Widerstand des "Widerdrucks"

Emil Schneuwly

Selbstverwaltung als wirtschaftliche Alternative war das grosse Thema für die Schweizer Linke in den Achtzigerjahren. Der Staatssozialismus im Ostblock näherte sich dieweil rapide seinem Bankrott. In jener Zeit voller Widersprüche wagten einige PionierInnen den Widerstand gegen die rein kapitalistische Produktionsform. Eine genossenschaftliche Alternative entstand.

Am 15. Februar 1982 wurde im Berner Länggassquartier die Genossenschaft „Widerdruck“ gegründet. Trotz anfänglichen Schwierigkeiten gelang das Projekt Selbstverwaltung und erzielte die nötigen Erträge um den Betrieb zu kapitalisieren und die Löhne nach Gesamtarbeitsvertragsnormen zu bezahlen.

Das Berner Projekt der Selbstverwaltung war ein mittelfristiges Erfolgsmodell und führte zu grosser Zufriedenheit bei den MitarbeiterInnen und bei der Kundschaft. Qualitativ hochstehende Druckwerke wurden in einem menschengerechten Betriebsklima erzeugt. Erst am 30. April 2010 musste das bedeutende und namhafte, aber kleine genossenschaftliche Unternehmen „Widerdruck“ seine Geschäftstätigkeit – mit null Franken Schulden - einstellen. Der Konzentrationsprozess in der Druckbranche und der gleichzeitige Durchbruch der neuen Kommunikations-Technologie Internet waren die Ursachen, dass der Widerstand des „Widerdrucks“ zusammenbrach.

Wir von der nachfolgenden Technik-Generation der ePublikation Hälfte / Moitié mit Internet bedauern das Ende dieser Pioniertat von „Widerdruck“. Die Kunst Gutenbergs hat in der öffentlichen Kommunikation noch lange nicht ausgedient und kann mit ihrem hochstehenden Qualitätsanspruch auch für die Internetbranche als Vorbild der handwerklichen und beruflichen Qualität dienen.

Emil Schneuwly, einst Mitarbeiter von „Widerdruck“ und Genossenschafter, berichtet im nachstehend publizierten Text von seinen Erfahrungen und Einschätzungen.

Redaktion Hälfte / Moitié

 

 

Genossenschaft Widerdruck

Die Zeilen zum bitteren Schluss

Noch lässt sich das Ende von Widerdruck sehr schwer in Worte fassen. Da vor dem Aufgeben der Genossenschaft Hoffnung bestand, die an einem zwar dünnen Faden hing, wendet sich der Betroffene während des Nachdenkens manchmal ab, um dem Schicksal nicht in die Augen zu sehen und so verscheucht man auch Gedan­ken und sperrt Ideen, statt damit einen Text zu kreieren, der dich zwingt, sich mit dem harten Schlag auseinanderzusetzen.

Von Emil Schneuwly

Zu spät, darüber zu schreiben ist es al­lerdings nicht, denn hilfreich ist dies alleweil.

Die Schliessung war in den letzten Wochen absehbar; unserem Entscheid, oder besser gesagt, dem Ende unserer Genossenschaftsdruckerei wird dadurch eine symbolische Schwere verliehen, die zu tragen den Menschen zwingt. Andersrum: In mir herrscht eine Leere vor, ich bin konsterniert, entmutigt und traurig. «Üsi Buda», wie wir sie fürsorglich nannten, war als kleine Fabrikationsstätte ein, aufs Potenzial und auf unsere Branche bezogen, tolles Projekt, ein erfolgreiches, etwas Exempla­risches. Sie verkörperte eine Druckereigenossenschaft, die nun fast 30 Jahre Be­stand hatte und in deren Bewegtheit, Entwicklung und Fortdauer, der Arbeit mit viel Herzblut nachgegangen wurde, das – wie bei einem vergleichbaren selbstverwal­teten Unternehmen im Baubereich oder auch im «Gschäften» autonomer Wirtshäu­ser – von den mitarbeitenden Genossenschafterinnen und Genossenschaftern Ge­duld und Ausdauer abverlangte, dafür Befriedigung bot und Zufriedenheit, Zufrie­denheit auch bei der Kundschaft.

Druckerzeugnisse, Duft des Papiers, Farbe im Hell-Dunkel-Kontrast beeindruckten das typografische Auge, verstärkten das Empfinden von Freude und Zuversicht beim Betrachten. Es galt, neben dem «Goldenen Schnitt» das Asymmetrische zu wagen, dem Grotesken mit Sympathie zu begegnen und ebenso das Berufsethos zu wahren wie die Überzeugung zu untermauern, nur brauchbare Drucksachen zu produzieren. Das ist uns all die Jahre gut gelungen und wir haben Erfolg bekundet. Nun ist mit diesem sicher nicht leichten Entschluss eine praktizierte Idee gestorben und eines dieser Projekte – Inseln von Vernunft in einer irrsinnig selbstgefährdeten Welt – wird begraben.

«Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts; ein Tag kann eine Perle sein und dreissig Jahre nichts». Selbst in Anlehnung an den guten Gottfried Keller lässt sich im Vers heute keinen Sinn finden.

Weder Biederkeit noch Durchschnitt waren Massstab, Bescheidenheit schon, Qua­lität bestimmt. Es galt für eine sinnvolle Gestaltung eines Werkes (Werk Betrieb meint Selbstverwaltung, Werk Erzeugnis sprich Drucksache) oder auch des Alltags ein System aus Werten und Formen weiterzuentwickeln, das aber auch half, eine eigene Ausrichtung zu finden. Dazu gesellt sich die gewaltige Produktionspalette, welche sich sehen lässt – und auszeichnen, wenn denn, tut uns die Strenge mit sich selbst; aber Lorbeeren gibt es damit heute keine mehr zu holen …

Auf Ende April 2010 stellen wir unsere Geschäftstätigkeiten aus wirtschaftlichen Gründen ein – ohne in Konkurs zu gehen; Widerdruck steht ohne Schulden da, bis zum Schluss. Auf Letzteres können wir stolz sein. Und doch ziehe ich geknickt von dannen. Servus!

Die wirtschaftlichen Gründe

Die Umwälzungen (Fortschritte) im drucktechnischen Bereich waren in den vergan­genen 30 Jahren in der grafischen Branche enorm und sie setzen sich fort. Aus­lese: Jeder und jede kann mit geringem Budget ein Atelier herrichten, Sachen vom Netz herunterladen, Briefschaften printen, die Qualität sinkt, stinkt und es ist fast allen Lesenden egal und alle Dilettanten kokettieren: Hauptsache schnell und billig. Was da heissen will stümperhaft statt tadellos. Nun halt, «Gott tschüss die Kunst»!

Des ständigen Preisdrucks wegen und des gleichzeitigen raschen technologischen Wandels sind nun aber erforderliche Investitionen, in immer kürzeren Abständen, durch einen Kleinbetrieb nicht mehr machbar. Verwerflich ist das Agieren gewisser Manager namhafter Betriebe, die nach Kleinaufträgen grabschen, Büchlein, Pros­pektlein, mit geringem Umfang, kleiner Auflage, einfarbig schwarz, um die sie sich weder kümmerten noch bemüht haben und nun mit gefälligem Preisdumping prot­zen, hecheln Kunden hintennach, Kundinnen wissen sie rührselig einzulullen um, salopp ausgedrückt, ein Geschäft unter den Nagel zu reissen auf Kosten der klei­nen Garanten für das Ehrbare. Somit hat das grosse Abräumen der Kolosse be­gonnen. Das ist der pure selbstgefällige Kapitalismus. Alles klar! Was tun denn die Auftraggebenden? Heute stellen sich bei der Mehrheit der Auftragerteiler die Fra­gen nach Gleichstellung, Gesamtarbeitsvertragstreue, ökologischen Grundwerten, «Betriebsidentifizie­rung», Arbeitsplatzerhaltung leider nicht mehr. Nachhaltigkeit wird absolut herabmindernd zur   inflatiösen Worthülse. Autonom, selbstbestimmt, ja, Selbstverwaltung verkommt in unserer Branche zur längst schmelzenden Insel, zu einem Hirngespinst, das vorab junge Menschen begriffsstutzig macht. «Die wirt­schaftlichen Bedingungen sind brutaler, der Verteilungskampf ist härter. Wer mit­halten will muss sich anpassen. Die Rebellion gegen Marktwirtschaft und Kapitalis­mus ist nicht mehr angesagt» (‹Der Bund› «Hübsch, jung und rechts», vom 14.4.2010). Und just jetzt kommt die SPS-Spitze mit einem neuen Parteiprogramm, das Genossenschaften gründen, fördern will – gefragt, wie es uns geht oder ergan­gen ist, hat von diesen Leuten niemand!

Eine Genugtuung bleibt: Wir haben schön lange gut funktioniert, gedruckt und es ausgehalten, durchgehalten mit gutem Grund, heller Freude ab und zu und über­zeugend. Wir wichen nie von den Grundsätzen ab.

Ethik in der Groteskschrift geschrieben steht als trockene Floskel da, in Granit gemeisselt als kalte Vokabel, in Holz gesägt wirkt’s ausgefranzt, doch hinter der Bezeichnung verbirgt sich eine Welt.

Der genossenschaftliche Anspruch

Ein dauerndes Bestreben, gewerkschaftliche Positionen mit dem Selbstverwal­tungsanspruch in eins zu setzen, ist etwas, das Widerdruck von vielen ähnlich strukturierten Unternehmen unterschieden hat. Es war stets das Ziel, nicht nur emanzipierter zu arbeiten und die Produktionsmittel selber zu kontrollieren, sondern auch nicht weniger zu verdienen als anderswo. Durch Anstreben eines guten Um­satzes und zukunftsgerichtete Investitionen konnte die Erhaltung der sechs Ar­beitsplätze erreicht werden. Gute Qualität in Satz und Druck, beratende Unterre­dung und Einhalten der Termine führten wir als Gründe an für eine gute Auftrags­lage. Das Bewegen auf der «freien Wildbahn» unserer Marktwirtschaft ist ein Un­terfangen, das tagtäglich Sorgen bereitet hat und Anstrengungen forderte, die wir zu leisten parat waren.

Die Geschäftsleitung wurde nicht durch Kapitalbesitz, sondern durch Mitarbeit be­stimmt, und es wurde ersichtlich, dass zur Selbstverwaltung ein persönliches und zeitliches Engagement aller im Betrieb Tätigen Voraussetzung war.

Die Entscheidungsrechte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren ein wesentli­cher Bestandteil unserer Statuten. Dergestalt förderte Mitbestimmung das Ver­antwortungsbe­wusstsein gegenüber der Arbeitsqualität und dem wirtschaftlichen Gedeihen des Betriebs. Beträchtliche Leistungsbereitschaft und Identifikation wa­ren das Kapital des selbstverwalte­ten Unternehmens, wo Kreativität und Beharr­lichkeit gefragt waren, denn besonders diese flossen ein in die Produktion, garan­tierten das Weiterbestehen bis heuer.

Einwandfreien Satz, der typografische Ausgewogenheit und  ästhetische Ganzheit erforderte, produzierten wir mit zeitgemässer Satzanlage. Unsere fachlich ausge­bildeten Berufsleute boten den Kundinnen und Kunden ebenfalls auf dem Gebiet der Beratung, der Gestaltung und der Rechtschreibung ihre Sachkenntnisse und die Erfahrung an, die es nicht zuletzt eben doch brauchte, um eine Drucksache auf gute Wege zu bringen, damit das fertige Produkt schliesslich abgerundet und zu­friedenstellend die Druckerei verlassen konnte. Wir bearbeiteten und korrigierten den Text und auf zwei Druckmaschinen produzierten wir von der Karte über Bro­schüren, Prospekte bis zu Plakaten mehrfarbig. Nun dreht sich meine Welt im Anth­razit!     

Alles weg – Leerer Raum

Die Maschinen sind weg. Widerdruck n’existe plus. Schwarzer Tag macht Seele traurig, Augen tränen, leerer Raum birgt armen Typografen, ein Begräbnis wird mit elenden Buchstaben niedergeschrieben. Niedergerissen bin ich am Boden. Ein Band entzweit. Entsorgen! Sorgen sorgen für Unbill. Stets negative Wiederholungen füllen die Zeit eines Einsamen. Nichts ist mehr im Rahmen ausser Altpapier. Das Umfeld brach in der Lorraine ab, brach liegen Gegenstände im Kopf und verstopfen den Gedankengang. Ein Poltern: Hörbar allein ist das Zertrümmern der Möbel und das Scheppern des Palettenrollis, ein Knarzen beim Abbruch der Lärmschutzdiele, ein Rasseln bei der Metallabfuhr, das Rattern des Entsorgungslasters. Den Vorschlaghammer ablegen – ein Bier trinken ... Pause. Plötzlich ist ein Knistern und Krumpeln schon wohltuend: Einer zerknautscht Makulatur, jemand ballt Seidenpapier zusammen, wirft es in den Abfuhrrahmen. Apropos Papier, das ist eine ruhige Materie, deshalb fühlt sich das gedruckte Wort darauf wohl, Lesende fühlen sich auch wohl, wenn sie Zeitungen lesen, Geschichten lesen, Bücher in Händen halten, deren AutorInnen Fantasien Buchstaben lesbar machen, deren Aussagen oft prägend sein können. Aber bei einem schönen Druckprodukt fragt sich kaum einer mehr, wo kommt das her, was für Arbeit steckt dahinter. Es ist wie bei der Milch: Wo kommt die her?, die Kuh sieht man nicht mehr. Widerdruck ist verschwunden. Unumwunden.

Gestern – Der Strom

Der einzige Strom, der rückwärts geht, ist der Gedankenfluss und als Metapher steht auch ein Bächlein bloss, dessen Wasser staut: Ein Denken an das Gestern. Es ist ein Auf-und-ab der Gefühle … An einer Leiter stehend, die unterste Sprosse musternd, denke ich ans Emporsteigen, «schau vorwärts und nicht zurück!» Doch das bleierne Sinnieren lässt mich kaum vom Fleck kommen. «Träge» ist vielleicht ein Wort, Ernüchterung ein anderes, ein drittes nennt sich Bitterkeit.

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