Sünde zischt

Gabriela Pereira

Die Hände der Frau zerren mich aus dem Bett. Sie ist gross, ohne Augen, schwarz, nur der weisse Strich auf ihrer Stirn blendet.

Ich bin nass, bald brenne ich. Bin ich nicht nass, brennt es später. Ich weiss nicht, wer mich im Schlaf nass macht.

Es muss das Bett sein, oder das Zimmer, denn alle Mädchen sind nass.

Ich will zu meiner Mutter; sie kann singen.

Mutter könnte mich nicht aus dem Bett zerren, dazu ist sie zu klein. Das Bett ist über dem Mädchen, das mich immerzu schlagen will, oder streicheln; je nachdem. Es ist grösser als ich, aber viel kleiner als die schwarze Frau.

Ist man eine grössere Sünde, wenn man wächst? Zischt es mehr? 

Die Frau sagt: „Sssünde, ssündig.“

Meine Mutter sagt andere Worte. Alles wird weich und warm bei ihr, immer.

Jetzt stehe ich da mit den anderen, höre, „Sssaubrut, ssündige…“, klatsch – klatsch – klatsch.

Mir schlagen die Zähne aufeinander; zusammen beissen geht nicht. 

Meine Mutter hat nur einmal an mir gezerrt, dann ist sie hingefallen. Es muss ihr sehr weh getan haben. Noch auf der Strasse hörte ich ihre Schreie: „Ai, ai, aiii.“

Daran denke ich, wenn es in meinem Mund klappert. 

Ganz am Anfang war ich nicht nass, nur meine Arme taten weh, wenn ich auf dem Klo sass, die Frau auf dem Rand der Badewanne schimpfte, mich schüttelte, weil ich nicht biseln konnte.

Danach waren es meine Beine, die weh taten; ihr Schoss ist anders, als der meiner Mutter. 

Inzwischen warte ich auf das Zischen, weil ich dann zu meiner Mutter gehen kann, wenn ich die Augen zu mache.

Das Erste, was ich sehe, ist meine Mutter mit Fäden in den Fingern, und wie es wächst aus ihren Händen; lustige Blumen und Tiere. Sie erklärt es mir, wenn ich mich zu ihr lege. Das ist unser Spiel. Ich lege mich zu ihr auf das Sofa, und mache meinen Ärmel zurück, strecke ihr den Arm hin. Dann schimpft sie singend, in einer Sprache, die ich nicht kann, die mich wiegt.

Ganz vorsichtig legt sie die Blumen, oder Tiere, auf den Tisch. Ihre Hände sind jetzt frei. Das will ich, weil ich meinen Kopf in die eine Hand legen möchte, während ihre andere die Geschichte zu den Blumen, oder den Tieren, auf meinen Arm schreibt. Es kitzelt, und ich beginne zu kichern. 

Jetzt bin ich dran. Es ist feucht im gekachelten Raum, riecht säuerlich und alles ist verschwommen.

Ich weine nicht mehr, bin bei meiner Mutter.

Erst wenn das Klo hinten kühlt, wird es schwer in mir, weil ich biseln muss, sonst tun mir die Arme die ganze Nacht weh.

Ich will zu meiner Mutter, muss brav sein. Es gelingt mir nicht. 

Plötzlich reissen mir die Augen auf.

Ich muss die Frau angebiselt haben.

Jetzt schlägt sie mich tot, denke ich. Erst spritzt es von hinten, als regnete es, dann stösst sie mich weg, der Waschlappen trifft mein Auge, das explodiert. Ich will mich halten, sehe nichts, stürze und liege.

Es hat mächtig geknallt, weil meine Stirn am Klo zerschlug. 

Ich höre Mutter singen - por teo livre pensamento - wenn sie singt, schaut sie nach oben, sie bebt. Ai heisst Autsch, das weiss ich. Bei ihr rennen Früchte, und den Him­mel kennt sie nicht. Ich glaube, weil sie Mond ist, auf Bäume klettern kann. Das tut sie, um mich zu necken; ihr Gesicht strahlt aus den Blättern und ich rüttle am Baum.

Sie kann Zucker machen, aus hartem Brot macht sie Pudding. Aber nur, wenn es mit dem Zucker klappt. „Padim, padim“, flüstert sie; er rieselt aus ihrem Ärmel. Ich weiss dann, was als nächstes geschieht, muss lachen. Sie tut so verwundert, wenn sie die vielen weissen Papiersäckchen langsam aus dem Ärmel zieht. „Deonde, deonde“, singt sie. 

Ich höre nur Stille.

Uveschuwentu, uveschumar.

Jetzt rauscht es.

Meine Mutter hat schöne, grosse Augen, sie wird (viel später) fragen, warum meine linke Augenbraue geteilt wurde, ich eine Marke trage.

Sie wird nie erfahren, dass ich es hörte. 

Zu mir sagt sie: „Minja Filja, minja Filja. Streela.“ 

Hier heisst es Tochter; kalt und hart und Sünde zischt.

 

* Zur Person:
Gabriela Merlini schreibt unter dem Namen Gabriela Pereira. Ihren Lebenslauf schildert sie wie folgt: 

Lebenslauf - wie ist mein Leben gelaufen? 

Lief es überhaupt? Darf man das Leben laufen lassen? Müsste dem Leben nicht viel­mehr ein tüchtiger Tritt gegeben werden? Im Winter 1964 gebar mich meine Mutter, die aus Lissabon stammte, in einer kleinen Wohnung im Kanton Aargau. Alles war derart verwickelt, dass ich staatenlos war, und wir umgehend in den Fokus unterschied­lichster Behörden gerieten. Meine Mutter war dies in Lissabon unter Sala­zar bereits geschehen; sie hatte 14 Jahre in der "Salazar-Jugend" zu verbringen. Mit gütlicher Hilfe der katholischen Kirche.

Momentan schreibe ich an bevorzugter Wohnlage, mindestens bis Oktober 2015, weil das alte Haus einem Neubau zu weichen hat. Laufe ich dem Leben hinterher? Verpasse ich es? Nein, fühle ich; denn ich schrieb, oder erzählte mich dort hin, wo es noch lebte, und lebe. Wir können bei lebendigem Leib gestorben werden, funktionieren können wir so ein Leben lang. Das klappte bei mir nicht. Schon einige Jahre frage ich mich, warum? Der neueste Text ist wieder ein Hintasten zu möglichen Grün­den.

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