Sharing-Economy: Teilen und sparsamer nutzen

Julia Bänninger

Seit dem Aufkommen des Internets und der Sozialen Medien wird mittlerweile alles Mögliche geteilt: Wohnungen, Autos, Büroräumlichkeiten, aber auch Fähigkeiten und Wissen. Dass es dabei weniger um Sharing als vielmehr um Economy geht, ist genauso Teil der Diskussion wie rechtliche und moralische Fragen. 

Alles passt zusammen: Die Secondhand-Holzstühle, die nackten Metalltische, der Casual Business-Stil der Vortragenden. Wir sind an der Sharing Economy Night Basel. Teilen und Wirtschaft, wirtschaftliches Teilen – was genau Sharing Economy ist und welche Möglichkeiten es bietet, soll an diesem Abend diskutiert werden. 

Die Organisatoren hätten sich für die Sharing Economy Night Basel keinen passenderen Ort aussuchen können: Aus einer ehemaligen Maschinenfabrikhalle im Gundeldingerfeld entstanden „Launchlabs“, Räumlichkeiten für meist junge Unternehmen, die nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch einen Ort des Austauschs – des Ideen-Teilens – suchen. In der riesigen Fabrikhalle entstanden „Innovationslofts“ mit Sitzkissen, Bäumen in grossen Töpfen und viel Platz zum Denken. 

Am Abend der Sharing Economy Night Basel ist die grosse Eventhalle der Launchlabs gut besucht und aufmerksam lauscht das durchmischte Publikum den Vortragenden. So zum Beispiel Adrian Gerber von Atizo360º. Das 2007 gegründete Unternehmen sieht sich als Vermittler zwischen Firmen und kreativen Köpfen. Es bietet eine Plattform, auf der Unternehmen ausschreiben können, was oder wen sie suchen. So werden externe Quereinsteiger mit Ideen oder Fähigkeiten, die sie dem jeweiligen Unternehmen verkaufen können, erreicht. 

Gegenseitige Dienstleistung anstatt bezahlen 

Einem ähnlichen Prinzip folgt die Webseite skillharbour.com: Nach einer kostenlosen Registrierung können die Nutzer ihr Talent anbieten. Vom Kochkurs übers Sprachtraining bis hin zum Zusammenbauen von Möbeln und Buchhaltung kann jede Fähigkeit feilgeboten werden. Bezahlt wird nicht mit Geld, sondern mit gegenseitigen Dienstleistungen: Wer jemandem sein Talent verkauft, bekommt pro Stunde Leistung eine skillhour zugeschrieben. Mit den erworbenen skillhours können wiederum Dienstleistungen anderer Nutzer erworben werden. 

Allerdings hat das Ganze auch seine negativen Seiten. Besonders die Internetdienste Airbnb und Uber gerieten in die öffentliche Kritik. Letzteres wurde in der Schweiz gar verboten: Uber vermittelt Fahrgäste an Mietwagen mit Fahrer. Die Diskussion entzündete sich daran, dass die Einnahmen der Fahrer meist nicht versteuert werden und dass sie im Gegensatz zu professionellen Taxifahrern keine zusätzlichen Abgaben bezahlen müssen. Die Kritik an Airbnb ist ähnlich: Die Grenze zwischen privaten Gastgebern und kommerziell geführten Herbergen verläuft fliessend. Airbnb entziehe dem begrenzten Wohnungsmarkt Raum sorge und für erhöhten Mietdruck, heisst es. 

Auslaufendes Arbeitssystem und viel Kritik 

Längst gibt es andere Plattformen, auf denen Sprachkurse, Heimrestaurants, Autofahrstunden und vieles mehr von Laien angeboten werden. Klar, dass sich die professionellen Anbieter dagegen wehren: Plötzlich bekommen sie starke Konkurrenz, vom Preis-Leistungsverhältnis her praktisch unschlagbar. Sie verlangen nach gleichen Konditionen. Während beispielsweise Hotels enorm hohe Sicherheitsstandards haben und Restaurants strikten Hygienevorschriften folgen müssen, können die Nutzer von Sharing-Plattformen diese Regulierungen umgehen. Für die Befürworter des Sharing Economy-Prinzips muss sich das Gesetz anpassen – nicht umgekehrt. „Wir befinden uns in einem auslaufenden Arbeitssystem, wo AHV, Arbeitszeiten und Versicherungen die Gesellschaft regulieren. Auch Uber und Airbnb brauchen Regeln, doch sind dies andere als im bisherigen System“, findet René Lisi, Inhaber der Unternehmensberatung share4you. 

Neue Form des Wirtschaftens 

Die Beispiele zeigen, wie schwammig der Begriff Sharing Eonomy ist und wie unterschiedlich die Motivation der jeweiligen Nutzer. Ob diese aus wirtschaftlichen, ökologischen oder sozialen Gründen teilen, ist schwierig zu beurteilen. Aber wer klar finanziell profitiert, sind die Unternehmen, welche die Plattformen bereitstellen – sei dies indem sie Werbefläche bieten, Daten der Kunden verkaufen oder einen Mitgliederbeitrag verlangen. Für Lisi ist deshalb ganz klar: Sharing Economy ist kein altruistisches und solidarisches Phänomen, sondern harte Wirtschaft. Was nicht nur negativ sein muss: Sharing Economy kann eine neue Form von Wirtschaft bedeuten, die positive Eigenschaften für den Konsumenten besitzt und das alte System aushebeln könnte. 

Neu ist nicht das Teilen selbst – Mietautos, Bibliotheken und Flohmärkte gibt es schon seit Jahrzehnten. Neu ist vielmehr die Lenkung des Marktes nach dem Bedarfsprinzip: Es wird nichts produziert, was überflüssig ist. Und so verschieben sich die Strukturen. Viel stärker als bisher ist es der Kunde, der entscheidet. Es gilt die generelle Grundfrage: Wie kann ich die Dinge, die ich habe, effizienter nutzen? In einer Zeit des Überflusses ist nicht mehr wichtig, was wir konsumieren, sondern auf welche Art und Weise. Denn jeder Überfluss hat seine Grenzen, unsere materiellen Ressourcen schwinden. Deshalb ist aus ökologischer Sicht das Sharing sinnvoll: „Wir können nicht mehr und mehr produzieren“, erklärt Lisi mit fester Stimme. Die Umwelt müsse geschont werden, Wirtschaftswachstum sei nicht länger das primäre Ziel. „Neue Technologien müssen her“, fügt er hinzu. 

Oder eher ein neuer Umgang mit Besitz? Ein Privatauto, das 23 von 24 Stunden in der Garage steht, ist eine ungenutzte Ressource, ist Verschwendung. Dasselbe gilt für staubige Bücher im Regal, für leere Gästezimmer, für ungenutzte Ideen. Es gehe um Kollaboration, ums Prinzip des Kollektivs, findet Armin Ruser. Der Unternehmensberater ist seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmt. Nur mit Hilfe seiner Freunde habe er aus der Misere herausgefunden, und genauso müsse auch die Wirtschaft der Zukunft funktionieren, erklärt er. „Nur gemeinsam können wir einen weiteren Wirtschaftszusammenbruch verhindern. Und nur gemeinsam können wir die aktuellen Probleme lösen.“ Flüchtlingsproblematik, Arbeitslosigkeit – all dies sei gemeinsam überwindbar. 

Bedürfnisse, nicht Gewinn im Vordergrund 

Und da riecht es plötzlich nach Ideologie, nach Aufbruch. Wir fühlen uns mitgerissen von dieser Idee, es könnte alles anders werden. Sharing Economy als ein Versuch der Gesellschaft, aus dem herrschenden Wirtschaftssystem auszubrechen? 

Rein theoretisch stünde nicht mehr der Gewinn im Zentrum, sondern die Bedürfnisse der Menschen. Es würde nur das überleben, was auch gebraucht und genutzt wird. Innerhalb eines Systems mit abgeflachter Hierarchie, weil jeder sein persönliches Talent, seine individuelle Eigenschaft einbringen kann. 

So einfach ist es leider nicht. Bereits jetzt haben sich grosse Mammutorganisationen wie Facebook und Google gebildet. Die Gefahr, dass sich alte Muster in einem neuen System entwickeln, ist gross. 

Trotz allem überwiegen die positiven Eigenschaften des Sharings. Und wie jede neue Entwicklung braucht auch diese Zeit, um sich in die gesellschaftlichen Strukturen einzubetten, und – wer weiss? – diese vielleicht gar neu zu formen. 

Zur Information: 

Die Sharing Economy Night fand am 29. Oktober 2015 in den launchlabs im Gundeldingerfeld Basel statt: http://launchlabs.ch/ 

Die Zusammenfassung und PowerPoint-Folien der Vorträge sind abrufbar unter: https://sharenight.wordpress.com/ 

skillharbour.com und omanet.org  (Sharecon Mitglieder) haben den Event organisiert. 

Zur Person:

Julia Bänninger wuchs am Rheinufer in einem Zürcher Städtchen auf. Nach ihrem Bachelorstudium in Zürich verschlug es sie zurück an den Rhein: Seit eineinhalb Jahren studiert sie in Basel Sprache und Kommunikation und schreibt nebenbei für verschiedene Zeitungen wie die Aargauer Zeitung und die Programmzeitung. Seit Oktober 2015 ist sie Mitarbeiterin von „Hälfte/Moitié“.

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Hier noch eine kritische Untersuchung über den Fahrdienst Uber in der Gewerkschaftszeitung "work":

http://workzeitung.ch/tiki-read_article.php?articleId=2500&topic=1


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