Kommentar: Ressentiments gegen Flüchtlinge

Jörg Eigenmann

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) fordert die rasche berufliche Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen. Das ist ihr gutes Recht – und vielleicht sogar die Pflicht eines Fachverbandes für Sozialhilfe. Die Rezepte erinnern indes an Kochen für Anfänger: man nehme Kurzausbildungen und Praktika, unterlege diesen Qualifizierungsmassnahmen einen gesetzlichen Zwang und schon ist der Tisch gedeckt. Damit macht die SKOS vor allem deutlich, dass sie noch nie am Herd gestanden und mit interkulturellen Zutaten gekocht hat.  

Die berufliche Integration von Personen aus dem Asylbereich ist eine Querschnittsaufgabe des Bundes und der Kantone. Manches, was die SKOS anregt, ist bereits realisiert – und trotzdem nur leidlich erfolgreich. Weshalb? Weil Integration ein langwieriger und oft auch mühseliger Prozess ist, der sich nur bedingt steuern lässt. Wer nach der Flucht in die Schweiz ein Bleiberecht erhält, sucht hier eine Lebensperspektive. Eine solche kann sich nur entwickeln, wo ein Fundament besteht, das hält. Dazu braucht es bedeutend mehr, als niederschwellige Kurzausbildungen. Die Verengung auf die rasche berufliche Integration trägt der Lebensrealität und den biographischen Brüchen von Flüchtlingen nur unzureichend Rechnung.

Mit den Vorschlägen zur Arbeitsintegration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen legt die SKOS nahe, es würde zu wenig unternommen, um diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Ziel der SKOS: die finanziellen Lasten sollen beim Bund bleiben – zusätzliche Sozialhilfefälle in der Zuständigkeit von Kantonen und Gemeinden vermieden werden. Um das zu erreichen, bietet die SKOS ihre Mitarbeit an und macht die Erfahrungen der Sozialämter im Integrationsbereich geltend. Was würde die Klientel dieser Sozialämter von den SKOS-Vorschlägen halten? Was der «working-poor», dessen Einkommen durch Sozialhilfe ergänzt werden muss, weil es nicht existenzsichernd ist? Wie würde die alleinerziehende Mutter reagieren, deren berufliche Qualifikation für eine Stelle mit flexibler Arbeitszeitgestaltung nicht ausreicht?

Es ist naheliegend, dass mit den Vorschlägen Ressentiments gegenüber Flüchtlingen geschürt werden: Die SKOS fordert Ausbildungen für Personen des Flüchtlingsbereichs, während SozialhilfeklientInnen in der Zuständigkeit der kommunalen Sozialhilfe bloss verwaltet werden, weil dort das kurzfristige Kostendenken überwiegt.Die SKOS täte gut daran, die Diskussion über Berufsqualifizierung in ihrem Zuständigkeitsbereich anzuregen, anstatt wohlfeile Rezepte für den Flüchtlingsbereich anzubieten.

Zur Person:

Jörg Eigenmann  ist Sozialarbeiter FH und seit Oktober 2015 Redaktionsmitglied bei «Hälfte / Moitié»

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Leserzuschrift:

Zum Kommentar von Jörg Eigenmann ist eine Leserzuschrift eingetroffen, aus der wir unten stehend publizieren.

Redaktion Hälfte / Moitié 

"Als beharrlicher Abonnent von Hälfte und als ebenso beharrlicher Vertreter der realexistierenden Sozialpolitik ärgere ich mich sehr über den Text von Jörg Eigenmann über die SKOS mit dem extrem tendenziösen Titel „Ressentiments gegen Flüchtlinge“. Unglaublich. Die SKOS ist eh schon angefeindet und attackiert von rechts bis zum Geht-nicht-mehr. Und nun drischt Hälfte/Moitie von links her durchaus mit einer unverkennbaren Häme auf die SKOS ein. Wenn es an Arbeitsintegration von Flüchtlingen mangelt, so liegt das ganz allein an Arbeitgebern, die nicht bereit sind, sie anzustellen. Da hat linke Kritik anzusetzen, aber nicht an der SKOS und an der Sozialhilfe."

Sandro Fischli, Sozialarbeiter FH 



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