Grosse Verständnislosigkeit bei der Invalidenversiche­rung (IV)

Oswald Sigg

Die Ausgrenzung der psychisch Kranken in unserer Gesellschaft nimmt zusehends überhand. Die Invalidenversicherung (IV) funktioniert politisch im Sparmodus und schliesst tendenziell psychisch Kranke von ihrem Versicherungs­system aus. Sie landen bei den kommunalen Sozialdiensten. Oswald Sigg hat mit Dr. med. Henrique Schenkel (FMH Psychiatrie und Psychothe­rapie) zum Thema ein Interview geführt. 

Oswald Sigg (OS); Ausfall am Arbeitsplatz infolge psychischer Erkrankung - kommt das oft vor? 

Henrique Schenkel (HS): Natürlich ist das so, solche Leute kommen ja zu mir als Psychiater. Ich kann allerdings nicht vergleichen mit anderen Gründen für den Ausfall am Arbeitsplatz. Da müsste man beispielsweise vergleichen mit Statistiken über Arbeits­unfähigkeit die von einem Allgemeinmediziner konstatiert worden ist. Ich kann nur sagen: ja, viele Leute die zu mir kommen, haben ein psychisches Problem und werden deswegen auch arbeitsunfähig. 

OS: Spielt denn bei diesen Patienten der Arbeitsplatz oder die Umstände (Stress, Druck, Angst vor Stellenverlust), unter denen sie arbeiten müssen, eine Rolle? 

HS: Dieser Aspekt ist ohne Zweifel dabei. Aber Personen, die etwa unter dem Titel ‚burn out‘ in meine Praxis kommen, bei denen ist es sicher so, dass der Arbeitsplatz eine grosse Rolle spielt. Es wäre aber auch falsch zu sagen, die werden am Arbeits­platz zu Höchstleistungen gezwungen, sodass sie dann psychisch erkranken. Es sind meistens Leute, die von ihrer biographischen Entwicklung her enorm leistungsorien­tiert sind, was dann auch ihr Selbstwertgefühl ausmacht. Häufig sind sie dann überidentifiziert mit dem Arbeitsplatz und wollen alles super und bestens machen, dass es dann irgendwann nicht mehr geht. Wenn so jemand zu mir kommt, dann ist es klar: dann kann diese Person vorerst nicht mehr arbeiten. Dann fragen wir uns, warum sie sich so verhält und wie sie sich zur Arbeit besser abgrenzen könnte. Nach dieser Aufarbeitung ist es dann oft möglich, dass solche Leute wieder in die Arbeit einsteigen können. 

OS: Also einen Schritt zurück, eine Pause machen von den vielfältigen Anforderun­gen der Arbeit - das ist in solchen Fällen die Therapie? 

HS: Häufig haben diese Leute ein depressives Krankheitsbild. Depressionen können verschiedenartige Formen und Entwicklungen annehmen. Es gibt PatientInnen, die sind schnell wieder ‚draussen‘, bei anderen geht es nur sehr langsam voran. Jetzt behandle ich eine Person, die noch zusätzlich unter Rheuma, also einer somatischen Krankheit, leidet. Da gibt es psychosomatische Zusammenhänge, die aber wissenschaft­lich noch zu wenig erforscht sind.  Das sind immer sehr komplexe Krank­heitsbilder. 

OS: Aber sind denn solche burn outs in aller Regel so zu therapieren, dass die Per­son nach einer gewissen Ruhezeit wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren kann, fast so als wäre nichts passiert? 

HS: Wenn an ihrem Arbeitsort ein gewisses Verständnis vorhanden ist, dann ist so etwas durchaus möglich. Wobei es in der Regel nicht einfach um eine Phase der Arbeits­unfähigkeit und der Psychotherapie geht, sondern in den meisten Fällen ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich. 

OS: Nach meiner Kenntnis gibt es aber hie und da auch burn out-Fälle, von denen sich die entsprechenden Personen nicht mehr gänzlich erholen und später nicht mehr an ihren angestammten Arbeitsplatz zurückkehren, sondern mit einer reduzier­ten Beschäftigung vorlieb nehmen müssen. 

HS: Solche Fälle gibt es sicher. Was mir aber in der Praxis häufiger begegnet: es kommt zu einem Konflikt zwischen dem Arbeitgeber und einer solchen Person, verbun­den mit einer Kündigung. Und die Person findet dann, sobald sie sich gesundheit­lich erholt hat, in einem anderen Unternehmen ihren Arbeitsplatz und zwar keineswegs zu schlechteren Konditionen. Qualifizierte Leute können durch das Erleiden eines ‚burn out‘ wachsen, sich selbst besser kennen lernen und damit in einer gleichwertigen Qualifikationsstufe wieder einsteigen. Wenn zum Beispiel Cars­ten Schloter - aufgrund der Zeitungsberichte vermute ich, dass auch beim damaligen Swisscom-CEO ein ‚burn out’ eine Rolle gespielt hat - einen Zugang zur Therapie gehabt hätte, wäre es wahrscheinlich nicht so weit gekommen. Damit möchte ich nur sagen: ein solcher Prozess oder ein solcher Einbruch muss überhaupt nicht die Folge haben, dass man nachher nur noch halb oder untergeordnet weiter arbeiten kann. 

OS: Das Job Coach Placement der UPD Bern vermittelt Psychiatriepatienten mit ei­ner IV-Teilrente einen Arbeitsplatz im 1. Arbeitsmarkt. Die Arbeitsplatzkosten inkl. Ausbildung und Lohn werden von der IV übernommen. Für den Patienten ist das Ganze eine reine Inszenierung. Nun behaupten ja die UPD und die IV, sie hätten mit dem JCP eine Erfolgsquote von etwa 65%. 

HS: Ob das stimmen kann: dazu kann ich nichts beitragen, weil ich nur Einzelfall-Erfahrungen habe. Aber beim JCP geht es oft weniger um Rehabilitation sondern um Habilitation. Es gibt viele junge Leute, die haben noch nie einen richtigen Job gehabt. Die waren noch nie im Arbeitsmarkt drin. Meine Erfahrung ist es auch, dass sowohl bei Arbeitgebern wie auch bei der IV ein gewisses Unverständnis gegenüber psychi­schen Problemen vorhanden ist. Sie gehen davon aus, dies sei eine Krankheit wie eine andere auch, wie eine Lungenentzündung. Da geht es einem schlecht, man wird müde und mag nicht mehr. Man braucht eine intensive ärztliche Behandlung und Medikamente. Und dann kommt man wieder und dann ist man ‚xund‘. Bei den schwe­ren psychischen Störungen, um die es beim JCP meistens geht, ist man nach den Behandlungen nicht einfach ‚xund’. Da kommt ein Auf und Ab von besseren und schlechteren Phasen der Beeinträchtigung auf einen zu. An so jemand muss man sich anpassen. Ein Arbeitgeber müsste dafür Verständnis haben. Das ist beim heuti­gen Renditedruck nicht zu bekommen. Entweder wird die Leistung erbracht oder nicht und dann sagt der Arbeitgeber: nicht zu gebrauchen. Auch bei der IV ist das oft so. Sie probiert es mit dem Aufgleisen solcher Rehabilitationen und dann denkt man dort, jetzt haben wir das ja gemacht und es ist gut gegangen. Aber wenn dann wie­der ein Einbruch kommt, der eben krankheitsbedingt ist, dann ist es wie wenn die IV sagen würde: der will ja gar nicht. 

Dass das Auf und Ab in der Natur der psychischen Störung liegt: das begreift man nicht. Noch kürzlich hat Prof. Gregor Hasler, Leiter der Abteilung für molekulare Psychiat­rie an der Universität Bern, an einer Tagung erwähnt, wie schwierig es sei, diese Eigenheit der psychischen Krankheiten den Verantwortlichen der IV zu erklä­ren. Insbesondere bei manisch depressiven Krankheiten – die man heute bipolare Krankheiten nennt – oder wenn sie gemischt sind mit schizophrenen Aspekten d.h. bei schizoaffektiven Störungen … bei solchen Krankheitsformen ist der Verlauf schwan­kend. Die IV versteht nicht, dass man diese Leute dauerhaft entlasten und ihnen eine hochgradige Rente geben muss. Wenn es ihnen gut geht, können sie eine Leistung erbringen, wenn es ihnen wieder schlecht geht, dann ist es wieder nicht mög­lich. Es ist äusserst schwierig, diese Umstände den IV-Verantwortlichen erklären zu können. 

OS: Ja, könnte man nicht auch sagen, das Unverständnis gegenüber den psychi-schen Krankheiten und gegenüber den psychisch Erkrankten liege schon fast in unse­rer Kultur  

HS: Einerseits in der Kultur, aber ich denke auch dass die Entwicklung der Arbeits­welt in den letzten 50 Jahren mit ihrer wahnsinnigen Zunahme von Arbeitsprozess-Optimierungen, denen die Arbeitenden unterworfen sind – sie alle müssen optimiert arbeiten -  dieses Unverständnis mit erklärt. Denn ArbeitnehmerInnen, die diese Entwick­lungen nicht aushalten, werden aus den Arbeitsprozessen entfernt. Das ist tragisch. Es wird jetzt immer in den Diskussionen um Sozialversicherungsrecht, IV-Statistiken oder Sozialhilfe von den psychisch Kranken gesprochen. Aber dass die Arbeitswelt sich so verändert hat, dass diese Leute keinen Platz mehr darin finden, davon spricht niemand. Man würde ja eher einen Roboter als einen psychisch kran­ken Menschen anstellen. 

OS: Wenn in diesem Kontext die IV von Rehabilitation spricht, so bedeutet dies doch eine gänzliche Genesung des Patienten, damit er dann wieder voll in diesem Arbeitsprozess reintegriert werden kann. Das ist vielleicht der Erfolg dieses Pro­gramms, dass diese Patienten nach ein, zwei Jahren immer noch in dieser Firma arbeiten, aber noch immer unterstützt. 

HS: Das wüsste ich jetzt nicht, das müsste man genauer anschauen. Jedenfalls was sie vorher gesagt haben, dass die Patienten - ich spreche jetzt von solchen mit schwe­ren psychischen Störungen - nachher wieder voll genesen und leistungsfähig sind, das kommt nur äusserst selten vor. 

OS: Der Leiter einer kantonalen IV-Stelle rief gemäss einem Zeitungsbericht vor gut einem Jahr öffentlich zur Denunziation von mutmasslichem Versicherungsmiss­brauch auf. Es wurden ihm zum Beispiel IV-Rentenbezüger in der Nachbarschaft gemeldet, die den ganzen Tag in ihrem Garten arbeiten würden. Halten Sie ein sol­ches Vorgehen für angebracht und sinnvoll? 

HS: Nein. Dieser Leiter ist sicher am falschen Platz. Aber letzthin war im Berner Stadt­rat die Rede davon, die Sozialdienste müssten von den betreuten Drogenabhängigen mehr Leistungen fordern. Jene, die Unterstützung erhielten, müssten dafür auch etwas geben, leisten. Vermutlich bezog sich diese Nachricht auf Drogenabhän­gige, die sich zwar unterstützen lassen, jedoch wenig oder nicht bereit sind, irgend­ein Programm mitzumachen. Dass in diesem Teilbereich eine solche Forderung sinn­voll ist, kann ich nicht ganz bestreiten. Es gibt da schon Leute, bei denen man das Gefühl hat: also die könnten wirklich etwas mehr leisten. Etwas allgemeiner gespro­chen: Gerade von der linken Seite ist der Sozialhilfemissbrauch lange tabuisiert wor­den. Aber in der Zwischenzeit wissen wir alle, dass es auf diesem Gebiet Spezialis­ten gibt, die systematisch und clever vorgehen. Aber das sind nicht die psychisch Kranken, von denen wir gesprochen haben. 

OS: Anderseits gibt es offenbar auch viele Leute, die unter dem existenziellen Mini­mum in prekären Verhältnissen leben und gar nie ihr Recht auf öffentliche Sozialhilfe in Anspruch nehmen. 

HS: Das gibt es sicher auch. Aber vermutlich gehen diese auch nicht zum Psychia­ter, mir ist jedenfalls niemand bekannt. Doch umgekehrt: Die IV hat man jetzt angeb­lich saniert. Man sagt per Bundesgerichtsentscheid einfach, diese und jene sind nicht mehr IV-berechtigt. Da gibt es eine ganze Gruppe von psychisch Kranken, die da auch dazu gehören. 

OS: Welche psychischen Erkrankungen hat man denn von der IV ausgeschieden? 

HS: Das sind sogenannte Konversionsstörungen. Es gibt zum Beispiel Leute, die aus psychischen Gründen körperliche Lähmungen aufweisen. Früher nannte man dies Hysterie. Es gibt Personen im Rollstuhl, die sind gelähmt nicht wegen einer organi­schen Krankheit, wegen einer Querschnittslähmung oder anderem, sondern aus psychi­schen Gründen. In ähnlicher Weise gibt es auch psychogene Erblindungen. Ich kenne eine Person, die so erblindete und nicht mehr arbeiten konnte. Obwohl diese Leute chronisch krank sind, bezahlt die IV in solchen Fällen nichts mehr.

Ja und wenn diese Leute nicht andere Mittel und Wege finden, dann landen sie frü­her oder später bei der Sozialhilfe. Und das scheint jetzt im grösseren Ausmass der Fall zu sein. Und jetzt meint die SVP, man müsse dort den Riegel schieben unter dem Titel: es darf nicht sein, dass die Sozialhilfe eine Rente wird. Aber natürlich wird sie das; wenn man von der IV nicht mehr unterstützt wird und es nicht mehr weiter­geht, dann landet man halt bei der Sozialhilfe.   

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Schutzfaktor Menschenrechte für die Schweiz

Übernehmen wir Verantwortung für unsere Menschenrechte! Vor 40 Jahren ratifizierte die Schweiz die Europäische Menschenrechtskonven­tion EMRK. Den 28. November 2014 nehmen wir zum Anlass, um die ganze Bevölkerung und insbesondere alle Ent­scheidungsträgerInnen aufzurufen, sich für den Erhalt und die Stär­kung der Menschenrechte in der Schweiz einzusetzen.

Denn der Menschenrechtsschutz in der Schweiz verliert zunehmend an Selbstverständlichkeit. In den letzten Jahren häuften sich Volksabstimmun­gen, deren Forderungen gegen die Grundrechte und die verbindlichen Menschenrechte der EMRK verstossen. Das Beschneiden unserer Grundrechte bedeutet eine Schwächung unserer Demokratie, unserer Sicherheit und unserer Freiheit.

Unterschreibt den Appell:

http://www.schutzfaktor-m.ch/appell-unterschreiben

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Arme Kinder können schlechter sprechen und zäh­len

(DIE WELT) Gütersloh Probleme mit der Sprache, das Zählen fällt schwer, Sport und Musik spielen kaum eine Rolle: Viele Kinder, deren Familien von Hartz IV leben, hinken in ihrer Entwicklung laut einer Studie bereits im Vorschulal­ter hinterher. Demnach weisen sie mehr als doppelt so viele Defizite auf wie Altersgenossen aus gesicherten finanziellen Verhältnissen. Dies zeigt eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. 

http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/ar­ticle138361317/Arme-Kinder-koennen-schlechter-sprechen-und-zaehlen.html 

Bernische SozialinspektorInnen auf Missbrauchjagd

(BZ) Die Berner SozialhilfeinspektorInnen haben 2014 150 Sozialfälle untersucht und dabei 28 Fälle von Missbrauch aufgedeckt. Rund 600'000 Franken müssen zurückbezahlt werden. (12.03.2015)

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Sozialinspektoren-decken-28-Missbrauchsfaelle-auf/story/13335434

SVP will den Sozialhilfe-Malus im Kanton Bern ab-schaffen

(BZ) Seit 2014 werden im Kanton Bern Gemeinden bestraft, deren Sozialdienste nicht effizient arbeiten. Betroffene, allen voran Lyss, wehren sich. Nun will die SVP den Malus abschaffen und mit schärferen Strafen ersetzen.

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/SVP-will-den-SozialhilfeMalus-abschaf­fen/story/18118892 

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Gegen Einbürgerungen von Sozialhilfe-EmpfängerIn­nen im Kanton Bern

(Bund) Der Bundesrat und die staatspolitische Kommission des Ständerats hatten bereits in diese Richtung vorgespurt: Am 5. März folgte der Ständerat deren Anträgen und hiess die Berner Kantonsverfassung gut. Nötig war dies geworden, weil verschärfte Einbürgerungsbestimmungen in die bernische Verfas­sung aufgenommen wurden, nachdem das Stimmvolk die Initiative der Jungen SVP angenommen hatte.

http://www.derbund.ch/bern/kanton/Einbuergerungsinitiative-ist-mit-Bundesrecht-verein­bar/story/22517129

(BZ) Nach dem Ständerat hat am 11. März auch der Nationalrat die Berner Kan-tonsverfassung gewährleistet. Mit 131 zu 42 Stimmen fiel der Entscheid deutlich aus. Der umstrittene Artikel geht auf eine Initiative der Jungen SVP zurück, die am 24. November 2013 von den bernischen Stimmberechtigten angenommen wurde. So soll beispielsweise nicht eingebürgert werden, wer Sozialhilfe bezieht oder bezogene Gelder noch nicht zurückbezahlt hat. 

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Bundesbern-winkt-Berner-Verfassungsar­tikel-zu-Einbuergerung-durch/story/25329086

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