Der Revolutionär zwischen den Bundesräten

Oswald Sigg

Die Ordnung im Büchergestell ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Da steht zwi­schen den Bundesratsbiographien Ochsenbein und Schenk, dort wo ich ihn gar nicht suchen wollte, der rote Buchrücken mit dem auffallend kursiv und sorgfältig in bläuli­cher Farbe gedruckten Titel: Grimm + Geschichte der sozia­listischen Jdeen in der Schweiz.

Das Buch ist 1931 im Verlag Dr. Oprecht & Helbling A.G. Zürich erschienen und ich habe es 1971 antiquarisch gekauft. Für 8.—Franken, gemäss handschriftli­cher Preisanschrift auf der Umschlags-Innenseite.  Robert Grimm (1881 – 1958), Revolu­tionär und Antimilitarist, Sozialdemokrat und Staatsmann, war mir seit meiner Jugend vom Namen her bekannt.

Wenn wir ins Berner Oberland in die Ferien reisten und im Simmental auf dem Weg nach der Lenk zwischen Zweisimmen und St. Ste­phan langsam am Schloss Blan­kenburg vorbei fuhren, erzählte mein Vater jedes Mal „vom Grimm“. Der sass 1919 als verurteilter Landesstreikanführer auf der Blanken­burg in Haft. „Dem Gefangenen Grimm haben wir damals im Militärdienst unter sei­nem Fenster dort auf der Wiese vaterländische Lieder absingen müssen“, berichtete mein Vater, der zeit seines Le­bens ein guter Sänger und ein langjähriges Mitglied im Män­nerchor Zürich gewesen war. Aber zu welchem Zweck nun hier auf diese Weise das Militär unter Beizug sei­nes zivilen Sängertalents zum Einsatz kam, darüber liess er mich im Ungewissen. In meiner Erinnerung höre ich ihn noch so etwas sagen wie: „Wir waren zum Singen abkommandiert, damit der Grimm auf andere Gedanken kommt.“ War das nun eine strafverschärfende Massnahme? Sich Soldatenlieder an­hören müssen und dann wohl noch von jener Truppe, die gegen die Streikenden im Einsatz war? Keine Ant­worten.

Während seiner Blankenburger Zeit soll denn auch Grimm die „Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen“, einen Vorläufer des Buches hier, niedergeschrie­ben haben. Was hatte denn dieser bernische Revolutio­när verbrochen, dass man ihn für ein ganzes halbes Jahr hinter Schloss und Riegel brachte? Grimm und seine Kollegen vom Oltener Aktionskomitee – es organisierte den Landesgeneralstreik von 1918 - waren insbesondere wegen Meuterei, begangen durch Erlass oder Verbrei­tung des Aufrufes “An das arbeitende Volk der Schweiz“ vom 11. November 1918 angeklagt und verurteilt worden. Der Aufruf enthielt neun Forderungen, nämlich

-  Neuwahl des Nationalrats nach Proporz

-  Aktives und passives Frauenwahlrecht

-  Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht

-  Einführung der 48-Stunden-Woche

-  Reorganisation der Armee als Volksheer

-  Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit der Landwirtschaft

-  Alters- und Invalidenversicherung

-  Staatsmonopole für Import und Export

-  Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden

Für diese Begehren also sass Robert Grimm im Gefängnis. Später sind viele von ihnen erfüllt worden, aber nicht durch den Bundesrat. Sieben Forderungen waren letztlich vom Volk im Verlauf von gut 50 Jahren mit den politischen Rechten Initiative und Referendum durchgesetzt worden.

Kapitalismus überwinden

In den „Sozialistischen Ideen“, die ich in Händen halte, bewertet der Autor – nunmehr Mitglied des bernischen Grossrats, des Nationalrats sowie des Gemeinderats der Stadt Bern - in der Einleitung  den Stand des Kapitalismus. Da stehen Sätze, vor 80 Jahren geschrieben, wie: Der Kapitalismus hat das geistige Leben verflacht. Der Ka­pitalismus hat das politische Leben verwirrt und vergiftet. Der Kapitalismus hat das ökonomische Leben chaotisch gestaltet. Und: Der Kapitalismus hat mit zynischer Offenheit alle Gegensätze des sozialen Lebens enthüllt und verschärft. Eine funda­mentale Kritik, deren Berechtigung heute überall zu sehen, zu hören und zu spüren ist. Er hat uns fest im Griff und nur die Sozialdemokraten selbst glauben auch heute noch, man könne den Kapitalismus überwinden. 

Die Weitsicht war es wohl, die man Robert Grimm mithilfe vaterländischer Lieder austreiben wollte. Genützt hat es offenbar nichts. Ich schliesse das Buch und schiebe es zurück an seinen Platz zwischen Ochsenbein und Schenk. Der Ort stimmt eben doch. Eigentlich hätte Robert Grimm Bundesrat werden sollen.

Neuerscheinung:
Robert Grimm, Marxist, Kämpfer, Politiker. Hrsg. von Bernard Degen, Hans Schäppi, Adrian Zimmermann, Chronos Verlag Zürich, ISBN 978-3-0340-0955-3

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