Renitenz

Oswald Sigg

Anmerkungen zum sozialen Vokabular: Jemand, der Sozialhilfe bezieht, ist ein Klient. Jedenfalls ist dies der Ausdruck für einen von der öffentlichen Sozialhilfe abhängigen Menschen im Jargon der Sozialdienst-Mitarbeitenden. Normalerweise wird heute eher die Kundschaft von Rechtsanwälten als Klient bezeichnet.  

Doch hat der Begriff Klient auch noch eine historische Bedeutung: nämlich jene eines Schutzbefohlenen oder eines Vasallen. In der mittelalterlichen Feudalgesellschaft nannte man die einem Lehnsherrn durch Treueid verpflichteten Gefolgsleute Vasal­len. Sie waren unfreie Diener ihrer Herren.  

Die Sozialamtschefin einer aargauischen Gemeinde bezeichnet die Bezüger von So­zialhilfe als Kunden. Der Kunde ist jedoch umgangssprachlich das Gegenteil eines Sozialhilfeabhängigen: der Kunde ist vielmehr der Käufer von Waren oder Dienst-leistungen. Ob der Kunde im erwähnten Sozialamt auch der König wäre, darf be-zweifelt werden.  

Ein Kunde, der nicht König ist 

In der bernischen Sozialinspektion, die mit der Aufdeckung von Sozialhilfemissbräu­chen betraute Behörde, spricht man zunächst weder von Klienten noch von Kunden, sondern entweder von Fällen oder von betroffenen Personen. Letztere werden in den im Jahresbericht erwähnten  Überwachungsrapporten wieder zu jenen Klienten, wel­che den Sozialinspektoren von der fallführenden Person des Sozialdienstes zur Überwachung anvertraut worden sind. Die Kontrollen und Überwachungen beziehen sich auf Unklarheiten bei  Erwerbstätigen, bei Einkommens- und Vermögensverhält­nissen wie auch bei Wohn- und Arbeitssituationen.  

Im erwähnten Jahresbericht  wird auch ein Umstand angesprochen, der sich in eini­gen Sozialdiensten auszubreiten scheint. Die Sozialinspektoren zeigen sich in ihrer Schilderung  der vorsorglichen  Abklärung von Missbräuchen durch verdächtige Kli­enten oder Kunden „sehr dankbar, wenn uns die Sozialdienste klar über die psychi­sche Verfassung und über ein allfälliges Gewaltpotential informieren.“ Auch dafür gibt es im sozialdienstlichen Jargon einen Fachausdruck: Renitenz.

Renitent ist jemand, der ein abnormes Verhalten an den Tag legt, indem er sich Ge­wohnheiten, Sitten und Gebräuchen, aber auch Wünschen oder Weisungen anderer widersetzt. Renitente Sozialhilfeempfänger und renitente Asylsuchende oder schon gar zur Renitenz neigende abgewiesene Asylbewerber sind zu besonderen An­spruchsgruppen geworden: sie widersetzen sich der gängigen administrativ-sozialen oder asylpolitischen Logik. Aus Gründen, die für Sozialarbeitende und Sozialinspek­toren weitgehend unerklärlich sind, widersetzen sich Renitente  den gesetzeskonfor­men Anweisungen des Personals. Es soll in der erwähnten aargauischen Gemeinde einen Kunden geben, der sich sogar höchst renitent gab: er erschien nicht zu Ge­sprächsterminen, holte eingeschriebene Briefe nicht ab oder verweigerte die ge­meinnützige Arbeit. Darauf wurde diesem Kunden die Unterstützung verweigert. 

Renitente Asylsuchende werden in ähnlicher Weise bestraft. Gemäss einer neuen Bestimmung im Art. 26  des Asylgesetzes gefährden sie „die öffentliche Sicherheit und Ordnung … oder den ordentlichen Betrieb der Empfangsstellen“ und werden somit in „besonderen Zentren“ untergebracht, die man offiziell Sachabgabezentrum nennt.  Dort erhalten sie nur noch jene Sachen, welche für das notdürftige Überleben unentbehrlich sind.  Es gibt politische Vorstösse, wonach man renitenten abgewiese­nen Asylbewerbern auch noch die Nothilfe verweigern sollte. Somit kann das Sach­abgabezentrum auch einmal ungewollt zur letzten Zufluchtsstätte werden. 

Renitenz hat Hintergründe

Aufschlussreich ist die Etymologie des Adjektivs renitent. Im 18. Jahrhundert wurde der französische Ausdruck rénitent ins Deutsche übernommen und für die Worte wi­derspenstig oder aufsässig gebraucht. Letzteres wird im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm  von 1854 auch als hostilis, somit als  feindlich umschrie­ben. Den Terminus aufsässig erläutern die Brüder Grimm  mit einem überraschenden Satz: „das alter ist denen lüsten und begierden aufsessig, die es selbsten in der kindheit und jugend getrieben.“

Anders gesagt: Zuerst ist die Renitenz auf ihre wirklichen Gründe zu hinterfragen, bevor man mit sozialdienstlichem und asylpolitischem Jargon vom Umstand ablenkt, dass im Rahmen geltenden Rechts gegenüber den Renitenten Unrecht geschieht.

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