Psychisch krank bei der Arbeit

Niklas Baer

In den meisten Industriestaaten ist die Anzahl psychisch bedingter Invalidisierungen stark gestiegen. Darum hat die OECD ein mehrjähriges Projekt (2010-2013) zum Thema "Mental Health and Work" initiiert, an dem sich 10 Länder, darunter auch die Schweiz, beteiligen. ln einem ersten Schritt wurde ein Hintergrundbericht erstellt ("Sick on the Job", 2012).

Der OECD-Hintergrundbericht stellt unter anderem fest, dass die zunehmende Invalidisierung psychisch Kranker kaum in einer realen seuchenartigen Zunahme psychischer Erkrankungen begründet ist, sondern in übergreifenden Veränderungen der Wahrnehmung und Wertung psychischer Störungen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt.

Ein grundlegendes Problem besteht in der bisher überwiegenden Bündelung der psychiatrischen und auf die Genesung orientierten Versorgung auf die kleine Gruppe der schwer und chronisch psychisch kranken Menschen. Gleichzeitig wird die sehr grosse Gruppe von so genannt leichteren psychischen Erkrankungen vernachlässigt. Auch leichtere psychische Störungen können mit starker und langdauernder Behinderung verbunden sein und führen unter anderem wegen der häufig verminderten Produktivität am Arbeitsplatz nicht nur zu individuellen Problemen, sondern auch zu sehr hohen ökonomischen Folgekosten - hätten jedoch bei entsprechender Unterstützung häufig eine gute Prognose für die Wiedereingliederung.

Zu wenig übergreifende Zusammenarbeit

Der Hintergrundbericht wertet die Arbeitsproblematik psychisch Kranker als eine der zentralen sozialpolitischen Herausforderungen der Industriestaaten. Dies hat verschiedene Gründe. Darunter befinden sich unter anderem krankheitsspezifische Ursachen (meist sehr früher Beginn, langdauernder Verlauf und häufige Erkrankungen, die zusätzlich zur psychischen auftreten), mangelnde Früherkennung und -intervention in den Systemen, die der Invalidenversicherung vorgelagert sind (Schule, Berufsausbildung, Arbeitslosenversicherung), Stigmatisierung und deren Konsequenzen wie beispielsweise ein nicht angepasstes Hilfesuchverhalten sowie zu wenig präventive und teils wirkungslose Rehabilitationsmassnahmen.

Ein weiteres grundlegendes Problem wird in der in vielen Ländern mangelhaften intersektoralen Zusammenarbeit gesehen, insbesondere in an sich zentralen, aber selten stattfindenden Zusammenarbeit von behandelnden Ärzten und Arbeitgebern. Schliesslich wird die mangelnde Fokussierung arbeitsbezogener Probleme in der ärztlichen Behandlung als besonderes Problem gewertet.

Zur Zeit werden die teilnehmenden Länder besucht und Länderberichte sowie politische Empfehlungen erstellt.

(Quelle: Offizielle Zusammenfassung des Referates an der 1. Netzwerktagung Tagung Psychische Gesundheit Schweiz am 20. Juni 2012.)

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Entfremdung zwischen Ärzteschaft und Arbeitswelt

Hälfte / Moitié / PIV. lm Referat von Niklas Baer wurden mit Blick auf den OECD-Hintergrundbericht einige vorläufige Schlüsse zur Situation in der Schweiz gezogen. Baer stellte fest, dass allgemein die Arbeitsunfähigkeit und die Behinderung wegen psychischen Ursachen zunehmen.

Die Erwerbsquoten verschlechtern sich. Leichte Depressionen und Angststörungen nehmen zu. Ein absinkendes Einkommen kann zu solchen Erkrankungen führen. 40% der Arbeitenden erlebten einmal seit dem 14. Altersjahr eine solche Störung. Es ergibt sich eine hohe Rate an nicht behandelten Kranken als Folge der Stigmatisierung von psychischer Erkrankung. Die Arbeitssituation wird in der Psychiatrie zu wenig fokussiert. Zwischen der Ärzteschaft und der Arbeitswelt klafft eine Lücke.

Krank gekündigt, krank arbeitslos

Immer mehr MitarbeiterInnen erleben Stress in ungelernten Tätigkeiten. Es gilt das Motto: „Arbeit ist gut, noch besser wäre gute Arbeit“. Oft werden die ArbeitgeberInnen durch psychisch belastete ArbeitnehmerInnen überfordert. Sie sehen in 90% aller Fälle die einfachste Lösung in der Kündigung. Dann treten die Probleme erst recht auf. Arbeitslose haben überdurchschnittlich häufig psychische Probleme. Die Arbeitslosenversicherung geht fälschlicherweise davon aus, dass die Kranken vermittelbar wären. Es fehlen krankheitskonforme Eingliederungsmassnahmen. In der Schweiz gibt es viele Ressourcen, aber keine gemeinsame Ausrichtung auf die kranken Menschen.

Untätige Arbeitgeber und Gewerkschaften

Baer beklagt auch die passive Haltung der Arbeitgeberschaft gegenüber dem Problem der psychischen Krankheit am Arbeitsplatz. Auch die Gewerkschaften sind inaktiv; sie denken vorwiegend an die zahlenden Mitglieder. In der Praxis der Arbeitslosenversicherung geht das Problem unter. Der Versuch zur Koordination in der IIZ (Inter-Institutionelle Zusammenarbeit) brachte viel Aufwand, aber wenig Wirkung.

Zur Person: Niklas Baer, Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrischen Dienste Baselland.

Zur Information: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organization for Economic Cooperation and Development, OECD) hat 34 Mitgliedstaaten, die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen. Die meisten OECD-Mitglieder gelten als entwickelte Länder. Die Schweiz gründete mit 19 anderen Staaten 1960 die OECD. Der finanzielle Beitrag der Schweiz macht 1,6 Prozent des zentralen Budgets aus; der Beitrag misst sich an der Wirtschaftskraft eines Mitgliedlandes.

 

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