Sozialbericht 2015: Ungebremstes Wachstum der Armut im Kanton Bern

Jörg Eigenmann

Der Sozialbericht 2015 zur Bekämpfung der Armut zeigt: Im Kanton Bern hat die Armut weiter zugenommen. Immer grössere Bevölkerungsgruppen sind von der Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen. Der Kanton setzt auf Prävention und Transferleistungen.

Die Ernüchterung war nicht zu überhören. Hatte der Gesundheits- und Fürsorgedirektor, Philippe Perrenoud, beim Erscheinen des ersten Sozialberichtes im Jahr 2008 noch in Aussicht gestellt, die Armut im Kanton Bern innert 10 Jahren zu halbieren, so musste er bei der Präsentation des aktuellen Sozialberichtes eingestehen: «Wir haben dieses Ziel bei weitem nicht erreicht». Verantwortlich dafür sei einerseits die Politik, weil finanzpolitische Erwägungen meist wichtiger seien als sachpolitische – andererseits aber auch Finanzkrisen und ein Strukturwandel der Wirtschaft. 

Armut noch intensiver 

Der Sozialbericht 2015 zeigt deutlich: Die Zahl der Armutsbetroffenen hat gegenüber den Vorjahren weiter zugenommen. Aktuell sind im Kanton Bern 42‘700 Haushalte arm oder armutsgefährdet. Die materielle Unterversorgung betrifft 78‘500 Menschen, das sind 12,6 Prozent der Haushalte im Kanton Bern. Und: Die Armut ist intensiver geworden. Die Lücke zwischen verfügbarem und erforderlichem Einkommen, um über der Armutsgrenze leben zu können, hat sich in den letzten Jahren markant vergrössert. Im Jahr 2001 hätten Armutsbetroffene im Mittel rund ein Viertel mehr Einkommen erzielen müssen, um die Armutsgrenze hinter sich zu lassen. 2013 betrug diese so genannte Armutsgefährdungslücke bereits ein Drittel des Einkommens. Der Grund dafür: Die verfügbaren Mittel der einkommensschwächsten Haushalte sind in den letzten Jahren teuerungsbedingt massiv gesunken. 

Drohender Ausschluss 

Hauptgrund für die Armutsgefährdung ist meist der Verlust einer Erwerbstätigkeit. Bei mehr als der Hälfte der Personen, die nicht erwerbstätig sind, liegt gemäss Sozialbericht die letzte regelmässige Erwerbstätigkeit fünf oder mehr Jahre zurück. Rund ein Viertel davon sind Personen – meist Frauen, die wegen der Betreuung von Kindern, pflegebedürftigen Erwachsenen oder anderen familiären Verpflichtungen keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen. Und: Knapp 44 Prozent der Sozialhilfebeziehenden sind jünger als 25 Jahre. Diese beiden Tatsachen bergen beträchtlichen sozialpolitischen Sprengstoff. Hier gilt es nach Perrenoud anzusetzen, wenn verhindert werden soll, dass in der Schweiz ähnliche Verhältnisse entstehen wie in französischen Banlieues: «in Kauf zu nehmen, dass sich ganze Bevölkerungsgruppen aus der Gesellschaft verabschieden, heisst bewusst in Kauf zu nehmen, dass längerfristig Aubervilliers und Clichy in die Agglomerationen von Bern, Biel und Thun Einzug halten». 

Prävention als Königsweg 

Zur Bekämpfung der Armut setzt der bernische Regierungsrat auf Prävention und Transferleistungen. Mit einem Strauss von Massnahmen will der Kanton Bern dazu beitragen, dass mehr Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Weil Alleinerziehende das grösste Armutsrisiko tragen, sollen die familien- und schulergänzenden Betreuungsangebote ausgebaut werden. Zusätzliche Erziehungshilfen richten sich vorab an Familien mit Mehrfachbelastungen, weil materielle Armut, prekäre Arbeitsverhältnisse, niedriger Bildungsstand, Migrationshintergrund und ungünstige Wohnverhältnisse die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oft beinträchtigen. Mittels Frühförderung wird schliesslich darauf hingearbeitet, dass Kinder aus armutsbelasteten Familien noch möglichst im Vorschulalter Unterstützung und Fördermassnahmen erhalten. 

Existenzsicherung durch Transferleistungen 

Trotz Armutsprävention können nicht alle Menschen ihre Existenz aus eigener Kraft sichern. Auch in Zukunft werden Transferleistungen unerlässlich sein. Der Sozialbericht stellt fest,  dass der politische Druck auf diesen Leistungsbereich hoch bleibt. Im Kanton Bern verlangte der Grosse Rat 2015, dass die Sozialhilfeleistungen um 10 Prozent zu kürzen sind. Mit der Revision der SKOS-Richtlinien wird der Grundbedarf für grosse Familien und junge Erwachsene ab 2016 weiter abgesenkt. Überdies hat ein Sparauftrag des bernischen Grossen Rates dazu geführt, dass für 57‘000 Personen die individuellen Prämienverbilligungen der Krankenkassen teilweise oder vollständig weggefallen sind. 

Der Sozialbericht zur Bekämpfung der Armut im Kanton Bern erscheint nach 2008, 2010, 2012 zum vierten Mal. Er liefert Faktengrundlagen für die Existenzpolitik im Kanton Bern. Der Bericht ist erhältlich unter: www.gef.be.ch > Soziales > Sozialberichte. 

Zur Person: Jörg Eigenmann ist Sozialarbeiter FH

 

 

 

 

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