Quartierrundgang im minderen Basel

Paul Ignaz Vogel

Der einst armutsbetroffene Sozialhilfempfänger Martin A. Steiner erlebt neu die Pensionierung. Er erhält eine AHV-Rente mit Ergänzungsleistungen. Das ist ein kleines bedingungsloses Grundeinkommen im Alter. Den neuen Lebensabschnitt möchte Martin mit mehr persönlicher Freiheit kreativ nutzen. So plant er alternative Rundgänge im minderen Basel.

Punkt elf Uhr hält vor der Pforte des Bürgerlichen Waisenhausareals im minderen Basel (Kleinbasel) ein Taxi. Ihm entsteigt Martin A. Steiner, beladen mit viel papierenen Unterlagen und Büchern. Die Tragtasche ist prallvoll, Martin trägt eine rote Mütze der Gewerkschaft Unia und ein rotes T-Shirt, mit einem Schweizerkreuz und der Aufschrift „Europameister“. Des Schauspielens nicht müde, begabt mit viel Fähigkeiten in Sprache und Gesang, inszeniert sich Martin zu Beginn als ein guter Kollege, der einfach ein bisschen mehr weiss als wir (und ich). Die Rundgänge gestaltet er demokratisch, mit Rede und Gegenrede.

Martin A. Steiner, in Basel geboren und aufgewachsen, hat in verschiedenen Berufen gearbeitet. Vor 45 Jahren war er der Chemiegewerkschaft (GTCP) beigetreten. Der Allrounder schreibt von sich selbst: „Ich war in verschieden Zirkussen unterwegs, also auf Achse; habe rund vier Jahre in Zürich und zwei Jahre in Karl-Marx-Stadt, dem ehemaligen und heutigen Chemnitz gelebt, mich weitergebildet und gearbeitet. Von Beruf bin ich Laborant. Ich schreibe, male, singe und spiele Theater und besuche als Gasthörer Veranstaltungen an verschiedenen Hochschulen.“ Martin erzählt auch davon, wie er 2001 zum ersten Mal einen Quartierrundgang im minderen Basel mitgeplant und durchgeführt hatte. Von der Claramatte aus erforschten unter fachlicher Leitung der Historikerin Sabine Braunschweig QuartierbewohnerInnen ihre direkte Lebensumwelt. 

Wissen ist Macht

Einige Stationen mit geschichtlichen Informationen seien aus dem heutigen Rundgang im minderen Basel herausgegriffen. Die reichhaltige Tour von Martin beginnt im Areal des Bürgerlichen Waisenhauses. Dort steht auch die Kartäuserkirche. Wir werden gedanklich in die Zeit der Reformationswirren zurück geführt. Bücher waren bis zur Reformation Sache der römischen Kirche. Warum wurde die Kartäuser-Bibliothek vom Bilder- und Büchersturm nicht betroffen? Martin weist darauf hin, dass das Bürgerliche Waisenhaus ein geschlossenes Areal ist und damals am Rande der Stadtmauer lag. Daher blieben Plünderungen aus. Nach der Reformation wurde das Buch-Wissen zusehends in öffentlichen Bibliotheken zugänglich gemacht. Eine emanzipatorische Bewegung setzte ein. Sie wirkte sich auch im Sozialen aus. Heute wird ein Teil der Basler Waisenhaus- Räumlichkeiten verschiedentlich weiter vermietet. Hier besteht auch ein Jugendheim für Kinder und junge Erwachsene aus schwierigen familiären Verhältnissen. Waisen hat es fast keine mehr. 

Industrialisierung und mindere Lohnarbeit 

Am Lindenberg 21 wird auf der Besichtigungstour Halt gemacht. Wir stehen vor dem Haus zum stillen Wind aus dem 14. Jahrhundert. Dort ist heute die Basler Gassenküche untergebracht. Martin erzählt, dass Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, mit der Entwicklung der Basler Chemie in Basel akute Hygiene- und Verpflegungsprobleme für viele FabrikarbeiterInnen bestanden. Gemeinnützige öffentliche Badeanstalten wurden eingerichtet. Auch die Gründung einer öffentlichen Speiseanstalt, wo das Essen zum Selbstkostenpreis abgegeben wird, war geplant. Doch ausgerechnet Christoph Merian, welcher eine persönliche Antipathie gegenüber FabrikarbeiterInnen hatte, verhinderte dieses Projekt. Die entstehende IndustriearbeiterInnenschaft sah er als Bedrohung des Handwerkswesens. 

Heute hat sich die Armut verschoben. Working-poor, MigrantInnen, Obdachlose, EL-  und SozialhilfeempfängerInnen haben vor allem Probleme, die tägliche Nahrung kaufen zu können. Darum gibt es auch in Basel die Gassenküche. Laut Angaben von Martin wird montags bis freitags ein gratis Morgenessen und ein reichhaltiges Abendessen für sehr wenig Geld angeboten. Am Sonntag gibt es einen Gratis-Brunch. Über tausend Portionen Essen werden so wöchentlich abgegeben. Im ersten Stock werden Deutschkurse für MigrantInnen erteilt. Zu erwähnen ist auch das Malatelier der Gassenküche, welches wöchentlich einmal stattfindet. Kreativität und Bildung sind wichtige Instrumente um aus der Armut auszusteigen. 

Von der Brotordnung zur Arbeitsordnung 

Dann stehen wir auf unserem Rundgang vor der Riehentorbäckerei. Martin macht einen Gedankensprung nach Sachsen: „1536 erlegte der Rat zu Leipzig dem Bäcker Georg Muff ein Backverbot über vier Wochen auf, da der das Brot schwarz und sehr klein gebacken hatte.“ Adam Ries oder Riese erstellte für Sachsen die „Brotordnung“, wo mengenmässig verschiedene Zutaten und Umstände deklariert wurden. Folgende Faktoren beinhaltete die Brotordnung: Den Getreideeinkauf, das Gewicht des Brotes, die Qualität des Mehls, der Verkaufspreis des Brotes und die Gewinnmarge und dazu kamen noch weitere Anordnungen der Stadt. In Basel gab es die Zunft der Brotbeggen. Mit der gemeinschaftlichen Regelung von lebensnotwendigen Existenzmitteln entstand mit der Zeit aus der Brotordnung die Arbeitsordnung. Aus den handwerklichen Zünften bildeten sich die Gewerkschaften des Industriezeitalters. 

Wir erreichen auf dem Quartierrundgang das Basler Gewerkschaftshaus an der Rebgasse 1. Martin erinnert an die Bedeutung der verbindlichen Regelungen auf dem Arbeitsmarkt, an die Gesamtarbeitsverträge und Gewerkschaften als SozialpartnerInnen, die wichtige Gegenkraft zu den Unternehmungen sind . Brauchen wir heute noch Gewerkschaften? Martin sagt: „Denken wir da an die Schweizer Post, an die neue Taxi-Mafia, die „Dumping-Uber“ oder andere kleinere oder grössere Unternehmen, die meinen, sie könnten machen was sie wollen. Das sind Geschäfte, welche meistens unsere Gesetze missachten.“

Zur Selbsthilfe-Kultur der ArbeiterInnenbewegung gehören auch die Konsum- Genossenschaften. Die Konsumbewegung in der Schweiz wurde von SozialistInnen im vorletzten Jahrhundert in Genossenschaftsform gegründet. In Basel entstand der ACV, der allgemeine Consumverein beider Basel. Wir stehen vor dem „Rygass Consi“  an der Rheingasse 19 / Schafgässlein  2. Einen Konsumladen gab es in der Rheingasse schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. 

Die Quartiertour unter der Leitung von Martin A. Steiner nimmt sodann ihren Lauf. Wissbegierige folgen ihr begeistert und entdecken zusehends das andere, das mindere Basel. Das Projekt ist Margreth Vögtlin gewidmet, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Basel lebte. Sie arbeitete als Bedienstete, ihre sechs minderjährigen Kinder wurden als Arbeitskräfte in Haushalte verdingt. 

Das Projekt: 

Ab Ende August  2016 finden  jeweils letzten Freitag im Monat um 11.00 Uhr, bei Bedarf jeden Freitag!) die Quartiertouren regelmässig statt. Eine Anmeldebestätigung ist notwendig für die Teilnahme - diese kann auch mündlich erteilt werden.

Unkostenbeitrag: Pro Person Fr.4.- / Jugendliche und ermässigt  Fr. 2.- . Anmeldung per E-Mail: oktonius@t-online.de, per Telefon:  076 712 08 22 oder brieflich: GEG Okto9Logie, bei Martin A. Steiner, Florastrasse 1, 4057 Basel. 

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