Psychische Probleme am Arbeitsplatz zu wenig berücksichtigt

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Die Schweiz sollte mehr tun, um Menschen mit psychischen Störungen in den Arbeitsprozess zu bringen und im Job zu behalten. Das ist die zentrale Botschaft des jüngsten OECD-Berichts Psychische Gesundheit und Arbeit Schweiz, der in Bern vorgestellt wurde. 

Laut Bericht leidet etwa jeder dritte Bezieher von Arbeitslosenentschädigung, Invaliden-versicherungsleistungen oder Sozialhilfe an einer psychischen Störung. Die Arbeitslosenquote bei psychisch Kranken ist mehr als doppelt so hoch wie die Gesamtarbeitslosenquote.  

Krankheit verursacht Riesenkosten 

Ein effizienterer Ansatz würde Erwerbstätigen und Unternehmen gleichermassen helfen: Psychische Probleme kosten die Schweizer Wirtschaft durch Produktivitätsverluste, Gesundheitsversorgung und soziale Ausgaben jährlich schätzungsweise 19 Milliarden Franken. Das sind 3,2 Prozent des BIP.  

Arbeitgeber sollten bei psychischen Problemen ihrer Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen und mit Krankenkassen zusammenarbeiten – durch umfassende Betreuung können Ausfälle reduziert und Wiedereingliederungen erleichtert werden (Absenzenmanagement). Sie sollten ebenfalls verpflichtet werden, zeitnah die Invalidenversicherung zu kontaktieren, wenn Gesundheitsprobleme auftreten.  

Auch die Arbeitsämter sieht der Bericht in der Pflicht: Ihre Aufgabe sei es, psychische Probleme von Stellensuchenden früh zu erkennen und, in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitssektor, anzugehen. Für kranke Arbeitslose und Ausgesteuerte seien zudem gesonderte Strategien erforderlich – in beiden Gruppen kommen psychische Beeinträchtigungen häufig vor.  

In den vergangenen zehn Jahren haben die Reformen der Invalidenversicherung (IV) die Zahl der neuen IV-Bezüger erfolgreich gesenkt. Dennoch erhalten nach wie vor viele Menschen IV-Leistungen. Massnahmen, die IV-Empfänger – vor allem jene mit einer psychischen Störung – zurück in den Arbeitsmarkt bringen wollen, müssen noch bessere Ergebnisse liefern.

Mangelnde Zusammenarbeit von Gesundheitsdiensten und Arbeitsvermittlung 

Laut Bericht ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten in der Schweiz sehr gut und die Zahl der Psychiaterinnen und Psychiater weit höher als in jedem anderen OECD-Land. Behandlungen mit dem Ziel, den Betroffenen bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz zu helfen, sind hingegen nicht sehr verbreitet. Ebenso fehlt eine Verbindung zwischen den Gesundheits- und Arbeitsvermittlungsdiensten oder zwischen dem Arbeitsplatz und der Ärzteschaft. Andere Länder erzielen hier schon erste Erfolge. 

Auf Änderungen drängt der Bericht auch im Bildungssystem: Jugendliche mit psychischen Störungen, die eine Schule der Sekundarstufe II oder eine Berufsausbildung abbrechen, erhalten keine Unterstützung. Die Beschäftigungsperspektiven für niedrigqualifizierte Jugendliche haben sich in den vergangenen zehn Jahren drastisch verschlechtert, und die IV-Anmeldungen von Jugendlichen mit einer psychischen Erkrankung nehmen trotz der erfolgreichen IV-Reformen zu. 

Empfehlung der OECD an die Schweizer Behörden 

► Krankheitsbedingten Arbeitsausfällen stärker vorzubeugen bzw. die Fehltage durch umfassende Betreuung zu minimieren.

► Arbeitsvermittlungen und Sozialdienste im Umgang mit häufigen psychischen Problemen zu schulen.

► Die Invalidenversicherung näher an die Arbeitswelt zu bringen und dabei besonderes Augenmerk auf die Rolle der Arbeitgeber und arbeitsplatzorientierte Frühinterventionen zu richten.

► Die psychiatrische Versorgung stärker darauf auszurichten, dass Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zurückkommen, unter anderem durch Umschichtung von Ressourcen in der Ärzte-Ausbildung.

► Sicherzustellen, dass Schülerinnen und Schüler mit psychischen Problemen nicht

verfrüht aus dem Bildungssystem ausscheiden.

( Medienmitteilung, 23. 01 2014 ) 

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Psychische Probleme am Arbeitsplatz zu wenig berücksichtigt

(Swissinfo) Die Erwerbsrate von Personen mit Depressionen, Angststörungen und anderen psy­chischen Störungen ist in der Schweiz laut der OECD-Studie im internationalen Ver­gleich zwar "bemerkenswert hoch".

Das belastet nicht nur die Sozialwerke, sondern kann auch für die Betroffenen hin­derlich sein: Denn Arbeit erhöht laut Studien die psychische Gesundheit, wie Chris­topher Prinz, Projektleiter des OECD-Berichts, vor den Medien betonte.

Die Studienautoren kritisieren deshalb, dass PsychiaterInnen normalerweise keinen Kon­takt mit den ArbeitgeberInnen aufnehmen. Das Gesundheitssystem weise "erhebliche Defizite auf, was das Bewusstsein für arbeitsplatzbezogene Probleme von Patienten anbelangt", heisst es im Bericht.

Arbeitgeber zu wenig in der Pflicht 

Auch die ArbeitgeberInnen müssen nach Ansicht der OECD stärker einbezogen werden: Die verfügbaren Daten legten nahe, dass die Arbeitgeber in der Schweiz insgesamt den psychologischen Risiken am Arbeitsplatz weniger Bedeutung beimessen würden als Unternehmen in vielen anderen Ländern, heisst es im Bericht.

Den jüngsten Reformen der IV attestiert der OECD-Bericht einen "beachtlichen Er­folg". Bei den Personen mit psychischen Störungen hätten die Revisionen allerdings am wenigsten genützt, sagte Prinz. Diese Gruppe mache inzwischen beinahe 40 Prozent aller Neu-renten aus.

Kritisiert wird im Bericht auch, dass IV-Renten für bestimmte Gruppen immer noch vergleichsweise attraktiv seien: Besonders für Personen mit niedrigem Einkommen und für Jugendliche sei es lohnender, eine IV-Rente zu beziehen als zu arbeiten.

Bei den Jugendlichen ortet der Bericht ein weiteres Problem: Wer Schule oder Lehre abbricht, stehe sehr schnell alleine da. Das bestätigte Beatrice Kronenberg, Direkto­rin des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik: Diese Jugendliche fielen oft zwischen Stuhl und Bank, sagte sie vor den Medien.

Magere Ergebnisse trotz hohem Aufwand 

Harsche Kritik übt der Bericht an der sogenannten Interinstitutionellen Zusammenar­beit (IIZ). Die IIZ liefere magere Ergebnisse im Vergleich zum hohen Aufwand, schreiben die Studienautoren. Sie fokussiere zu stark auf die Institutionen, zudem müsste der Gesund-heitssektor einbezogen worden.

( sda-ats / 23. 01.2014 )

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