Wiedergutmachungsini­tia­tive aus meiner Sicht

Gina Rubeli

Am 31. März 2014 wurde der Start­schuss gegeben für die Wiedergutmachungsinitia­tive: Für die Opfer. Für die Schweiz. Als Opfer werde ich diese Ini­tiative unterstützen, und damit unterstütze ich das erste Mal in meinem Leben eine Initiative aus dem bürgerlichen Lager. 

Denn mit dem Aufenthalt in Hindelbank hat man mir Klassenbewusstsein regelrecht rein geboxt, damit weiss ich, wo ich hingehöre. Es überkommt mich daher bitter, das muss ich eingestehen, dass nun die Bürgerlichen die Initiative ergriffen haben. Seit 2009 habe ich mir Schicksale angehört und Akten gelesen. Mir ist dabei schlecht geworden. Auch ich war mir nicht bewusst, welche Brutalität und Grausamkeit hinter unserer biederen schweizerischen Wohlanständigkeit steckt. Auch war ich mir nicht bewusst über das Ausmass und die Systematik: dass nämlich die Politik und die Ge­sellschaft tausenden von Opfern einfach in Kauf genommen haben. Vor allem, mit sehr wenigen Ausnahmen, war es die Unterschicht, der diese Opfer auferlegt wur­den.

Brutalität und beispiellose Grausamkeit wurde von Politik und Gesellschaft als nor­mal empfunden. Auch der mangelnde Widerstand jener Parteien, welche sich für soziale Gerechtigkeit gegenüber der Arbeiterschicht hätten einsetzen sollen. Auch diese Parteien haben es Jahrzehnte lang in Kauf genommen und als normal angesehen, dass die Kinder ihrer eigenen Basis versklavt und geschunden wurden.

Die grösste Schweizer Partei, die SVP, mit deren Appendix, dem Schweizerischen Bauernverband, liegt sehr viel am Beibehalt dieser Normalität. Sie hält stur daran fest und ehrlich gesagt, bekomme ich den Eindruck, dass man sich in diesen Kreisen diese Vergangenheit zurück wünscht. Die Anzeichen dafür sehe ich seit Jahren mit Besorgnis. Widerstand nehme ich nur als Lautmalerei wahr. 

Kein Kampfeswille bei der SP

Ich erinnere mich nur zu gut an die Aussage von Ständerat Paul Rechsteiner, als sich un­sere kleine Delegation um die Rehabilitierung administrativ Versorgter be­mühte. Herr Rechsteiner sagte damals, dass eine parlamentarischen Initiative zur Rehabilitie­rung administrativ versorgter Menschen unter Einbezug einer finanziellen Entschädigung keine Chance hätte angesichts der aktuellen Zusammensetzung des Parlaments. Ja, wenn man natürlich schon bei Beginn die Flinte ins Korn wirft, ent­steht nicht viel. Die­ses nun angenommene Gesetz hat lediglich dem Bund gedient um sich aus der Verantwor­tung zu stehlen. Denn Rehabilitierung hin oder her, der Schaden, den die Stigmatisierung als angebliche Straftäter beruflich und gesell­schaftlich angerichtet hat, bleibt bestehen.

Nun haben wir also eine Wiedergutmachungsinitiative unter der Ägide der Hochfi­nanz in Zug. So dürfen sich die Herren und Damen der FDP als „Gutmenschen“ füh­len. Es sind jene, für welche die Freiheit das höchste Gut darstellt, solange sich je-mand die­ses Gut finanziell leisten kann. 

Einmal mehr hat sich gezeigt, weshalb sich die SP schwertut,  ernst genom­men zu werden, auch wenn sich einige Persönlichkeiten der SP im Initiativ-Komitee profilie­ren. Die SP selbst als Partei hat sich nicht hervorgetan. So hat es sich wieder einmal bestätigt: wer Gerechtigkeit verlangt, braucht Geld, sehr viel Geld und das sitzt nun halt in Zug.

Zum Gelingen dieser Initiative schlage ich eine Fleissaufgabe für waschechte Schwei­zerInnen vor. Soll doch jeder in seiner eigenen Familie forschen ob es da Opfer gibt. Die Opfer sind in sehr, sehr vielen Familiengeschichten versteckt!

Also bitte ich um Unterstützung der Wiedergutmachungsinitiative.

Zur Person:

Gina Rubeli wurde in ihrer Jugend administrativ verwahrt und im Frauengefängnis Hindel­bank mehr als ein Jahr eingesperrt, ohne ein Delikt begangen oder vor einem ordentlichen Gericht dazu verurteilt worden zu sein.  Sie ist heute Präsidentin des Vereins für die Opfer der Eidge­nossenschaft. 

http://www.opfer-victimes.ch/

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