Seconda Republica. Wir sind da. Realitäten anerkennen.

Pierre-Yves Maillard

2014, Schweiz urban, ein Bahnhofsvorplatz, Döner mit Supermarkt und Take-away, Tische mit Shisha, Asia Food und Taxistand. Überm Platz hängt das grosse M. Geschichten steigen aus dem Bus. 

Der Platz füllt sich mit Ankommenden und Wegwollenden, mit Ausgeschlafenen und Menschen, die noch träumen. Business eilt zur S-Bahn. Jugendliche stehen in Grup­pen um Bänke, unterhalten sich, chillen. 

Ein Nachwuchs, der seine Namen buchstabieren muss, seine Herkunft erklären muss, sich rechtfertigen muss, 1000 Mal pro Jahr. Das macht was mit dir, te lo juro. Voller Hoffnungen, trotz alledem, und voller Träume: Job, Karriere, Weltverbessern, Liebe, Familie, oder einfach party of a lifetime. Unterschiedliche Sprachen durchque­ren den Klang der Strasse. Wortfetzen, zu leise, um wirklich gehört zu werden. Doch man spürt sie, lauter werdend, wollend. Alte, auf Sitzbänken, schauen dem Treiben zu, mit Augen, die viele Orte gesehen haben. Mit Herzen, die mehr als eine Herkunft kennen, vallah. Erinnerungen aus aller Welt, Hände und Köpfe, die das Land verän­dert haben, verändern, verändern werden. Check. Das isch Realität. Die Realität hat Migrationsvordergrund, miku mit grossem M. 

Mit falschem Pass und falschem Glauben 

Abseits vom Bahnhofsplatz, an den Wänden hängen Plakate, für Urlaub im Heidi­land. Wo isch diese rot-weiss-blonde Heimat der Bergbauern, baba? Plakatmen­schen grinsen von den Wänden ins Nichts. Ausgebleichte Politikergesichter verspre­chen dies und das, fordern dies und das, fürchten dies und das, warnen vor den drei roten M. Herr und Frau Schwiizer händ d’Wahl und mached brav ihres CHrüüzli. Check. Stimmvolk-TikTakToe, Uusländer use. Das Leben unterm Kreuz kennt nur Migrationshintergrund, mit kleinem m und grossem P. P für Probleme, mit schwarzen Haaren und unaussprechlichen Namen, mit falschem Pass und falschem Glauben, mit zu vielen Kindern und zu wenig Kultur, mit zu viel IV und zu wenig Integration. Ich schau mich um, sehe in unsere Gesichter und staune. Wir machen, was alle ma­chen, mached üses Ding, versuchen glücklich zu werden. Wo bitte ist das Problem? 

Anpassung, wer, woran, warum? Und überhaupt, in dem Wort steckt Pass, damn it. Das isch au mis Land. Ich beginne zu verstehen, Secondo heisst hier nicht zweite Generation, primo, sondern zweite Klasse. Ganz zu schweigen von den Namenlo­sen, den Unsichtbaren, den Rechtlosen, den vielen anwesenden Abwesenden in diesem Land. Check. Wut kommt auf. 

Geschlossene Gesellschaft 

Ich gehe die Strasse entlang, höre ein Geräusch und blicke hoch. Ein Balkon mit Gera­nien, ein rot-weisses Fähnchen im Wind. Wer bitte ist hier die Parallelgesell­schaft, Švajcarska? Ich lege meinen Kopf quer, 45 Grad nach rechts gedreht, und erkenne, was das Eidgenossenkreuz wirklich für uns bereithält: X – geschlossene Gesellschaft. Im Balkon-Biotop flackert Freizeit im Flachbildformat. Herr und Frau Schwiizer rücken auf dem öffentlich-rechtlichen Sofa national zusammen, während der Rest der Welt auf tausend Kanälen sendet. Das eidgenössische Stimmvolk ver­sammelt sich zur Primetime in der Tagesschau. Die Welt da draussen als Horror­show im Heimkino, zum Wohlfühlen, Urteilen und Einigeln. Die drei grossen K. Vielzu­fremde Kulturen mit vielzuvielen Menschen mit vielzukomplexen Problemen. Was gaht mich das a? Schnell umschalten. Zapp. 

Kein Bitte-Danke-Amen mehr 

In der Arena schiesst sich der Volkswille warm. Klappe zu, Affe tot. Check. Ein Ra­scheln, ich schau auf den Boden, lebloses Papier. Eines der vielen Blätter im Wind, die uns nur be-, aber nicht ansprechen. Die grosse Schwingete 1291 versus 1848, Kulturkämpfli im Wasserglas, Stammesrituale einer Community, aber nur einer unter vielen. Doch mir, die abseits vom Sägemehl stönd, mir wärded immer meh, denk ich, und Hoffnung keimt auf. Mir wird bewusst: Kein Bitte-Danke-Amen mehr, sondern Ansprüche stellen. Die Zeit spielt für uns, Sis. 2020 wird der Durchschnitts-Schweizer so aussehen und heissen wie unsere Brüder und Schwestern. Unser Land wird eine Zweitgenossenschaft der unaussprechlichen Namen sein, eine Zweitgenossenschaft der anwesenden Abwesenden, eine Seconda Republica

Epilog

2020, azurblauer Himmel, kalte klare Luft, verheissungsvoll. Auf dem Berggipfel ein Kreuz, verrostet. Heidiland ist Vergangenheit, irmã. Kameraschwenk. Am Himmel wehend, die Farben einer neuen helvetischen Republik, einer Seconda Republica: Grün wie die Hoffnung, rot wie Solidarität und goldgelb wie die Sonne des Südens. 

Kontakt: seconda.republica@outlook.com 

Aus einem Flyer. integraler Text siehe: www.secondos-plus.ch 

Info zu den Autoren: 

Dr. Kijan Espahangizi ist Geschäftsführer im Zentrum "Geschichte des Wis­sens", ETH / Universität Zürich,

Halua Pinto de Magalhães ist Chemiedoktorand ETH Zürich, SP-Stadtrat Bern, Copräsident Second@s Plus

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