Spielball der Mächtigen

Henriette Kläy

In der allgemeinen Auffassung ist die Komplexität der Gründe von Asylgesuchen ziemlich rudimentär aufgeteilt: Es gibt Asylsuchende aus politischen oder aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist allerdings eine grobe Vereinfachung der Problematik und sie kommt in keiner Weise an die wirklichen Verhältnisse heran. 

Was, wenn man nicht unter diese beiden Hauptbegründungen einzuordnen und trotzdem an Leib und Leben bedroht ist? 

Zum Beispiel die Familie W.

Die Familie W. stammt aus Afghanistan, das eine ganz spezifische Sonderstellung einnimmt unter den Staaten, deren Bevölkerungen sich weit weg wünschen. Eine überaus fruchtbare Erde, vielfältige Bodenschätze und die strategisch hervorragende Lage begründeten einst seinen Wohlstand, allerdings aber auch die Begehrlichkeit seiner Nachbarn. Bis fanatische Fundamentalisten die Macht an sich rissen und alle Errungenschaften moderner Zivilisation vernichteten.

Sofort eilten mächtige Armeen herbei, um den Frieden, beziehungsweise die Vorteile des Landes für sich zu sichern. Die seit jeher zerstrittenen Gruppen im Lande selbst verbündeten sich kreuz und quer nicht nur untereinander in wechselnden Konstellationen, sondern auch mit den fremden Mächten, jede bedacht auf den eigenen Gewinn. Bei Nacht werden alle Vereinbarungen und Massnahmen umgangen, internationale Embargos unterwandert und Waffentransporte an die jeweiligen eigenen Gegner im Innern gewährleistet. Für die Lastwagen- und Militär-Konvoys jeglicher Couleur gibt es mehr als genug Ohren- und Augenzeugen, deren Leben und das ihrer Familien ist jedoch verwirkt, wenn sie nicht den Mund halten.

Allgegenwärtiger Terror

Der eigentliche Terror geht aber von der Korruption und entsprechenden Gesetzlosigkeit und Unterdrückung aus, unter der in erster Linie die Frauen zu leiden haben. Als Einzelner ist man machtlos und muss sehen, wie man über die  Runden kommt – und das gilt besonders auch für Regierung und Ordnungshüter - denn Recht und Macht bestimmt derjenige, der am meisten bezahlt. Der kann somit ungestraft tun was er will. Was ihm gefällt, das nimmt er sich, sei es nun das Haus, das Geschäft – meist ist es die Frau oder die Tochter. Sie werden auf offener Strasse oder direkt aus dem Haus entführt. Wer sich widersetzt, dessen Familie wird erschossen. Wer Anzeige erstatten will, wird von den bestochenen Beamten ausgelacht, gebüsst, eingelocht, und die Frau wird von der Polizei auch nochmal bestraft, mit neuerlichen Schlägen und anderem.

Deshalb halten die Familien ihre weiblichen Mitglieder unter Verschluss. Sie dürfen nicht gesehen werden. Keine Ausbildung, wozu denn auch, sie können sie ja nicht gebrauchen. Keine Arztbesuche: wenn es schlimm kommt, können sie – vollständig verhüllt - in Begleitung des Mannes – besser noch mehrerer Männer der Familie - im Spital operiert werden, müssen aber sofort wieder nach Hause. Keine Pflege oder Nachsorge. Aus Angst versuchen die Familien, die Mädchen möglichst früh - ab 11-12 Jahren sind Mädchen „reif„ für die Ehe – durch Zwangsheirat zu „schützen“. Vergewaltigte Frauen können nirgends mehr hin, sie werden aus der Familie ausgestossen, denn eine „gebrauchte“ Frau will niemand haben, selbst die eigene Familie nicht. Tausende junger Frauen sterben jährlich an Missbrauch, an zu früher Schwangerschaft beziehungsweise Geburt, die meisten jedoch durch die eigene Hand, weil sie es nicht aushalten – oder durch die der eigenen Familienmitglieder, das weiss man dann nicht so genau. Und das Ausland schüttelt entsetzt den Kopf ob den Nachrichten über die massenhaften Selbstverbrennungen von jungen Frauen.

Keine politische, aber auch keine wirtschaftliche Not

Die Flüchtlinge, die es bis hierher geschafft haben, betrachten diese Bedrohung sowohl als eine politische als auch eine mittelalterliche Feudalwillkür und vor allem als nicht beweisbar. Von Gesetzes wegen dürften die Frauen das Haus schon verlassen, aber wer es tut, dann nur unter Lebensgefahr. Die Gesetze sind leere Worthüllen und haben keinerlei Wirkung, sie können auch nicht als Rechte eingefordert werden. Ob das unsere Einwanderungsbehörden jetzt auch als politisch ansehen, ist fraglich, da man ja nicht wegen einer politischen Meinung verfolgt wird, sondern ganz allgemein.

Nun Hand auf's Herz, wer möchte unter solchen Umständen leben? Familie W. jedenfalls nicht. Sie hatten sich eine Existenz aufgebaut, die Bedrohung war also auch nicht wirtschaftlicher Natur. Als sie ins Visier gerieten, opferten sie alles für die Flucht, welche nur über Schlepper möglich ist und mindestens 10'000 Fr. pro Kopf kostet, auch für Kinder – nichts für arme Leute.

Soll das alles vergebens gewesen sein?

Herr und Frau W. sind beide ausgebildete Berufsleute, sie wollen nicht von Almosen leben, sie wollen aufbauen. Aufbauen ist Hoffnung und taucht immer wieder auf im Gespräch. Frau W. ist eine intelligente, aktive Frau, sie kann unmöglich im Hausarrest sitzen, das wäre ja wie zuhause - nein! Mein Zuhause ist jetzt hier, sagt sie entschieden. Nach zwei Jahren spricht sie fast perfekt Deutsch, ihr Töchterchen sowieso. Aber trotz Arbeitsbewilligung bleiben sie ohne Arbeit, auf sich selbst und die wenigen Landsleute in der Umgebung zurückgeworfen. Trauer liegt in den Augen der Frau, die Männer sind verstummt, sie haben wieder Angst. Wenigstens seid Ihr hier nicht an Leib und Leben gefährdet, sage ich leise. Ja, sagen sie, dafür sind wir unendlich dankbar. Aber wie lange können wir noch bleiben, ohne Arbeit, ohne Gewissheit? Was, wenn unser Opfer umsonst war? Nein, das war es nicht, sage ich, eure Kinder haben das Leben hier gesehen, sie werden niemals wieder die alten Zustände dulden. Ja, richtig, sagt Frau W., das muss die Hoffnung sein.

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