Preis eines Menschen

Paul Ignaz Vogel

"Was kostet ein Mensch?" So lautet ein Kreideslogan auf einem Trottoir des Zürcher Paradeplatzes (Bankenplatz) am 15. Oktober 2011.

Die Zürcher Bahnhofstrasse ist die Einkaufsmeile der Reichen. In einer anstossenden Nebengasse haben junge Menschen um die Skulptur von Max Bill leere Teller in einem Kreis aufgereiht, und sie verteilen Flugblätter der Partei der Arbeit (PdA). Darauf abgebildet ist ebenfalls ein leerer Teller mit einem Fünfrappen-Stück und die Erkenntnis der Karrieremöglichkeiten und des Aufstieges von unten nach oben in der Gesellschaft: Kapitalismus: „Vom Tellerwäscher zum Sozialhilfeempfänger“. Am 23. Oktober 2011 sind eidgenössische Wahlen, mit denen die Parlamente der Schweiz erneuert werden.

Auf dem Paradeplatz (Bankenplatz) mit dem Sitz von Crédit Suisse (CS) und United Bank of Switzerland (UBS) empfängt uns ein Transparent „Söi-Märt“ (Söi ist schweizer Dialektwort mit der Bedeutung Schweinemarkt). An der Fassade von Crédit Suisse ist ein selbst gemaltes Plakat angelehnt. Inschrift „Mütter gegen Chlütter“ (Chlütter = Geld). Die Stimmung entspricht dem Slogan: Wir sind 99%.

Viel Witz, Hohn und Spott wird sichtbar, und die Atmosphäre ist kreativ und friedlich allesamt. Vor dem Eingang der Crédit-Suisse stehen WächterInnen der Gold-Armee, schön verkleidet als SoldatInnen mit Maschinenpistolen aus Karton und  gekleidet in Fantasie-Uniformen. Den Spekulanten soll die Spielweise genommen werden, heisst es irgendwo. Viele junge Leute lassen Seifenblasen in die Luft steigen. Die Finanzblase ist geplatzt. Zwei Personen tragen ein Transparent: Kuriert die Blasenentzündung. Ironische Wort- und Gedankenspiele noch und noch. Dann aber auch ernsthaft die Aufforderung STOP: Fremdenfeindlichkeit ohne uns. Am Soup-Ort (Verpflegungsplatz) hacken junge Männer und Frauen Zwiebeln. Für die Suppe. Für die Verpflegung der Demonstrierenden. Es ist merklich kälter geworden an diesem Oktobertag.

Ein älterer Demonstrant mit einer Peace-Fahne verteilt Flugblätter und äussert den Wunsch, dass es bei der Demonstration friedlich bleibt.  Auf dem Flugblatt steht ein Zitat  aus der Bettagspredigt des Fraumünster-Pfarrers Niklaus Peter: „Der Milliardenverlust ein UBS-Händlers ist laut Bank „krimineller“ Natur. Wieso liest man nie von „kriminelle Gewinnen“?“. 2 Milliarden verzockt, UUUBS … „My BONI is over the ocean“.

Kapitalismus ist kein Naturgesetz. Ein Plakat ist zu sehen, welches an New York erinnert. Dazu ein Bekenntnis zur reinen marxistischen Lehre, und erstaunlicherweise ein Herz, was Liebe bedeuten mag. Und daneben Hammer und Sichel. Liebe also zum Marxismus-Leninismus. Junge Leute scharen sich darum. Die Bediensteten der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) in orangenen Sicherheitswesten achten darauf, dass niemand unters Tram gerät. Denn die Trams haben gegenüber FüssgängerInnen Vortritt. Das steht im Gesetz. Ein junger Mann teilt darauf durch ein Mikrofon mit, dass die VBZ auf dem Paradeplatz (Bankenplatz) vorübergehend den Betrieb einstellt. Ein Etappensieg. Der Paradeplatz (Bankenplatz) gilt somit als besetzt. Um 13:00 Uhr sei Vollversammlung auf dem Platz. Vorerst gibt es noch sehr gute Musik.

Es wird weiter gehen wie bisher. Eine Anleitung bietet ein Banken-Monopoly, das auf das Trottoir neben dem Tramhäuschen angebracht worden ist. Nach dem Einstieg ins Spiel steht zuerst die Aufforderung, einen Mediensprecher zu kaufen, sodann eine Image-Kampagne zu bezahlen, Politiker zu schmieren. Es gibt immer wieder Rückfallmöglichkeiten mit dem Einsitz ins Gefängnis. Dann das Feld mit der Aufforderung: Rette die Bank. Treibe sofort Steuergelder auf zur Entspannung deiner Lage. Geschafft? Rücke zwei Felder vor.

Vielleicht bleibt doch nicht alles beim Alten. Besteht Hoffnung auf einen Gesinnungswandel in breiten Schichten der Bevölkerung? Die Zukunft wird es weisen. Auf dem Zürcher Paradeplatz (Bankenplatz) hatten sich am 15. Oktober 2011 spontan – und durchs Internet aufgeboten – mehrheitlich Jugendliche versammelt. Sie wollen friedlich weiter machen. Zum Glück.

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