Verein für die Opfer der Eidgenossenschaft gegrün­det

Paul Ignaz Vogel

Am 5. November 2013 wurde in Bevaix am Neuenburgersee der „Verein für die Opfer der Eidgenossenschaft“ gegründet. Damit ist eine Selbsthilfeorganisa­tion aus einer Gruppe von einst administrativ Verwahrten entstanden. Im Vor­stand sitzen nur Betroffene und eine angehörige Person eines Opfers.

Auf der zweisprachigen Website www.opfer-victimes.ch schaut uns eine Frau traurig und verängstigt entgegen. Ihr Mund ist verdeckt, als müsste sie schweigen. Schwei­gen zu all dem Unrecht, welches die Schweizerische Eidgenossenschaft, zum Teil durch politischen Willen - das heisst gesetzlich - , zum Teil willkürlich angerichtet hat?

Dem Schweigen ein Ende. Das ist die Devise der Selbsthilfegruppe: „Dieses Patent­system, das sich festgesetzt hat, das so vielen BürgerInnen dieses Landes quasi die Existenzberechtigung ab­gesprochen hat … Unser Verein will sich darum bemü­hen, dass eine klare Buchfüh­rung zutage bringt, was uns diese Prosperität, de­ren wir uns so rühmen und auf die wir so stolz sind und unsere Selbstgerechtigkeit, tatsäch­lich kostet und wer es schlussendlich bezahlen muss. Denn zahlen muss im­mer je­mand!“ Es geht also auch ums Geld, um die reelle finanzielle Wiedergutma­chung. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Opfer meist schon im AHV-Alter sind. Die Statuten des „Vereins für die Opfer der Eidgenossenschaft“ halten dazu fest: „Besondere Aufmerksamkeit des Vereins richtet sich an jene Opfer und deren Ange­hörige, wel­che durch ihr hohes Alter, Gebrechlichkeit von Körper und Seele, auch heute wieder unter menschenunwürdigen Konditionen (Sozialämtern, Ergänzungs­leistungen, mi­nimalen Renten AHV/IV), sozialer Ausgrenzung und behördlichen Schi­kanen ausge­setzt sind.

Für Menschenrechte und Staatshaftung

In seinen Statuten zeigt sich der „Verein für die Opfer der Eidgenossenschaft“  über­zeugt von den Menschenrechten und der Staatshaftung. Die Eidgenossenschaft kann nicht einfach ihre Schuld auf die BeamtInnen abschieben, die vielleicht zufällig oder irrtümlich Unrecht gegenüber nie rechtskräftig verurteilten Menschen begingen und die damals in ihrer Jugendzeit nur gerade aus der Norm fielen. Es besteht heute ein Verant­wortlich­keitsgesetz, dem auch die Behörden als politische Organe ver­pflichtet sind. Die Mächtigen, auch wenn sie sich gewählt fühlen, haben nicht von sich aus Recht. Darum prangt als Mahnung an die Schweiz von heute auf der Webs­ite der Selbsthilfegruppe ein Zitat von Thomas Jefferson: „Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt; die Wahrheit steht von alleine aufrecht.“

Die Liste der vom eidgenössischen Unrecht Betroffenen ist lang und wird in den Statuten des „Vereins für die Opfer der Eidgenossenschaft“ genannt. Der Verein setzt sich für jene Opfer und deren Angehörigen ein, welche durch die Behörden von Bund und Kantonen schwer geschädigt wurden. Das sind: Administrativ Versorgte, Verding- und Heimkinder, Zwangssterilisierte / kastrierte aus eugenischen Gründen, Zwangsadoptierte, ethnischen Minderheiten (Jenische) die bis dato keine angemes­sene Entschädigung erhielten, Opfer welche dem NS-Vernichtungsplan durch Flucht in die Schweiz entgehen wollten und trotz Todesgefahr dem Naziregime ausgeliefert wurden, Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Zwangsarbeit leisten mussten, Opfer von Versuchen der Pharmaindustrie, verschleppte Kinder (Pro Ju­ventute), Opfer der schweizerischen Sozialpolitik, Opfer beamtlicher Willkür, Fichen­opfer, weitere Opfergruppen und  Angehörige aller Opfergruppen.

Organisation statt Isolation

Gemeinsam sind wir stark: Nach diesem Grundsatz will sich der „Verein für die Opfer der Eidgenossenschaft“ beharrlich für die Interessen seiner Mitglieder einsetzen. Nebst einer grundsätzlichen materiellen Wiedergutmachung fordert auch die Selbst­hilfegruppe die sofortige Teil­nahme an den Rund-Tisch-Gesprächen, bei welchen bisher nur über Notfalllösungen und sogenannte Härtefälle gefeilscht wurde. Mit die­ser Individualisierung der Wiedergutmachungsansprüche und dem Gegeneinander-Ausspielen eines Jeden und einer Jeden gelingt es so dem Staat als Verursacher des systematischen Unrechts, möglichst billig und ungeschoren davon zu kommen. Mit einer starken Organisation, die auch Querinformationen erhält und Gemein­schaftswissen aufbaut, entsteht ein Gegenpart zu den Mächtigen und ihren Ent­schuldigungs- und Wohltätig­keitsaktionen. Auch plant der Verein internatio­nale Vor­stösse, welche vielleicht dazu bei­tragen könnten, eine breitere Öffentlichkeit als bis­her für die Durchsetzung der Anliegen zu schaffen.

Das Zusammensein im Verein kann auch Betroffenen helfen, ihr Lebensgefühl ohne Unterdrückung und Anpassung wieder zu stärken. Eigenes Tun beflügelt. Selbstwert­gefühl und Selbstverwirklichung entstehen, weil die Gemeinschaft nun als „Ver­ein für die Opfer der Eidgenossenschaft“ konstituiert wurde. Der Jah­resbeitrag liegt bei Fr. 5.-. Spenden sind daher willkommen.

Siehe:

Verein für die Opfer der Eidgenossenschaft / Association pour les victimes de la Confédération www.opfer-victimes.ch, 2 Chemin de Cuard, 2022 Bevaix.

Zudem :
 

http://haelfte.ch/index.php/newsletter-reader/items/Offener_Brief.html 

http://haelfte.ch/index.php/newsletter-rea­der/items/Antwort_Simonetta_Sommaruga.html

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