Rentenalter 60 im Bau-Hauptgewerbe

Unia

(Unia / PIV) Am 1. Juli 2003 konnten die ersten Bau­arbeiter vom flexiblen Al­ters­rücktritt (FAR) profitieren. Die Rente mit 60 auf dem Bau ist eine der wich­tigs­ten sozialpolitischen Errungenschaften der ver­gangenen 10 Jahre. Fünf Jahre Leben wurden geschenkt

Vorgängig hat­ten Arbeitgeber und Arbeitnehmer hart um die Frühpensionierung ge­rungen. Erst nach dem grössten Streik der letzten Jahr­zehnte einigten sich der Schweizer Baumeisterverband und die Gewerkschaf­ten. Am landesweiten Streik am 2. November hatten laut Medienberichten über 15‘000 Personen teilgenommen.

Seit 10 Jahren haben mehr als 11'500 Bauarbeiter vom Rentenalter 60 profitiert. Ihre Rente beträgt rund 80 Prozent des letzten Einkommens. Ausbezahlt wird die Rente von der Stiftung flexibler Altersrücktritt (Stiftung FAR), die sich durch Beiträge der Arbeitgeber (vier Lohnprozente) und Arbeitnehmer (ein Lohnprozent) finanziert. Von Arbeitgeber­seite anfänglich gehegte Befürchtungen, die Rente mit 60 auf dem Bau sei nicht finan­zierbar, haben sich als unbegründet erwiesen: Die Stiftung FAR hat in den letzten zehn Jahren 2,5 Milliarden Franken an Beiträgen eingenommen und hat heute einen De­ckungsgrad von über 120 Prozent.  

Bedeutender gewerkschaftlicher Fortschritt 

Anlässlich des Jubiläums haben am 29. Juni 2013 in Bern verschiedene Akteure, die an der Einführung der Rente mit 60 beteiligt waren, im Rahmen einer Podiumsdis­kussion Bilanz gezogen. «Das Rentenalter 60 für die Bauarbeiter ist einer der be­deutendsten Fortschritte, den die Gewerkschaften in den vergangenen Jahren er­reicht haben», bilanzierte Hansueli Scheidegger, der vor 10 Jahren Streik- und Ver­handlungsführer der Gewerkschaft Unia war. «Es war eine revolutionäre Idee, die sich heute sehr be­währt; und zwar nicht nur zu Gunsten der Arbeitnehmer sondern auch der Arbeitge­ber», hielt Werner Messmer, Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterver­bandes, fest.

Ungleichheit vor dem Tod

Über 100 Bauarbeiter und Vertreter von Arbeitgeberverbänden verfolgten die Podi­umsdiskussion, an der auch Massimo Usel, bereits im Jahr 2000 Co-Autor einer bahnbrechenden Studie zur «Ungleichheit vor dem Tod», und Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel, teilnahmen. Unter Mäders Leitung wurde die­ses Jahr die Studie „Am Körper scheiden sich die Geister - Flexibler Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe»* erstellt. Gabriel Decaillet, Direktor Stiftung RESOR Sion, zeigte auf, dass inzwischen auch andere gewerbliche Berufe Frühpensionierungslösungen eingeführt haben. Rolf Bless, welcher die Gewerkschaft Syna im Stiftungsrat FAR vertritt, diskutierte auf dem Podium ebenfalls mit und bestätigte den grossen sozial­politischen Wurf des flexiblen Altersrücktrittes FAR.

Und die Frauen?

Viele der anwesenden Bauarbeiter waren selber vor zehn Jahren am Kampf für die Rente mit 60 auf dem Bau beteiligt gewesen. Sie drückten ihren Stolz für das Er­reichte aus. 

Eine Bauarbeiterin fragte zum Schluss der Podiums-Diskussion, wo denn die Inte­ressen der Frauen vertreten seien. Formell besteht im FAR Gleichbe­rechtigung und keine Diskriminierung. Von den heute rund mehr als 11‘500 Renten beziehenden Personen gibt es jedoch lediglich eine einzige Frau. Das Bauhauptge­werbe ist eine Männerdomäne geblieben, bedingt durch extrem harte körperliche Arbeit. Andere und strukturelle Diskriminierungen sind nicht erkennbar.

* Martin Wyss, Am Körper scheiden sich die Geister. Flexibler Altersrücktritt im Bau­hauptgewerbe.  Edition gesowip Basel, 2013. ISBN 978-3-906129-89-1.

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