Geprellt sind die PöstlerInnen

Paul Ignaz Vogel

Nach der Ankündigung des Zentralvorstandes der Gewerkschaft syndicom, er wolle die eidgenössische Volksinitiative für eine starke Post zurückzie­hen lassen, reiben wir uns verdutzt die Augen und können es kaum glauben. Der unmittelbare Vollzug dieses Beschlusses durch das Initiativkomitee als eigentlicher Befehlsempfänger zeigt erschreckende gegenseitige Abhängigkeiten.

Welche Folgen hat diese verhee­rende Kehrtwende?

Geprellt sind die PöstlerInnen, weil sich ihre Gewerkschaft nicht für die Erhaltung ihres Berufes einsetzt. Auch alle übrigen Gewerkschaftsmitglieder werden sich fra­gen, ob ihre Berufsinteressen von dieser Organisation überhaupt geschützt werden. Die Stimm­bürgerInnen des Landes fühlen sich um ihre Stellungnahme an der Urne geprellt. Dem Ständerat wurde die Diskussion über das Geschäft brutal entzogen und er brauchte sich schon gar nicht mehr zur traktandierten Postinitiative zu äussern. Und alle Persönlichkeiten aus anderen ArbeitnehmerInnenorganisationen, welche die Volks­initiative unterstützt haben, fühlen sich von ihrer Partnerin verschaukelt.

Wir haben es hier mit einem hohen Gut unserer direkten Demokratie zu tun: mit der Volksinitiative. Man darf dieses politische Recht nicht den Gewerkschaftsfunktionä­rInnen überlassen. Sie missbrauchen es.

Funktionär kommt von funktionieren. Doch Menschen funktionieren nicht nur. Das einseitige und heute stark verkümmerte Menschenbild  der Gewerkschaften mit sei­nem teils marxistischen, teils neoliberalen Homo oeconomicus genügt nicht mehr, um den grossen Herausforderungen des gesellschaftlichen und technologischen Wan­dels mit den starken Verwerfungen in der Berufswelt zu begegnen.

Wir haben es auch mit Menschen zu tun, die unter diesen Entwicklungen leiden. Men­schen leben, empfin­den, begreifen und haben ein Selbstwert­gefühl, ge­nannt Stolz. Sie wollen auch an das glauben, was man ihnen versprochen hat. Men­schen sind keine Masse, die sich anlügen und manipulieren lässt.

Den Gewerkschaftsspitzen sei daher mahnend in Erinnerung gerufen, dass sie die Menschen und ihre politischen Rechte achten sollten. Und dass so, wie beschrie­ben, weder mit den Menschen noch mit ihren Rechten umge­sprungen werden kann – ohne selbst nega­tive Folgen erleiden zu müssen. Spätes­tens am nächsten syndi­com-Kongress 2013 dürfte dies offenbar werden.

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