Verantwortungslosigkeit der Banken

Henriette Kläy

Drei SoziologInnen legen das Buch „Strukturierte Verantwortungslosigkeit, Berichte aus der Bankenwelt“* vor und hinterfragen das zerstörerische System des Finanzkapitalismus.

Was nicht erstaunt ist die Tatsache, dass bereits Jahre vor dem grossen Desaster von einschlägigen Fachexperten der ganzen Welt Warnungen veröffentlicht wurden. Die Finanz-Magier mochten nicht auf solche Warnungen hören, so lange niemand sie dazu zwang, auf die gigantischen Gewinne aus den genialen „Produkten“ zu verzichten, die sie aus ihren Hüten gezaubert hatten. Warum sollten sie auch, schauten doch die Politiker geflissentlich in die andere Richtung. Und warum sollten letztere dies nicht tun, generieren doch grosse Gewinne hohe Steuergelder.


Voraussetzungen für die Entwicklung zur Krise

Einige Stichdaten seien genannt: 1973 Aufhebung des fixen Wechselkurssystems. Entwicklung der elektronischen Datenübermittlung. Niedergang der traditionellen Vermittlerfunktion des Bankengeschäfts zugunsten des Investmentbereichs. Lockerung der Bankenaufsicht. Zunehmende Deregulierung der Finanzmärkte, die unter Anderem den Zufluss enormer Geldsummen aus Geschäften der organisierten Kriminalität ermöglichten. Die Entstehung zahlreicher Grossbanken durch Fusionen und Zusammenschlüsse, die dadurch endlich als Global Players im internationalen Finanzkasino mitspielen konnten. Ein Wirtschaftsboom zwischen 2003 und 2006, von dem man annahm, er werde sich ewig so weiterentwickeln, was zu einem enormen Aufschwung des US-Immobilienmarktes führte.

 

Bereits ab 2007 begannen die Preisindizes für zweitklassige Hypotheken zu fallen, erste Hypothekarvermittler gingen bankrott und Ratings wurden zurückgestuft. Nach und nach wurde bekannt, dass einige Hedgefonds wegen Abschreibungen von auf Subprime-Hypotheken basierenden Wertpapieren völlig wertlos geworden waren – es kam zu Milliardenverlusten durch Abschreibungen wegen Fehlinvestitionen.

Ab 2008 zahlreiche staatlich gestützte Bankübernahmen – Erlass durch die US Re­gierung für die Stabilisierung der Wirtschaft mit über 150 Milliarden Dollars.  Am 15.September 2008 meldet Lehman Brothers Insolvenz an und Merryll Lynch wird von der Bank of America übernommen.

Ankündigung eines Rettungspaketes von 700 Milliarden Dollar durch das amerikani­sche Finanzministerium, was viele europäische Regierungen ebenfalls zu solchen Rettungsmassnahmen veranlasst. Gleichzeitig werden die Leitzinsen gesenkt.

Die Grundlage für die jetzt zutage tretende allgemeine Verwahrlosung und die Ex­zesse auf den Finanzmärkten waren scheinbar günstige makroökonomische Bedin­gungen, eine von den Wirtschaftswissenschaften geradezu propagierte Marktgläu­bigkeit, eine neoliberale Finanzpolitik und die explodierende Verbreitung „innovativer“ Finanzprodukte. Die amerikanischen Banken verzichteten praktisch auf eine Prüfung der Kreditwürdigkeit ihrer Kunden und vergaben Kredite an Leute ohne Einkommen, Arbeit und Vermögen. Rating-Agenturen publizierten Bewertungen für Finanzinstrumente, die selbst in den Banken kaum jemand verstand. Die absurden Bonussysteme machen die Haltung der Banker deutlich: Nach uns die Sintflut.

Asoziale Risikobereitschaft


Die ins Unermessliche gesteigerte Risikobereitschaft kippte daraufhin sehr schnell und flächendeckend ins Gegenteil um. Vertrauensverlust und Risikoaversion bei den Marktteilnehmern nahmen zu, der Zugang zur Refinanzierung am Interbankenmarkt und auf den Kapitalmärkten erschwerte sich, bis die Krise im Herbst 2008 schliess­lich offen ausbrach und aus den „innovativen“ Finanzprodukten toxische Papiere wurden. Es folgen detaillierte Beschreibungen verschiedener Geldinstitute und deren Ma­chenschaften, nebst Untersuchungen über die Ausbreitung der Krise in verschiede­nen Gebieten und die zugrunde liegenden psychologischen Voraussetzungen.

 

Das Buch liest sich wie eine Kriminalkomödie, man schwankt zwischen ungläubigem Amuse­ment und zornigem Staunen, das einen auch durch den zweiten Teil des Buches nicht verlässt: Bei der Lektüre der Interviews mit Bankangestellten verschiedener Bankzweige, welche zum Teil bewusst, zum Teil blauäugig in diese Krise verwickelt waren. Es ist erstaunlich, wie sich Motive zurechtlegen lassen, damit man als Beteiligte/r mit den Tatsachen weiterleben kann. Das reicht von totaler Negation aller Schuld und  Mitwissens bis zu zerknirschtem Eingeständnis.

Am Schluss des Berichtes über die Bankenwelt werden ein Essay von Dietmar J. Wetzel „Elegant verrechnet – zur prekären Lage der ökonomischen Wissenschaften“ und gemeinsame Schlussbetrachtungen der AutorInnen publiziert. Beim pointierten Text von Elfriede Jelinek „Schlechte Nachrede: und jetzt?“ handelt es sich um den Epilog ihres Theaterstücks „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ (2009).


* Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt.
Von Claudia Honegger, Sighard Neckel und Chantal Magnin.
edition suhrkamp, ISBN 978-3-518-12607-3

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