Sozialhilfe unter Druck

Henriette Kläy

Es knistert im Gebälk: Wie schon seit vielen Jahren vorauszusehen war, begin­nen sich nun auch die SozialarbeiterInnen gegen die zunehmend proble­ma­tischer werdende Arbeitssituation in den Sozialdiensten zu wehren.

Unter obigem Titel fand am 14. November 2011 im Hotel Bern eine Versammlung der drei Berufsverbände AvenirSocial, GMS-Bern und vpod Bern* statt, an der Sozialar­beite­rInnen und Armutsbetroffene über die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen im Sozialwesen diskutierten.

 

Im ersten Teil wurden in zwei Kurzreferaten mit Fallbeispielen die Auswirkungen des Drucks auf die Lebenssituation von Armutsbetroffenen einerseits (Annie Ortelli, Gruppe für Menschenwürde in der Sozialhilfe), sowie die Auswirkungen des Drucks auf die Arbeitssituation von SozialarbeiterInnen (Selina Tribbia, dipl. Sozialar­beiterin FH) andererseits beleuchtet. Die SozialarbeiterInnen müssen einerseits ge­genüber ih­ren Klienten die Restriktionen und die eingeschränkte soziale Hilfestellung vertreten, welchen sie innerlich nicht mehr zustimmen können, und andererseits de­ren verständli­che Empörung und Verzweiflung aushalten, welche sich ihnen gegen­über, sozusagen als Exponenten an der Front, direkt entladen. Die Arbeit nimmt im­mer mehr einen Rechtfertigungscharakter gegen oben und gegen aussen an. Die Reglementierungen und die komplexe Schriftlichkeit behindern die Anpassung von Mas­snahmen an Einzelsituationen. Die Eigenheiten in den Lebensent­würfen der Klienten kön­nen durch die rigide Handhabung der organisatorischen Ab­läufe immer weniger erfasst werden, was die Bewältigung von Notlagen erschwert. Die Kapazitäten reichen nur noch für die finanziellen Belange, was der Berufsinteg­rität der SozialarbeiterInnen wi­derspricht. Durch die Überlastung wird fachliche Wei­terentwicklung fast verunmöglicht, und die hohe Fluktuationsrate erschwert die Bil­dung von Berufsidentität und die Organi­sation der Interessen der Fachkräfte – auf Kosten der Identifikation mit der Institution.

 

Im zweiten Teil wurden dann im Plenum die Ergebnisse aus der Diskussion von mo­de­rierten Kleingruppen gesammelt: Man ist sich einig, dass jetzt die einzelnen Politi­ker in die Pflicht genommen werden müssen, die Einflussnahme der Sozialarbeite­rInnen auf die Rahmenbedingungen gestärkt werden und die Betroffenen selber in den entspre­chenden Gremien sitzen müssen. Es braucht den kritischen internen Diskurs sowie verstärkte Transparenz und Information nach aussen. Man wünscht sich eine Offensive auf breiter Ebene und vor allem weniger Papierkrieg und mehr Ent­scheidungskompetenz, mehr Mut zum Risiko und zur Ausnützung von Freiräumen. Und die Betroffenen möch­ten eine respektvolle Begegnung auf gleichem Niveau mit mehr Selbstbestimmung an­statt bestrafender Fremdbestimmung für scheinbar selbstverschuldete Armut.

 

Randolph Page von der GMS-Bern freute sich über das grosse Interesse und die enga­gierte Beteiligung der überraschend zahlreich erschienenen TeilnehmerInnen. Ich schliesse mich seiner Hoffnung an, dass all diese einsichtigen Vorsätze nun auch in die Tat um­gesetzt werden.    

* AvenirSocial (Standesorganisation und politisches Netzwerk der Professionellen So­zialer Arbeit der Schweiz), GMS-Bern (Gruppe für Menschenwürde in der Sozialar­beit), vpod Bern (Gewerkschaft für den Service Public Bern)

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