Nachruf auf Otto Stich

Oswald Sigg

Ein unüblicher Politiker. Schweigsam, wortkarg. Aber auch gradlinig und manchmal stur und unbeirrt war er. Ein Pfeifenraucher, den man sogar als Nichtraucher mochte. Die Pfeife spielte bei Otto Stich überhaupt eine zentrale Rolle. Er hatte eine ganze Sammlung von schönen Stücken. Wenn er Ärger bekam im Bundesrat oder sonst im Bundeshaus, dann kaufte er sich jedes Mal im Tabakladen beim Zytglogge eine Pfeife. Er arbeitete, er dachte, er schrieb mit der Pfeife. Er hörte einem zu und wenn er die Pfeife aus dem Mund nahm, war man gewarnt. Darauf folgte die Antwort. Mit der hohen Stimme. Er sprach nie laut, aber umso deutlicher.

Ein ungeliebter Bundesrat, zunächst. Bevor er gewählt wurde, hielten ihn die So­zialdemokraten – ich übrigens auch - für einen Bürgerlichen.  Als er gewählt war und im Bundesrat sass, empfanden ihn die Bürgerlichen schon fast als einen Sozialisten. Mit der Akzeptanz seiner Wahl zum Bundesrat rief er eine veritable Identitätskrise bei den Genossen hervor. Noch viel mehr bei den Genossinnen. Er galt als Verhinderer von Liliane Uchtenhagen. Die SP-Frauen vor allem – aber ich auch – wollten raus aus dem Bundesrat. Wir wollten aufhören mit zwei SP-Bundesräten, die vom mehr­heitlich bürgerlichen Parlament für genehm erklärt worden waren. Der Jungbrunnen der Opposition lockte damals, als man den ausserordentlichen Parteitag zur Frage des Austritts aus dem Bundesrat vorbereitete.  „Wir und Willi wollten Lilli“  stand ge­sprayt auf der Hauswand des Coop am Breitenrainplatz in Bern. Ein Anzeichen des Frühlings der sozialistischen Opposition?  Es kam anders. Am Parteitag im Kursaal Bern, oben auf der Bühne, einen kleinen Kaktus vor sich betrachtend und die Pfeife im Mund, sass Otto Stich stundenlang und sprachlos mit einer Miene die verhiess: macht einfach was ihr für richtig befindet. Und am Schluss, als die Partei den schon fast historischen Beschluss fasste, im Bundesrat weiterhin mitzumachen, benahm er sich nicht als Sieger. Er lächelte und sprach ein paar wenige Worte in Mikrofone und Kameras. Aber dann führte er seine Arbeit im Bundesrat zäh und hartnäckig weiter. Und Max Frisch’s böses Wort vom sechsten bürgerlichen Bundesrat geriet sofort in Vergessenheit.

Ein sozialer Mensch, vor allem. Die nur ganz selten ausgesprochene Leitlinie sei­nes Wirkens war eine schlichte: soziale Gerechtigkeit. Daran mass er sein eigenes und das politische Handeln Anderer.

Anmerkung:

Otto Stich war Sohn eines Mechanikers, der in der Wirtschaftskrise arbeitslos wurde. In der Schweizerischen Eidgenossenschaft bekleidete der Sozialdemokrat und Gewerkschafter das Amt eines Bundesrates (Finanzminister). Am 10. Januar 1927 in Basel geboren, am 13. September 2012 in Dornach gestorben.(Red.) Siehe auch:

http://haelfte.ch/galerie-reader/items/Otto_Stich_-_Sozialdemokrat.html

 

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Ergänzungsleistungen gegen Familienarmut

Hälfte / Moitié. Ergänzungsleistungen für Familien sind ein wirksames Mittel gegen Familien­armut: In der Schweiz leben mindestens eine Viertelmillion Kinder in einer von Armut betroffenen Familie. Sie sind arm, weil sie zum Beispiel in einer kinderreichen Familie oder mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwach­sen. Im Kanton Bern soll ein neues Gesetz geschmiedet werden.

Der Vorstoss «Ergänzungsleis­tungen für einkommensschwache Familien als wirksames Mittel gegen Familienarmut» des bernischen Grossrates Daniel Steiner-Brütsch (EVP, Langenthal) wurde bereits im Januar 2009 vom Grossen Rat mit 81 Ja-Stimmen und 58 Nein-Stimmen überwiesen. Der Regierungsrat wollte daraufhin wegen finanziellen Überlegungen nicht handeln.

Infolgedessen lancierte Daniel Steiner-Brütsch einen weiteren parlamenta­rischen Vorstoss in der Form eines ausgearbeiteten Gesetzesvorschlages für Ergänzungsleistungen für arme Familien. Am 19. September 2012 überwies der bernische Grosse Rat mit 81 : 68 Stimmen überraschend diesen Vorstoss. Nun ist der Regierungsrat definitiv in die Pflicht genommen.

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