Welttag gegen Armut und Ausgrenzung

Henriette Kläy

Am 17. Oktober, dem Tag gegen Armut und Ausgrenzung werden AvenirSocial Sektion Bern -  Berufsverband Soziale Arbeit, KABBA - Komitee der Arbeitslo­sen und Armutsbetroffenen, GMS-Bern - Gruppe für Menschenwürde in der So­zialhilfe und SAH Bern - Schweizerisches Arbeiterhilfswerk mit einer Standaktion auf dem Kornhausplatz über Armut und Auswege aus der Armut informieren.

Diese Organisationen haben in einem offenen Brief vom 5.Oktober 2012 an Regie­rungsrat, Parlament und Mitglieder der KoSEPo (Kommission für Sozial- und Exis­tenzsicherungspolitik) „Sechs Auswege aus langjähriger Armut“ nahegelegt und be­gründet. Sinngemäss zusammengefasst:

1 Ergänzungsleistungen für Familien:
Familienarmut ist eine der primären Ursachen für die Absenz von Bildung und Berufsausbildung eines grossen Teils der Armutsbe­troffenen, welche deshalb kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und somit Armut weiter tradieren.

2 Mindestlöhne statt Sozialhilfe:
Vollzeitarbeit verdient eine Entlöhnung, die ein Le­ben ohne Sozialhilfe garantiert. Wer trotz Arbeit nicht genug verdient, wird durch die Dauerbelastung von zu viel Arbeit und gleichzeitig begründeter Existenzangst krank und verursacht schlussendlich ein Vielfaches an Kosten im Sozial- und Gesund­heitswesen.

3 Stipendien statt Sozialhilfe für Junge und Erwachsene:
Ausbildungslosigkeit führt zu Sozialhilfeabhängigkeit. Anstatt existenzsichernde Stipendien für erwerbsgarantie­rende Ausbildungen zu erteilen, wo sie notwendig und berechtigt sind (Kinder der unteren Mittelklasse erhalten heute im Kanton Bern keine Stipendien mehr), wird mangels finanzierbarer Bildung die langfristige Sozialhilfeabhängigkeit eines immer grösseren Teils der Bevölkerung direkt vorprogrammiert.

4 Bezahlbare und entwicklungsfördernde familienergänzende Kinderbetreuung:
Da heute viele Löhne bei Alleinerziehenden und Familien mit Niedriglohnberufen nicht mehr zur Existenzsicherung ausreichen, muss ein Elternteil mangels bedarfsgerech­ter, bezahlbarer und entwicklungsfördernder Betreuungsplätze im Kanton Bern ge­zwungenermassen auf eine Erwerbstätigkeit verzichten und hat später keine Chan­cen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Dies führt in den meisten Fällen zu dauerhafter Ab­hängigkeit von Sozialhilfe sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder, was wiederum ein Vielfaches kostet, als entsprechende Massnahmen zur Ermöglichung einer familien­gerechten Erwerbssituation der Familien.

5 Günstigen Wohnraum fördern:
Es ist bekannt, dass die Mietzinse besonders in den Städten unverhältnismässig überteuert sind. Bezahlbare Wohnungen verschwin­den, weil sie „renoviert“ werden und danach um einige Hundert Franken mehr kosten und somit für die bisherigen Mieter unerschwinglich werden.

6 Steuerfinanziertes Gesundheitswesen:
Die trotz bedeutender Prämienverbilligun­gen immer teurer werdenden Selbstbehalte und hohen Franchisen hindern armutsbe­troffene Personen daran, rechtzeitig zum Arzt zu gehen. Wenn dies dann unumgäng­lich wird, erfordern die fortgeschrittenen, oft chronisch gewordenen Krankheiten ein Vielfaches an Kosten. 

Standaktion mit Budget-Puzzle 

Am 17. Oktober 2012 können wir uns von 12:00 – 18:00 Uhr am Stand auf dem Kornhausplatz Bern informieren und mit Vertretern von AvenirSocial, KABBA, GMS-Bern und SAH Bern, mit Armutsbetroffenen und mit Professionellen der Sozialen Arbeit über Vorschläge zur Verhinderung und Überwindung von Armut diskutieren. 

Es steht auch ein Budget-Puzzle zur Verfügung, mit welchem wir herausfinden kön­nen, wie wir selber mit einem Sozialhilfebudget zurechtkommen würden. 

Der offene Brief sowie eigene Positionspapiere und Forderungen der genannten Or­ganisationen zum Welttag gegen Armut können auf den jeweiligen Homepages ein­gesehen werden.

www.avenirsocial.ch (Sektion Bern),

www.kabba.ch

www.sah-be.ch

Zur Information: 1992 erklärte die Generalversammlung der UNO den 17. Okto­ber zum Internati­onalen Tag für die Beseitigung der Armut

Kommentar:

Dass diese Empfehlungen diesmal nicht nur von Betroffenen-Organisationen formu­liert wurden, sondern dass sich jetzt auch die sozusagen „mitbetroffenen“ Berufsleute aus den Sozialämtern für eine Verbesserung der Situation in der Sozialhilfe einset­zen, bestätigt die Berechtigung dieser Forderungen: die Qualität ihrer Arbeitsbedin­gungen hängt unmittelbar damit zusammen, was die einzelnen SozialarbeiterInnen gegenüber ihren KlientInnen vertreten müssen. Wenn diese Regelungen und die Überlastung wegen Personalmangels dazu führen, dass jeder Fall nur noch als buchhalterische Spar- und Kontrollaufgabe wahrgenommen werden kann und die individuellen Gegebenheiten und Bedürfnisse der KlientInnen auf der Strecke blei­ben, dann widerspricht das der Berufsauffassung und der Berufsethik der meisten Sozialarbeitenden, was zu immer prekäreren Arbeitsbedingungen auf den Sozial­ämtern führt. Niemand kann ernsthaft annehmen, dass man so die Armut besiegen kann. Man kann nur hoffen, dass dies auch den gesetzgebenden Gremien einleuch­tet.

Henriette Kläy

 

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