Ohne Arbeit selbst Mord

Oswald Sigg

Die Universität Zürich ist nicht gerade dafür bekannt, dass ihre Forschungs-ergebnisse gesellschaftliche Tabus brechen. Doch letzthin war auf der Newssite http://www.uzh.ch/index.html zu lesen: Pro Jahr steht weltweit etwa jeder fünfte Suizid direkt oder indirekt mit Arbeitslosigkeit in Verbindung. 

Dabei gilt gerade in der Schweiz bei diesem Thema öffentlich die Kryptologie der Todesanzeigen: auf Suizid als Todesursache wird höchstens verschlüsselt hingewiesen. Im Unterschied zu Deutschland etwa. Dort werden von Hartz-4-GegnerInnen die Namen der SelbstmörderInnen im Internet veröffentlicht und Mahnwachen organisiert. Und daran erinnert, dass bei Arbeitslosigkeit ein zwanzigfach erhöhtes Suizidrisiko droht. 

Sozialapparat

Der Suizid als Konsequenz der Arbeitslosigkeit hat Vorstufen, die ihn erklärbar ma­chen. Ohne Arbeit ist man noch nicht existenziell gefährdet: da gibt es die Arbeitslosenversicherung, die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, Tausende von Sozialdiensten, Hunderte von Sozialfirmen mit ihren gut gemeinten Beschäftigungs- und Wiedereingliederungskonzepten. Der ganze Sozialapparat hat den 1. Arbeitsmarkt zum Ziel. Dort finden sich die ArbeitsvertragspartnerInnen für die freie Wirtschaft. Das Adjektiv frei heisst hier genau genommen staatsfrei. Theoretisch wäre somit der ganze Sozialapparat eine  Arbeitsvermittlung für die Wirtschaft. Ein Vermittler menschlicher Arbeit - dem teuersten Produktionsfaktor. Praktisch ist er aber nur der preisgünstigste Zulieferer, der Aldi für die freie Wirtschaft. Das gilt für alle Produkte und Dienstleistungen, welche für die profitablen Unternehmen aus sozialen Beschäfti­gungs-Programmen noch billiger zu haben sind, als mit dem Einsatz von Automaten und Robotern. Die Leute, die in den geschützten Werkstätten arbeiten, müssen dies weit unter dem Wert ihrer Arbeit tun. Und in vielen dieser Werkstätten erfreuen sie sich wenigstens einer gewissen menschlichen Anerkennung. Und insge­samt lässt man sie ja leben.

Sozialstaat

Und dennoch: das oft ausweglose Drama der Arbeitslosigkeit ist schon in der Bundesverfassung deutlich aufgeführt. Die Gewissheit in der Präambel, „dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“  wird nach einigen Grundsätzen betreffend Sicherheit, Gesundheit, Wohnung, Ausbildung und ein paar Seiten weiter mit dem Satz abgeschlossen: „Aus den Sozialzielen können keine unmittelbaren Ansprüche auf staatliche Leistungen abgeleitet werden.“ Der Sozialstaat existiert also - auf dem Papier.  

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