SRF 4 News: Bericht aus der Pariser Banlieue

Rudolf Strahm

(Mitget) In den Pariser Vorstädten, wo die Integration oft versagt und sich Parallelgesellschaften bilden, lassen sich offenbar besonders gut IS-Kämpfer rekrutieren. Der Soziologe und frühere Bundesratssprecher Oswald Sigg hat zwei Monate in der Banlieue gelebt, um sich selbst ein Bild zu machen. SRF News hat Sigg interviewt.

SRF News: Herr Sigg, Sie sind für eine Reportage nach Saint-Ouen im Bezirk St. Denis gezogen. Knapp 50'000 Menschen leben dort. Viele von ihnen sind Einwanderer, viele arbeitslos. Wie haben Sie die Zeit dort erlebt? 

Oswald Sigg: Jeden Morgen unternahm ich einen Spaziergang. Dabei traf ich hie und da auf einen Mann, der zur Arbeit ging oder auf eine Frau, die ihre Kinder zur Schule begleitete. Anfangs grüsste ich immer freundlich mit «Bonjour!». Aber das liess ich bald bleiben, weil man mich nur komisch anschaute. Die Leute – selbst im Quartier – grüssen nicht und schauen an einem vorbei. Vermutlich leben sie auch aneinander vorbei. Wir befinden uns in einer segregierten Gesellschaft aus Gruppen von Maghrebinern, Muslimen, Afrikanern und seit kurzem auch Chinesen. Die französische Bevölkerung schwindet. 

Eine segregierte Gesellschaft, kaum Integration und auch kaum Interaktion: Was war für Sie das dringendste Problem, das Ihnen begegnet ist? 

Für mich war das Verständigungsproblem am grössten. Ich spreche eigentlich gut Französisch und habe gemeint, damit komme man in Frankreich überall durch. Aber das ist in der Banlieue nicht so. 

Sie haben für Ihre Recherche mit einer Schuldirektorin geredet, mit Behörden- und Religionsvertretern. Wie erklärten sie Ihnen dieses Verständigungsproblem? 

Insbesondere die Schuldirektorin hat mir davon berichtet, wie sich Saint-Ouen in ihren 30 Amtsjahren verändert hat. Sie hat mir gesagt, dass sich mit der starken Zunahme der Anzahl Muslime in der Gegend deren Lebensweise verändert hat. Als kleine Minderheit hatten sich die Muslime damals noch anzupassen versucht. Aber vor etwa zehn, zwölf Jahren begannen auf einmal zuerst die Frauen mit Veränderungen: Sie begannen, lange Kleider zu tragen. Burkas, Nikab, Schleier und so weiter. Sie arbeiten zuhause, während ihre Männer den ganzen Tag auf der Terrasse eines Cafés sitzen und diskutieren. Und wenn jetzt eine Französin das Café betritt und ein Bier an der Theke bestellt, dann wird sie – so hat mir das die Schuldirektorin ziemlich empört erzählt – sehr schräg angeschaut. Das heisst, das Machotum feiert heute seine Auferstehung. 

Was ist Ihr Fazit nach zwei Monaten in der Banlieue? Sind die Behörden gefordert, diese Parallelgesellschaften aufzubrechen, oder sind diese schon zementiert? 

Diese Segmentiereung ist sicher auf starken Grundfesten gebaut. Aber ich glaube tatsächlich, man muss von den verschiedensten Seiten versuchen, diese Zementierung aufzubrechen. Ich glaube auch, dass der Schlüssel zum Ganzen wohl nicht im französischen Laizismus – der Trennung von Staat und Kirche – liegt, sondern eher in einer Art religiöser Ökumene. Der Islam und das Christentum, und hier vorab die katholische Kirche, müssen aufeinander zugehen. 

(Quelle: SRF 4 News aktuell vom 20.11.2015. Das Gespräch führte Barbara Peter.) 

http://www.srf.ch/news/international/in-der-banlieue-gruesst-man-sich-nicht

 

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