Wehrpflicht, Dienstpflicht, Grundeinkommen

Robert Ruoff

Avenir Suisse fordert eine Stärkung des Milizsys­tems für mehr Freiwilligenar­beit. Das bedingungslose Grundeinkommen passt dazu.

Das wuchtige – aus gesellschafts-, staats- und sicherheitspolitischen Gründen be­rechtigte – «Nein!» zur Abschaffung der Wehrpflicht war vielleicht nicht nur und nicht einmal in erster Linie ein Ausdruck der heftigen Liebe des Schweizer Volkes zu sei­ner Armee. Auch das vom Bundespräsidenten wiederbelebte Reduitdenken - nach Ueli Maurers Motto «David gegen Goliath» - war wohl nur einer von mehreren Grün­den. Vielleicht hat tatsächlich der in der Schweiz so tief verwurzelte Milizgedanke eine wichtige Rolle gespielt.

Der Milizgedanke

Und vielleicht ist genau dieser Milizgedanke ein wichtiges Motiv für die heutige und künftige positive Haltung zur Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen, die nun mit über 130'000 Unterschriften eingereicht worden ist.

Die Grüne Partei der Schweiz hat unmittelbar nach der Wehrpflicht-Abstimmung Vor­stösse für einen Zivildienst für Männer und Frauen angekündigt, der die freie Wahl zwischen Zivil- und Militärdienst vorsieht. Und zum zivilen Dienst sollen auch Auslän­derinnen und Ausländer verpflichtet werden.

«Ein Bürgerdienst für alle!»

Das Thema Zivildienst steht auf der Agenda. Oder eine allgemeine Dienstpflicht. Ge­nauso wie nun auch das Thema Grundeinkommen.

Andreas Müller, Vizedirektor der Denkfabrik Avenir Suisse, hat vor sechs Wochen den Milizgedanken in den Abstimmungskampf zur Wehrpflicht gebracht. «Der schweizerische Milizstaat setzt freiwilliges Engagement voraus», schrieb er im «Ta­ges-Anzeiger», und er stellte mit Bedauern fest: «Dieses republikanische Modell, wie es Gottfried Keller vorschwebte und vom Bürger freudige Beteiligung erwartete, ist in der Krise.» Als «republikanisch» bezeichnet Müller die «Vorstellung, dass ein jeder Bürger mit den entsprechenden Fähigkeiten neben- oder ehrenamtlich öffentliche Ämter und Aufgaben übernehmen sollte.» (Siehe auch "Avenir Suisse").

«Individualisierung und globalisierte Arbeitswelt» sieht er unter anderem als Gründe für die Krise des Milizsystems, das «neben der direkten Demokratie und dem Föde­ralismus ...ein zentraler Pfeiler des Staates» ist. Der liberale Denker aus der Denk­fabrik entwirft für die Zukunft der Schweiz – ganz im Sinne des Namens «Avenir Suisse» – zwei Möglichkeiten: Auf der einen Seite «eine individualistisch-liberale, expertenorientierte Schweiz», also die Angleichung an die professionalisierte Politik, wie sie ringsum in Europa herrscht, wo allerlei Experten den professionellen Politi­kern ihre Empfehlungen abgeben, die diese Politiker dann nicht beherzigen. Und auf der anderen Seite sieht er «eine genossenschaftlich-liberale, republikanische Schweiz», in der man den Milizgedanken «modernisiert, verbreitert und akzeptabler macht».

Der Anfang der Genossenschaftsidee

Das ist ein sympathischer Gedanke. Die Genossenschaftsidee geht zurück auf Ro­bert Owen. Manche nennen ihn einen Frühsozialisten. Er war sicher ein gescheiterter Utopist, ein erfolgreicher Unternehmer und ein nachhaltiger Sozialreformer, dessen beispielhafte Entscheidungen bis heute nachwirken. In seiner schottischen Baum­wollspinnerei reduzierte Owen die Arbeitszeit auf 10.5 Stunden – von den damals üblichen 13 bis 14 oder gar 16 Stunden -, und er führte Errungenschaften ein, die heute für die Mehrheit als selbstverständlich gelten: «Abschaffung der Kinderarbeit, Schulbildung der Kinder, Arbeitszeitbeschränkung, effiziente Organisation der Be­triebsabläufe, Motivation der Mitarbeiter, saubere Arbeitsplätze, Gewerkschaftsbil­dung, Genossenschaftswesen». Er kombinierte soziale Errungenschaften mit inno­vativer Produktionstechnik, und der Erfolg brachte seinem Musterbetrieb den Besuch des russischen Zaren und der österreichisch-habsburgischen Prinzen ein. «Die Pro­duktivität in der Fabrik erhöhte sich drastisch, die Zahl der Diebstähle ging zurück, Bestrafungen innerhalb der Fabrik waren nicht mehr nötig.» (Wikipedia)

An technologischer Innovation leiden wir gegenwärtig keinen Mangel. Aber wer offe­nen Auges durch die heutige Welt geht, kann nicht übersehen, dass eine grundle­gende Umgestaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen erneut dringend notwendig ist. Der Begriff einer «genossenschaftlich-liberalen, republikani­schen Schweiz» dürfte dafür eine sehr gut geeignete Orientierungsmarke sein.

Für eine genossenschaftlich-liberale Gesellschaft

Das bedingungslose Grundeinkommen bietet sich als Treiber für eine solche Ent­wicklung geradezu beispielhaft an. Die Idee, vielleicht sogar die Vision des Grund­einkommens ist ja weit mehr als eine materielle Absicherung für alle Menschen in einer Gesellschaft, die einen enormen Reichtum produziert. Das bedingungslose Grundeinkommen beruht auf dem Modell einer solidarischen - «genossenschaftli­chen» - und gleichzeitig freiheitlichen - «liberalen» - Gesellschaft. Es beruht auf der bewussten, freien Entscheidung, den gemeinsam produzierten Reichtum so zu ver­teilen, dass niemand lebensgefährdende Not leiden muss. Und diese bescheidene aber grundlegende materielle Absicherung soll jedem und jeder Einzelnen die Mög­lichkeit geben, in freier Entscheidung Eigeninitiative und schöpferische Fähigkeiten zu entfalten, um ein höheres Einkommen zu erzielen und zugleich einen Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten.

Es gibt Beispiele dafür.

Grundeinkommen statt Entwicklungshilfe

Die «Süddeutsche Zeitung» schildert – parallel zu ihrem Bericht über die Schweizer Volksinitiative – unter dem Titel  "Grundeinkommen statt Entwicklungshilfe", wie in Quatinga Velho (Nähe Sao Paulo, Brasilien) und in zwei Gemeinden in Namibia das Grundeinkommen praktiziert wird. Das Geld kommt von Spendern aus Deutschland, Japan, Costa Rica und Neuseeland – von Menschen und Vereinen, die von der Idee überzeugt sind.

In Brasilien steht das Grundeinkommen in der Verfassung. Es wird aber sehr lang­sam aufgebaut, nach Massgabe der Zahlungsfähigkeit des Staates. Zurzeit erhalten nur sehr arme Familien den kleinen Betrag, was auch zur Vorspiegelung falscher Armut führt, weil die Menschen zu gerne an das Geld kommen wollen. Das heisst: Das bedingungslose Grundeinkommen muss unterschiedslos allen zugute kommen, wenn es nicht Fehlverhalten provozieren soll.

Es muss aber nicht überall zwingend bedingungslos sein. In Brasilien müssen die Empfänger die Kinder impfen lassen, sie zur Schule schicken und selber an Alpha­betisierungskampagnen teilnehmen. Das Grundeinkommen dient so auch der Förde­rung einer nachhaltigen Entwicklung über die Generationen hinweg.

Brasilien und Namibia: beispielhafte Projekte

In Namibia lief das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens offiziell 2008 und 2009. Gegenwärtig wird es mit Spenden aufrecht erhalten, weil die namibische Regierung sich nicht hat überzeugen lassen.

Der Start des Projektes entsprach den schlimmsten Vorurteilen: «Der erste Zahltag endete in einem Saufgelage», schreibt die «Süddeutsche Zeitung» – wahrscheinlich zur nicht geringen Genugtuung auch der Schweizer Gegner der umwälzenden Idee. Aber weiter im Text: «Doch dann begannen die Menschen zu investieren. Eine Frau kaufte sich Hühner und verkaufte die Eier, andere fuhren von dem Geld in die Stadt und besorgten Stoffreste, aus denen sie Kleider nähten. Ein Mann begann Ziegel­steine zu backen. So berichtete es der «Spiegel» (3/2009). Im Jahresbericht für das Projekt steht, «dass mehr Menschen Arztgebühren bezahlten und die Polizei weniger Diebstähle vermeldete.» Und es gilt für Brasilien wie Namibia: «Die Initiatoren beo­bachteten auch, dass sich die Menschen untereinander mehr halfen. Sie diskutierten die Probleme der Gemeinde und wurden selbstbewusster.»

Wo eine bescheidene aber ausreichende materielle Grundlage für die Entwicklung von gemeinschaftlicher Initiative gelegt wird, sinkt die Kriminalität und es steigt das Selbstwertgefühl.

Mehr Unabhängigkeit, mehr Würde

Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Ausgangsbasis auf dem Weg zu einem sehr viel weiter gesteckten Ziel: mehr Solidarität, mehr Unabhängigkeit, mehr Frei­heit, mehr Würde. Es verändert die Beziehungen der Menschen zu einander.

► Es verändert die Beziehungen zwischen den Menschen, die mit ihrer Arbeit in Lohn und Brot stehen, und den Menschen, die keine Arbeit haben. Die Entwicklung der Technologie in der kapitalistischen Wirtschaft sorgt dafür, dass wir in Gegenwart und Zukunft mehr Arbeitslose haben als der bürokratische Begriff der «Sockelar­beitslosigkeit» besagt. Das bedingungslose Grundeinkommen erspart den demüti­genden Gang zum Arbeitsamt und die bürokratische Zeitverschwendung zugunsten der Entwicklung von Eigeninitiative.

► Es verändert die Beziehungen zwischen den Menschen, die einer (bezahlten) Er­werbsarbeit nachgehen und den Menschen, die gesellschaftlich wichtige, unverzicht­bare, aber heute unbezahlte Arbeit leisten, von der Kinderbetreuung über Bildungs- und Integrationsarbeit bis zur Altenpflege. Mit dem bedingungslosen Grundeinkom­men erfahren die «Freiwilligenarbeiterinnen und –arbeiter» anstelle einer kostenlo­sen, wohlwollend herablassenden Dankesbezeugung eine kleine materielle Ausstat­tung, die ihnen da oder dort vielleicht sogar zu etwas Freiraum verhilft.

► Es verändert die Beziehungen zwischen dem Elternteil, der einer bezahlten Arbeit nachgeht, und dem anderen Elternteil – bis heute mehrheitlich Frauen –, der die Er­werbsarbeit mit dem häuslichen Einsatz für Kinder und Familie erst möglich macht. Das bedingungslose Grundeinkommen befreit den Hausarbeiter, die Hausarbeiterin von der unwürdigen finanziellen Abhängigkeit vom Partner auf der Karriereleiter, sei es der alte Macho, sei es die junge Neomanze.

Das bedingungslose Grundeinkommen schafft vielleicht sogar ein Stück Unabhän­gigkeit von dem Kapital, das nur eine unwürdige oder unterbezahlte Arbeit anbietet. Es eröffnet vielleicht eine Chance, sich statt dessen für eine sinnerfüllte Produktion nützlicher Güter in einem menschlich gestalteten Arbeitszusammenhang zu ent­scheiden.

Für die Skeptiker, die sich (vor allem junge) Menschen nur als faule Müssiggänger vorstellen können, wenn sie nicht dem «gesunden Leistungsdruck» des Broterwerbs ausgesetzt sind, abschliessend noch ein statistischer Hinweis: Eine jüngst veröffent­lichte unabhängige Umfrage der ETH und der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW zum Gerechtigkeitsempfinden von Schweizerinnen und Schweizern in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen stellt unter anderem fest, dass 7 Prozent der Befürworter keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen würden, wenn das bedin­gungslose Grundeinkommen eingeführt wäre. Bei den Gegnern wären es 14 Pro­zent.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Text ist erstmals publiziert wor­den in: Infosperber, 7.10.2013 (Red).

Zur Person: Robert Ruoff, (1944) M.A. Publizistik, Politologie, Germanistik (Freie Universität Ber­lin). Freier Journalist für deutsche (ARD) und Schweizer Radio und Zeitungen. 1981 – 2004: Mitarbeit in Programm und Stab Schweizer Fernsehen und SRG. 1998 – 2010: General Manager BaKaFO­RUM: Internationale Konferenz für Bildungs- und gesellschaftspolitisches Fernsehen und Multimedia. Freier Journalist, u.a. für Infosperber (www.infosperber.ch) und edito-Klartext (www.edito-online.ch). Moderationen.

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