Qualität der Medien Schweiz

Hälfte / Moitié

(fög-Mitget.) Der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Univer­sität Zürich legt das Jahrbuch 2012 «Qualität der Medien − Schweiz Suisse Svi­zzera» vor. Anstoss für das Jahrbuch bildet die Einsicht, dass die Qualität der Demokratie von der Qualität der medienvermittelten Kommunikation abhängt.

Zum dritten Mal hat der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni­versität Zürich die Versorgung der Schweiz durch Informationsmedien, ihre Qualität, ihre Nutzung und ihre Einnahmen untersucht. Unter anderem wird gezeigt, dass die Schweizer Informati­onsmedien im Krisen- und Umbruchjahr 2011 deutlich mehr rele­vante Themen aus Politik und Wirtschaft (Weltwirtschaftskrise, Fukushima und dem ara­bischen Frühling) auf ihre Agenda setzen als noch im Vorjahr. Gleichzeitig führt der Aktualitätsdruck dazu, dass 2011 weniger Hintergründe vermittelt werden, das heisst die Einordnungsleistung weiter sinkt. Im Vergleich aller Medientypen nimmt gegen­über dem Vorjahr bei den Abonnementszeitungen der Anteil der einordnenden Be­richter­stattung am stärksten ab. Die Kernkompetenz der Abon­nementszeitungen, Wissen über Zusammenhänge zu vermitteln, stiess 2011 an die Grenzen von Res­sourcen. Aus einem Langzeitvergleich geht hervor, dass qualitätsniedrige Medien 2011 deutlich häufiger genutzt werden als noch vor zehn Jahren.  

Neue Detail-Erkenntnisse

Vertiefungsanalysen zeigen zudem

►dass die Newssites der meisten wichtigen Schweizer Zeitungen qualitativ weit hinter ihren gedruckten Pendants zurückbleiben,

►dass in der Wahlberichterstattung eine Verschiebung der Aufmerksamkeit zu­gunsten des Bundesrats auf Kosten der Parlamentswahlen stattgefunden hat,

►dass politische Kampagnen die Kriminalitätsberichterstattung wie auch die Bedro­hungswahrnehmung in der Bevölkerung wesentlich prägen und dass die Kriminali­tätsberichterstattung gegenüber der Polizeistatistik stark verzerrt ist,

►dass die Medienkritik dank zivilgesellschaftlicher Akteure zwar zugenommen hat, aufgrund ihrer schwachen Resonanz in den Informationsmedien jedoch ein Schat­tendasein fristet.

Hierarchie der Qualität

46 Medientitel der Gattungen Presse, Radio, TV und Online wurden in Bezug auf die Qualität  hierarchisiert. Während 2011 die Informationssendungen des öffentlichen Radios aus der Deutschschweiz die Qualitätsspitze darstellen, bilden die Gratis- und Boulevardzeitungen on- und offline sowie die Newssites der Abonnementspresse aus der Suisse romande und der Privatrundfunk das untere Ende der Qualitätsband­breite. Dazwischen streuen die Sonntags­zeitungen, die zwei besten Newssites und die Abonnementspresse. Einzelne regionale Abonnementstitel kommen nahe bei den Gratiszeitungen zu liegen.

Online wächst, Presse und Rundfunk schrumpfen

In der Presse und im Rundfunk schrumpft die Abdeckungsquote der Informationsme­dien weiterhin, das heisst die Auflage- und Nutzungszahlen wachsen nicht parallel zur Bevölke­rung, beziehungsweise sie sind sogar rückläufig. Die Nutzung der Online-Newssites nimmt demgegenüber zu. Die Gratiskultur im Internet und die beschleu­nigte Newsproduktion sowie die Ertragsunsicher­heiten im Onlinewerbemarkt durch die wachsende mobile Nutzung wirken aber hemmend auf die Qualitätsentwicklung. Online bleibt zu wenig Zeit und Personal für eine einordnende Berichterstattung. Gleichzeitig führt die Orientierung an Klickraten zu ho­hen Anteilen an Softnews.

Mehr Bedeutung für qualitätsniedrige Medien

Die langfristigen Nutzungsverschiebungen zwischen den Mediengattungen führen dazu, dass die Schweizer Bevölkerung im Jahr 2011 mit niedrigerer publizistischer Qualität ver­sorgt wird als noch vor 10 Jahren: Die Bevölkerung wird weniger durch qualitativ bessere Titel erreicht. Es ergibt sich das Bild einer Qualitätspyramide mit einer erodierenden Spitze, einem bröckelnden mittleren Segment und einer wesent­lich breiter gewordenen Basis quali­tätsniedriger Medien.

Mit Blick auf die 46 inhaltlich untersuchten Medien haben in der Deutschschweiz und stärker noch in der Suisse romande qualitätsniedrige Titel in den letzten Jahren an Verbreitung ge­wonnen. Die qualitätsniedrigen Titel vom Typ Boulevard- und Gratis­zeitung sowie der eben­falls qualitätsniedrige private Rundfunk erreichen in der fran­zösischsprachigen Schweiz im Jahr 2011 mit 45% den anteilmässig grössten Teil der Bevöl­kerung. In der Deutschschweiz decken Medientitel von niedriger Qualität 37% der Bevölkerung ab. In der Svizzera italiana ist die Abdeckung der Bevölkerung durch qualitätsniedrige Medientitel aktuell noch geringer. Aller­dings ist seit der Lan­cierung von 20 minuti im Herbst 2011 die Situation im Fluss.

Marktdominanz und eingeschränkter Wettbewerb

Im Presse- und Onlinebereich zeigt sich eine hohe Medienkonzentration. Das Medi­enunter­nehmen Tamedia AG besitzt gesamtschweizerisch im Pressesektor mittler­weile einen Marktanteil von über 40%. Diese Marktstellung im Pressesektor und die Konvergenz mit dem Onlinesektor schränken den Wettbewerb durch Grössen- und Verbundeffekte ein.

In der Suisse romande ist die Situation im Medienmarkt besonders ausgeprägt. Die Tamedia verfügt hier über einen Marktanteil von 68%. Auch im Onlinesegment ist die Konzentration fortgeschritten. Nach der Integration der ehemaligen Edipresse-News-sites ins neue Newsnet hat die Tamedia AG ihre Anteile in dieser Sprachregion auf 28% gesteigert.

Unterschiedliche Erträge der Werbung

Gesamthaft verliert die Presse seit dem Jahr 2000 einen Drittel ihrer kommerziellen Werbeerträge. Zusätzlich sinkt die Zahlungsbereitschaft des Publikums weiter. Im Langzeitvergleich können im Pressebereich nur die Gratiszeitungen von steigen­den Wer­beeinnahmen profitieren. Die Gratistitel 20 Minuten, 20 minutes und Blick am Abend schöpften im Jahr 2011 nicht weniger als 31% des Bruttowerbeerlöses aller 46 untersuchten Pressetitel der Schweiz ab. Gesamthaft verliert die Presse seit dem Jahr 2000 einen Drittel ihrer kommerziellen Werbeerträge.

Der Onlinewerbemarkt kann diese Situation nicht auffangen. Er weist zwar anhaltend zwei­stellige Wachstumsraten auf, generiert aber mit Bruttowerbeerträgen von 521 Mio. Franken erst einen Bruchteil der entsprechenden Erlöse des Printmedienmark­tes (Nettoumsatz Pres­semarkt 2011: rund 2 Mrd. Franken). Der Werbemarkt von Ra­dio und Fernsehen ist stabiler. Allerdings schöpfen die ausländischen privaten Fern­sehveranstalter nicht weniger als 37% vom Schweizer Fernsehwerbemarkt ab, ohne einen relevanten Beitrag zum Informations­journalismus zu leisten. Der Vergleich der untersuchten privaten Rundfunkprogramme zeigt zudem, dass weder höhere Werbe­erlöse also finanzielle Ressourcen, noch eine Konzessi­onsverpflichtung die Qualität erhöhen. Ausschlaggebend ist auch der Wille zum Service public.

Social media

Auch die Funktion der social media wurden vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) untersucht. Verlage und ihre Medien können durch die social media einen neuen Verbreitungskanal öffnen. Es handelt sich um 96% redaktionseigene Beiträge, die so nach Aussen kolportiert werden. Allerdings findet darüber in den social media der Verlage und ihrer Redaktionen kaum ein Diskurs statt. Hingegen besteht in den social media eine Gegenöffentlichkeit, in der es auch zu Medienkritik kommt. Dieser Diskurs wird jedoch von den etablierten Informationsmedien kaum wahrgenommen und oder gar reproduziert. Ein Weg in die breite Öffentlichkeit bleibt so verschlossen.

Personen und Fakten

Das Jahrbuch wird vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zü­rich (www.foeg.uzh.ch) herausgegeben. Folgende Autoren sind am Jahrbuch 2012 beteiligt: Urs Christen, Mark Eisenegger, Patrik Ettinger, Angelo Gis­ler, Lucie Hauser, Florent Heyworth, Kurt Imhof, Esther Kamber, Jens Lucht, Johan­nes Raabe, Mario Schranz, Peter Studer (Gastautor), Linards Udris, sowie Vin­zenz Wyss mit Michael Schanne und Annina Stoffel (Gastautoren).

Die Finanzierung für das Jahrbuch wird durch die gemeinnützige Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft (www.oeffentlichkeit.ch) eingebracht. Der Stiftungsrat setzt sich zusammen aus: Christine Egerszegi-Obrist, Kurt Im­hof, Yves Kugelmann und Oswald Sigg. Das Jahrbuch erscheint im Schwabe Verlag in gedruckter Form (ISBN 978-3-7965-2776-0) und als Online Ausgabe (ISBN 978-3-7965-2856-9).

Weiterfüh­rende Informationen auf: www.qualitaet-der-medien.ch.

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