Nur ein Scherz

Gabriela Pereira

Es war nur ein Scherz gewesen. Wie hätte man auch wissen können? Der Mann war ein Kollege meines Freundes gewesen; gekannt hatte man ihn nicht. Der Freund hatte ihn das fünfte Mal dabei gehabt, oder auch achte. So genau wuss-te man dies nicht.

Im Übrigen passte er nicht in unsere Gruppe. Er wirkte wie das Spielzeug einer Grosstante, das man jedes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekam, mit dem man sich kurz beschäftigte, danach in irgendeiner Ecke vergisst. Ja, man sah ihm an, dass seine Garderobe von Secondhand stammte, oder gar – wer weiss das schon – zusammen gesammelt worden war. Nein, es hatte keinen Stil.

Er schien zwar politisch sehr wach, konnte ganz schön ins Predigen kommen; doch es wirkte alles an ihm unbeholfen. Früher oder später reizte er den Witz.

Aber an diesem Abend machte er einfach mit, ja, er steigerte sich geradezu rein, als wir zu lachen begannen, uns über dies oder das lustig machten. Ich erinnere mich noch; ich war später gekommen, und er redete gerade intensiv auf meinen alten Freund ein. Er ärgerte sich über die Luxuswohnungen, die am Hang gebaut wurden. Das ärgerte mich, immerhin stamme ich von diesem Hügel, und nicht alle Menschen mit Geld sind Abschaum! Kurz war er tatsächlich verstummt, als ich meinen alten Freund fragte, ob er wieder diesen Knopf bei ihm gedrückt habe, dass der wieder so politisiere?

Ja, jetzt erinnere ich mich, der Kerl schaute mich kurz an, sehr intensiv, als überlege er.

Naja, die Runde wurde immer fröhlicher, wie man so sagt; wir soffen schon reichlich. Und ja, irgendwie nervte der Kerl; er scherzte einfach mit, als würde er nicht merken, dass wir ihn foppten.

Wir wussten natürlich, dass ihm sein Rucksack viel bedeutete. Auch darüber hatten wir, jedoch nie in seiner Anwesenheit, Witze gerissen, denn es war auch ulkig, wie er ihn hielt, oder, wenn er ihn hinlegte, dauernd sich versichern musste, ob er noch da war, nach ihm langte, ja ihn gar streichelte. Entschuldigung, aber so ganz normal war er wohl nicht. Aber wie hätten wir wissen können?

Es war doch nur ein Scherz gewesen. Im Übrigen war er immer roher geworden, ja, er begann gar bösartiges Zeugs über Reiche zu erzählen. Deshalb machte ich den Jungs ein Zeichen, damit sie ihn ablenkten, ich den Rucksack entwenden konnte.

Natürlich tut es mir jetzt leid, doch wer erwartet schon so etwas. Wegen eines Ruck­sackes. Wahrscheinlich vertrug er den Alkohol auch nicht, was weiss ich, oder er hatte eh ein gesundheitliches Problem. Man weiss ja nie, bei diesen Menschen, die auf der Strasse leben, die können sich so einiges einholen oder anschleppen. Gut, wir hätten ihn vielleicht nicht einsperren sollen, das war falsch, wobei, er hätte locker aus dem Fenster steigen können! Und da hätte er doch begreifen müssen, dass wir ihm einen Streich spielen wollten.

Aber er schien gar nichts gemacht zu haben, war wohl einfach hingeknallt. Alles war noch beim Alten, als wir gegen Mittag zur Hütte zurück gingen, ihm seinen Rucksack hatten bringen wollen. Klar, die übliche Unordnung nach einem Saufgelage, weiter nichts. Und ich schwöre bei Gott, dass er Stunden zuvor friedlich, ruhig, und normal atmend geschlafen hatte, als alle, Mann um Mann, gegangen waren, und auch ich und mein alter Freund endlich nach Hause hatten gehen wollen. Und jetzt das.

Wissen sie, was das bei uns ausgelöst hat?! Wir hatten ihm doch nur den Rucksack bringen, ihm auf die Schulter klopfen und gemeinsam lachen wollen. Danach wäre er seiner Wege gegangen, wir hätten unserer Putzfrau das Feld überlassen, hätten den Nachmittag am See verbracht. Das ist wirklich sehr unangenehm, sehr unangenehm.

Nehmen sie bitte den Rucksack mit, ich will ihn nicht mehr sehen.

Zur Person:

Hälfte / Moitié /  Gabriela Pereira wurde 1964 als Kind einer Portugiesin und eines Schweizers geboren. Mit zwei Jahren wurde sie von den Behörden ein erstes Mal in ein Heim abgegeben. Als sie dreijährig war, starb ihr Vater. Sie wuchs abwechselnd in Heimen und in einer Pflegefamilie  auf. Die letzte Erziehungsdrangsal erlebte sie als Heranwachsende in einer Klosterschule. Gabriela übte später verschiedene Jobs aus, las immer mehr Bücher und begann selbst zu schreiben. Das Schreiben wird ihr zur Identität. Sie setzt sich mit der Ausgrenzung, der erlittenen Gewalt in ihrer Kindheit und dem systemischen Unrecht in der Gesellschaft auseinander. 2013 gewinnt sie im Wettbewerb des Nachwuchsforums „Treibhaus“ den ersten Preis. Siehe: http://www.schweizermonat.ch/artikel/rabenspiel. Ihr erster Roman, an dem sie neun Jahre schrieb (eine innere Seereise zu ihrer Mutter und Grossmutter), wäre bereit für einen Verlag, der etwas wagen möchte. Sie schreibt bereits an einem zweiten Roman, für dessen Recherche sie ein Stipendium zugesprochen bekam. Gabriela Pereira ist Mitarbeiterin des Mediendienstes Hälfte/Moitié. 

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