehmer nutzungsstarke  Newssites – allerdings mit stagnierenden Werbeeinnahmen. In einer Vertiefungsstudie ist die re­daktionelle Verwendung von Twitter untersucht worden: es handelt sich dabei um massenhafte Einwegkommunikation mit geringem publizistischem Mehrwert.

Kritik aus der Suisse romande

Von seiten von Westschweizer Journalisten kam schon an der Pressekonferenz eine massive Kritik an der Einstufung wichtiger Titel der Suisse romande – 24Heures, Tri­bune de Genève, Le Matin u.a. – als Zeitungen von „niedriger Qualität“ auf.  Tatsäch­lich wird man die Forschungsmethodik des Jahrbuchs so verfeinern müssen, dass die positiven Entwicklungen der publizistischen Qualität bei nicht wenigen Titeln der regionalen und lokalen und sogar bei der Gratis-Presse erfasst werden können. Doch alles in allem bleibt der Trend in der medialen Qualitätsmessung negativ. Im Jahr­buch selbst wird der Mythos von der besten Zeitungslandschaft aufgegriffen. Er werde vor allem von Verlegern und Chefredaktoren kolportiert. „Vergleichbar mit der Finanzbranche formiert sich die Kritik an der Medienbranche von aussen, und wie die Finanzbranche immunisiert sich auch die Medienbranche unter Einschluss der (ver­tragslosen) Sozialpartner gegenüber dieser Kritik. Kurzfristig ist dies verständlich, zumal die Medien nicht an Kritik gewohnt sind, mittelfristig ist es ignorant, langfristig fatal.“ 

(Anmerkung der Redaktion: Oswald Sigg ist Mitglied des Stiftungsrats Oeffentlichkeit und Gesellschaft. Diese Stiftung unterstützt die Herausgabe des Jahrbuchs über die Qualität der Medien.) 

fög - Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Hrsg.)
JQM Jahrbuch 2013 Qualität der Medien
Schweiz - Suisse – Svizzera
ISBN: 978-3-7965-2945-0

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