Neoliberaler Rückfall der Menschheit

Paul Ignaz Vogel

Nach dem Ende des Kalten Krieges trat der Neoliberalismus als tragende Ide­ologie des Wirtschaftsgeschehen hervor. Seit der Finanzkrise im Jahre 2007 zeichnet sich eine stufenweise Rückkehr zur Regulierung ab. Sie erfolgt als Rettung der globalen Wirtschaft. Die Schweiz hält sich abseits und profitiert.

Was kennzeichnet die aktuelle Machtdynamik zwischen Wirtschaft und Politik? Ge­meint sind vor allem die grossen Banken und Unternehmen einerseits und der Bun­desrat sowie das Par­lament andererseits. Wie lässt sich die Dynamik veranschauli­chen? Diese Frage stellte Ueli Mäder vom Institut für Soziologie der Universität Basel auch mir im Rahmen einer allgemeinen wissenschaftlichen Untersuchung. Ich antwortete am 31. Mai 2012 wie folgt:

Diese Frage lässt sich nur global beantworten. Die Schweiz ist tatsächlich Sonder­fall geblieben, indem sie durch ihr asoziales Bankensystem den unten beschriebe­nen negativen Entwicklungen inter­national Vorschub geleistet hat – und immer noch leistet. Auch Bundesrat und Parlament müssen demnach einem globalen Er­klä­rungsmuster unterzogen wer­den. Nationale Analysen sind nur noch sehr be­schränkt gültig.

Zerstörung von gemeinschaftlichen Strukturen

Nach dem Kalten Krieg (Europäisierung eines Weltkonfliktes) begann die neolibe­rale Zeit (ganze Welt gleichermassen betroffen, daher „Globalisierung“). Fak­tisch lief der neoliberale Krieg gegen die Bevölkerungen auf der ganzen Welt an. Aus­beutung  durch das neoliberale Instrument des Finanzkapitalismus. Dieser ist treibende Kraft und Hauptstütze in der gesamten Weltwirtschaft geworden und dominiert auch die Güter- und Dienstleistungsproduktion der sogenannten Real­wirtschaft. Beste­hende wirtschaftliche und politische Strukturen (Institutionen) sollten durch den
Neolibera­lismus gänzlich zer­trüm­mert werden. Teilerfolge.

In diese Trümmerlandschaft kehrt die Sammler- und Jägergesellschaft zurück. Ur­zeitliche Wirtschaftsformen lösen die urban und kulturgeschichtlich errungenen Wirt­schaftsformen (Produktion mit Wertschöpfung durch Arbeit und Kapital) ab. An sich hoch interessanter kulturgeschichtlicher Rückschritt in frühere Entwick­lungsphasen der Menschheit. Wo sind die Anthropologen und Soziologen?

Angestrebt werden kurzfristige Gewinne in hoher gegenseitiger Asozialität unter den KonkurrentInnen selbst. Jeder und Jede für sich im unkontrollierten Trüm­merfeld. Egoismus wird zum Wert der neuen Kultur. Gemeinschaft, Gesellschaft­lichkeit, So­lidarität verschwinden. Gegenstände des Sammelns und Jagens (Beute, Ausbeu­tung) sind nur noch Werte in Zahlen (theoretischer Geldbesitz). Die Wirt­schaft wird im Finanzka­pitalismus durch einen hohen Abstraktionsgrad, Ver­schlüsselung und gewollter Unverständlichkeit (nicht „populär“, somit nicht kon­trollierbar) gekennzeich­net, Zahlenmystik gilt als Attribut des gesellschaftlichen Status und die nationalen Poli­tiken ver­kommen zu Buchhaltungen. Die bezahlten Medien unterstützen die neo­liberale Wirtschaft durch dauernde Berieselung des Publikums zum Ziel der Ge­hirn­wäsche und des Ausschaltens einer jeglichen (politi­schen) Willensbildung in den na­tiona­len Bevöl­kerungen.

Geglückte Wieder-Regulierungen
 
Beginn einer Wende war das Jahr 2008 mit der Finanzkrise: Ende der globalen ne­oli­beralen Euphorie, der Deregulierung über Jahrzehnte hinaus und Einsetzen von neuen internationalen Wieder-Regulierungs­versu­chen. Rettung der Bankenwelt durch Nationen und durch internationale In­stituti­onen. Der Finanzka­pitalismus muss im kurzfristigen Eigeninteresse der nati­onalen Volkswirtschaften (Beispiel UBS und CH) von der öffentlichen Hand ge­stützt werden. Dafür verschul­den sich die National­staaten und geben die immensen Lasten an die Bevölkerung weiter. Es entste­hen unter Zeitdruck in Europa apolitische Technokraten-Regierungen. Wahnsin­nige Spar­programme werden aufdiktiert. Aufstände in Griechenland, Spanien und Italien. Da die Schweiz seit jeher über eine apolitische technokrati­sche Zentralre­gierung verfügt (Konkordanz-Bundesrat als Vereinigung von 7 De­partements­chefs), hatte diese Ent­wicklung keine direkten innenpolitischen Folgen in unserem Land.
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Schauspiel „Angst“ von Robert Harris, Uraufführung in Ba­sel: 
 
Neandertaler im Finanzmarkt

Mitget. / Ein Kernphysiker namens Alex Hoffmann, jetzt Chef eines Hed­ge­fonds, hat den Börsenalgorithmus VIXAL entwickelt. Dessen entscheidender Pa­rameter ist «Panik». Panik treibt die Börsenkurse in die Höhe, lässt sie ins Bodenlose sin­ken und macht, so Hoffmanns Theorie, menschliches Handeln vorhersehbar. Das ist die Kernaussage im Theaterstück „Angst“.

VIXAL effektiviert sich selbst, er kann Angstverhalten autonom kalkulieren und ver­spricht atemberaubende Gewinne. Hoffmannns Entdeckung scheint also die Option für den Finanzmarkt der Zukunft zu sein – wäre da nicht ein merkwürdiger Überfall im eigenen Haus, eine geheimnisvolle Buchbestellung und irrsinnige, von VIXAL selbst­ständig ausgelöste Börsenspekulationen, die den Hedgefonds an den Rand eines Zu­sammensturzes katapultieren. Hoffmann steht vor einem Rätsel. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los.

Robert Harris’ Thriller erzählt eine moderne Frankensteingeschichte zum Thema «Fi­nanzkrise». Er beschreibt die unabsehbaren Folgen des Geschäfts mit der Angst, menschliche Hybris und das gnadenlose Ausgeliefertsein an selbsterschaffene Monstren.

Absurde Finanzpolitik

Regisseur Volker Lösch, der das erste Mal in Basel inszeniert, hat den Sprechchor im deutschsprachigen Theater neu installiert. Immer wieder verknüpft er Stoffe und Stücke mit Recherchen zur Situation der auf die Bühne eingeladenen Bürger. Sein Theater verschafft diesen die Möglichkeit, ihre oft streitbaren Positionen zu veröffent­lichen.

Anhand der Theaterversion des Romans «Angst» soll es diesmal um die eigentli­chen Verlierer der grossen Finanzdeals gehen, um die so genannten Kleinanleger und um die Beschreibung konkret erlebter Auswirkungen einer absur­den, nicht mehr fassbaren Finanzpolitik, die die Welt einem Abgrund zutreibt.

Weitere Aufführungen am Mi, 13.Februar, Mo, 25. Februar und Donnerstag 28. Feb­ruar jeweils um 20:00 Uhr im Schauspielhaus Basel.

Quelle:

http://www.theater-basel.ch/index.cfm/BDB3CC74-08AE-5F54-38434531347A36D1/?method=play.detail&ID=BA600978-FF49-F65E-91D33D942AB2AA1E

Theaterkritik:

 „ Die Grundidee des Theaterabends über die Finanzkrise ist witzig: Statt Manager-Typen in smarten Anzügen tritt uns überraschend eine Horde haariger Neandertaler entgegen – genauer gesagt Steinzeitmenschen (wahrscheinlich haben unsere Vor­fahren die armen Neandertaler an den Rand gedrängt und zu ihrer Ausrottung bei­getragen). Wild wirbeln sie ihre silbernen Laptops herum, traktieren sie mit Händen und Füssen, hetzen kratzend, schreiend oder akrobatisch kopulierend herum, wäh­rend im Hintergrund die Börsenkurse flimmern. Statt Büffeln jagt unsere Spezies heute Gewinnen hinterher. Ein geglücktes Bild.“

Susanna Petrin in der Basellandschaftlichen Zeitung (11. Januar 2013)

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Der optimierte Mensch

Das Kommunikations-Kasino Host Club der Stadt Bern lud am 22. November 2012 zum Abend mit dem Thema „Schöne neue Arbeitswelt“ ein. Auch Ueli Mäder beteiligte sich an der Diskussion im Theater Bern.

(Mitget.) Der Website des Konzerttheaters Bern entnehmen wir: Die Arbeitskultur des Spätkapitalismus hebt kaum merklich die Grenze zwischen Ar­beit und Freizeit auf. Den Unternehmen ist die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter wichtig.

Lichtdurchflutete „Workstations“ und loungeartige „Meeting Points“ animieren zum Verweilen, das Fitnessstudio im Haus sorgt für körperlichen Ausgleich und in der mit WLAN ausgestatteten Kantine können während Lunchpausen Skypekonferenzen abgehalten werden.

Subtilere Ausbeutung als bisher

Die Taktiken der Ausbeutung sind subtiler und gleichzeitig totalitärer geworden. Ar­beit soll Spass machen, am besten so, dass man erst gar nicht damit aufhört. Der herrschende Optimierungswahn lässt keinen Raum für Schwächen und Unzuläng­lichkeiten. Menschen, welche wie die Figuren bei Ödön von Horváth „abgebaut“ wer­den, schickt die Arbeitsvermittlung noch in ein Selbstoptimierungstraining, bevor sie endgültig aus dem System fallen.
 
Gäste waren am 22. November 2012: Ueli Mäder (Professor für Soziologie an der Universität Basel und u.a. Autor der Studie "Wie Reiche denken und lenken") und Lukas Windlinger Inversini (Professor am Institut für Facility Management an der Zür­cher Hochschule für Angewandte Wissenschaft, Lehr- und Forschungsschwerpunkt  "Workplace Management"). Der Abend fand im Rahmen des Stück Labor Basel statt.

In Japan sind «Host Clubs» seit den Siebzigerjahren eine weit verbreitete Tradition. Es handelt sich dabei um eine Art Nachtclub, in dem Gespräche als Dienstleistung zur Unterhaltung angeboten werden. Der «Host Club» am Konzert Theater Bern soll als Diskursraum oder Versammlungsplatz im Sinne einer griechischen Agora fungie­ren.

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