Bedingungsloses Sein und Werden

Hälfte / Moitié

Vom „Sonntagskind“

I
ch war ein Sonntagskind. Strahlend aus den blauen Äugelein, folgsam und fleissig. Ich ent­sprach den Wünschen meiner Eltern und erfüllte die ungeschriebenen Ge­setze der Gesell­schaft. Geboren in einer wohlsituierten Familie  verbrachte ich die ersten Jahre meiner Kind­heit, gemeinsam mit einer älteren Schwester, in der Gebor­genheit einer umsorgenden Mut­ter und eines weniger präsenten, jedoch verfügbaren Vaters.

Unterstützt, begleitet und geliebt entwickelte ich mich zu einem zielstrebigen, aktiven Mäd­chen mit vielerlei Interessen. Ich wollte den Anforderungen nicht genügen, ich wollte diese stets übertreffen. Schon während der ersten Schuljahre war meine Freizeit erfüllt mit sport­lichen Aktivitäten und Wettkämpfen sowie stundenlangem Lernen. Ich wollte stets in allen Bereichen mein Bestes geben. Denn bereits früh hatte ich gelernt, dass nur wer leistet, be­lohnt würde, dass nach der Arbeit das Vergnügen käme und Achtung und Respekt erschaffen und verdient werden müssten.

Ich fühlte mich wohl in diesem klaren System. Ich wusste, dass mir Leistung, Freundlichkeit und ein adrettes Auftreten Anerkennung und Zuwendung sicherten. Ich war mit Gottesga­ben gesegnet und dankbar, die mir erteilten Aufgaben mit Fleiss erfolgreich erfüllen zu kön­nen. Belastend war es, wenn die an mich herangetragenen Herausforderungen ausblieben, wenn ich mich nicht nach dem äusseren Regelsystem richten konnte und mein innerer Reichtum gefragt war.

Unterdrückte Emotionen

Das stetige Streben nach Erfolg und Entwicklung im Aussen forderte Tribute in mei­nem In­nenleben. Unterdrückte Emotionen und verdrängte Wahrnehmungen schrien nach Beach­tung. Mit diffusen Schmerzen in Kopf und Bauch machte sich mein aus dem Gleichgewicht geratenes Ich bemerkbar. Über mehrere Jahre der frühen Pubertät litt ich unter launischen, bedrückenden Beschwerden. Der innere Druck nach noch mehr Leistung wuchs.

Ich war überzeugt: Wenn ich mich reichlich anstrengen und alles richtig machen würde, stell­ten sich Erfolg und Wohlbefinden ein. Wenn ich meinen Eltern eine wunderbare Tochter wäre, würden die ewigen Streitereien beendet. Wenn ich das strahlende Sonntagskind mei­nes Vaters bliebe, würde er mich nicht verlassen. Ich trieb meine Leistungen bis zum Exzess. Die körperlichen und seelischen Beschwerden verstärkten sich mehr und mehr. 13-jährig erkrankte ich an einer schweren Ess-Störung.

In lebensbedrohlichem Zustand wurde ich zu einem stationären Aufenthalt in die Kinder-Jugendpsychiatrie eingewiesen. Hier sollten die körperlichen Defizite behoben und ein ge­sundes Essverhalten erlernt werden. Dies in einer wohlgeordneten Tagesstruktur mit selte­nen Therapiestunden und stark eingeschränkter Bewegungsfreiheit.  Alle vorgeschriebenen Mahlzeiten mussten unter Beobachtung zeitlich reglementiert und vollständig einverleibt werden. Besuche und Telefonate waren begrenzt gestat­tet, das Verlassen der Station und Rundgänge im Park waren untersagt. Es wurde eine wöchentliche Gewichtszunahme von 700g angeordnet, welche an einem Stichtag überprüft wurde. Erreichte man die gewünschte Zahl auf der Waage nicht, wurde man mit weiteren Beschränkungen der persönlichen Frei­heit bestraft. So verbrachte ich 14-jährig einige Monate zwangsernährt auf dem Bett, wurde sediert, durfte die Toilette nur in Begleitung von Pflegepersonal benutzen und einmal wö­chentlich in Be­gleitung duschen. Ich verfiel in stereotype Verhaltensweisen und Zwangsvor­stellun­gen, meine zentrale Kohärenz schwand. Einige dieser Massnahmen waren aufgrund des gesundheitlichen Zustandes während der ersten Tage gerechtfertigt danach diente das Prozedere der möglichst effizienten Auffütterung, Erziehung und Bestra­fung.

Renitenz der Patientin brechen

Das Ziel war die Renitenz der Patientin, die einzig pathologisch erachtet wurde, zu  brechen. Es wurde nicht hinterfragt, was das aufbegehrende Verhalten zu be­deuten  hatte. Es wurde nicht bemerkt, dass dieser Renitenz eine Kraft innewohnte, die nicht unterdrückt und beherrscht, sondern verstanden und akzeptiert werden sollte. Niemand sah, dass es ein wichtiger und grosser Schritt für mich war, einem Regelsystem Widerstand zu leisten. Ich frage mich, was wohl gewesen wäre, wenn ich damals schon zur Erkenntnis gelangt wäre, dass mein Widerstand gegen ein mir aufgezwungenes System und Gedankengut eine Kraft wäre, die ich für und nicht gegen mich einsetzen könnte.

Ich liess mich brechen. Ich fühlte mich krank. Meine Gedanken waren beschränkt. Mein Ver­halten war zwanghaft und ohne Sinn. Ärzte und Therapeuten, Studien und die Wissenschaft bestätigten mir dies und wussten, was gut für mich war und wie ich mein Leben zu leben hätte. Fortan lebte ich in zwei Welten. Innerlich bäumte ich mich auf gegen die klaren Struk­turen, die ärztlichen Empfehlungen und Verordnungen, gegen die stetigen Freiheitsberau­bungen und die Eingliederung in das wirtschaftliche System. Unglaublich zerstörerische Kräfte walteten in mir und richteten
sich stets gegen mich selbst. Äusserlich versuchte ich weiterhin die an mich gestellten Forderungen der Gesellschaft zu erfüllen. Diese Zerreiss­probe dauerte Jahre, in denen ich Ausbildungen begann und wieder abbrach, monatelange Klinikaufenthalte  durchstand und jegliche Medikamente schluckte, Jahre voller akuter Depressionen, Angstzustände und Suizidversuche. Jede Nacht kotzte ich mir die Seele aus dem Leib. Mein Ich war mehr denn je verschüttet, mein Lebenssinn war mir abhandengekommen.

Bedingungslose Liebe

Die bedingungslose Liebe meiner Mutter und meiner Schwester liessen mich diesen jahre­langen Kampf überleben. Im tiefsten Dunkel wurde mir bewusst, dass die unerschöpfliche bedingungslose Liebe mich trägt, auch wenn ich nicht mehr geben kann, auch wenn ich nehme, ja auch wenn ich verletze. Auch wenn ich mich selbst ver­achte, beladen mit Schuld­gefühlen. Sie trägt und gibt Boden, auch dann, wenn es einem nicht möglich ist, Bedingungen zu erfüllen.

Nachdem ich in desolatem Gesundheitszustand meine Lehre als Kauffrau, mit mehrmaligen Unterbrüchen, durch- und bestanden hatte, entschied ich mich bewusst für einen Klinikau­fenthalt mit einem ganzheitlichen Therapieansatz. Ich wollte mir eine letzte Chance geben, einen Weg zur Genesung zu finden. Dass dieser Schritt erste wahrhaftig salutogene Ent­wicklungen einleiten würde und wirkliche Verände­rungen  in meinem Denken auslösen könnte, hätte ich damals nicht zu hoffen vermö­gen. Meine Persönlichkeit und meine Selbst­heilungskräfte wurden mit herzlicher Zu­wendung  und liebevollen Therapien angeregt. Auch hier bedingungslos. Ich musste nicht Aufgaben und Regeln erfüllen um belohnt zu werden. Ich wurde nicht bestraft, ich wurde geweckt und angeregt. Bedingungslos erhielt ich hei­lende Therapiean­wendungen,  bedingungslos erhielt ich Mahlzeiten und sanfte pflanzliche Präparate, die meinem geschunden Körper Kraft verliehen, bedingungslos durfte ich mich der Natur zuwenden und bedingungslos brachten mir Ärzte, Pflegepersonal und Thera­peu­ten Verständnis entgegen und boten mir eine umhüllende Betreuung. Ich ver­spürte nach langer Zeit wieder Dankbarkeit und Hoffnung. Es wurde mir bewusst, dass ich mir mit dieser Unterstützung einen Leib schaffen könnte, in dem die Seele wohnen und der Geist sich ent­falten würde. Mein Ich wollte auf allen Ebenen genährt sein, in Sicherheit, dann würde es vor Mut und Schöpferkraft strotzen.

Wohlwollende Gemeinschaft mit Grundeinkommen

Bedingungslose Zuwendung, die Liebe und die Erkenntnis führen zu Selbstsicherheit, zu In­spirationen und Tatwille. Wir können Impulse säen, dort blühen, wo unsere Fähigkeiten knospen und in einer wohlwollenden Gemeinschaft Grosses erreichen. Die Kraft der Bedingungslosigkeit ist unermesslich. Das bedingungslose Grundein­kommen bereichert die Menschen. Nicht primär im Sinne von CHF 2500.- monatlich.  Es gibt Boden, es löst dieses wunderbare Gefühl von einer Daseinsberechtigung aus. Es nährt die Dankbarkeit und nicht die Schuld. Es ermöglicht ein Sein und ein Werden. Das bedingungslose Grundein­kommen hat die Kraft, den Menschen in der Schweiz eine Befreiung des Verstandes und des Herzens zu ermöglichen.

1.08.2013

„Sonntagskind“ - ein Pseudonym - weiblich, ist 27-jährig, erhält Leistungen der Invalidenversicherung (IV) und arbeitet heute im Umweltschutz. Bitte kon­taktieren Sie die Redaktion red@haelfte.ch für allfällige Rückmeldungen oder Fragen zum Artikel. Ihr Anliegen wird an die Autorin weitergeleitet. (Red.)

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