Wiener Tafel stigmatisiert Arme und Arbeitslose

Hälfte / Moitié

Ein österreichischer Konzern verschenkt billigste Körperpflegeprodukte. Sie sollen von der „Wiener Tafel“ an Benachteiligte kostenlos abgegeben werden. Die AKTIVEN ARBEITSLOSEN (www.aktive-arbeitslose.at) in Wien fordern den Stopp der Vertafelung der Gesellschaft. Stattdessen sollen die wirklichen Ursachen von Armut und Ausgrenzung beseitigt werden.

Mitget./ AktiveArbeitlslose / Wien. Im  August 2011übernahm der Verein "Wiener Tafel" vom REWE-Konzern 10.000 Stück Sets billiger Körperpflegeprodukte . Dessen Diskontlinie will das als gutes Werk verkaufen. Angeblich könnten Arme und Arbeitslose sich keine Körperpflege leisten, wird suggeriert, und dies bedeute, so "Wiener Tafel"-Obmann und Sozialarbeiter Martin Haiderer, "nicht teilhaben können am gesellschaftlichen Leben und kaum Chancen am Arbeitsmarkt haben“.

 

Abgehängte Opfer werden abgespiesen

 

Damit übernimmt die „Wiener Tafel“ die neoliberale Ideologie der Viktimisierung der Opfer des auf Wettbewerb und Profitmaximierung gerichteten Wirtschaftssystems: Nicht die alleine in Wien fehlenden über 100.000 Arbeitsplätze wären verantwortlich für die Armut, sondern, salopp gesagt, die stinkenden Armen selbst. Auch nicht, dass Wohnen immer teurer wird und viele Menschen entweder in überbelegten Wohnungen leben oder sich keine Kategorie A Wohnung mit zeitgemäßen sanitären Einrichtungen am „freien Markt“ mehr leisten können. Oder das Geld für die Reparatur der Therme oder für den Einbau einer Dusche fehlt. Daran ändert sich aber kaum etwas, wenn die in den 220 Wiener Hilfseinrichtungen betreuten 10.000 Armen gerade einmal einen Körperpflegeset der billigsten Art bekommen.

 

Es ist zwar schön für die oft paternalistisch agierenden Hilfsorganisationen, wo die Armen auch nur rechtlose Bittsteller um mildtätige Gaben sind, die laufenden Kosten der Einrichtungen mit der „Wiener Tafel“ zu senken, eröffnet den Armen aber keine echte Lebensperspektive und schon gar nicht eine echte Teilhabe am stetig wachsenden Reichtum der Gesellschaft.

 

Die Spende - ein Marketinggag der Problemverursacher

 

Dass sich ausgerechnet jener Konzern mit der einmaligen Spende ins Rampenlicht der Medien rückt, der gerade erst vor Gericht wegen systematischer und vermutlich auch absichtlich zu niedriger Gehaltseinstufungen von KassierInnen nun ein soziales Mäntelchen umhängen will, anstatt sein Personal endlich ordentlich zu bezahlen, lässt auf einen billigen Marketinggag im Sommerloch schließen. 

 

Die clevere Marketingleiterin will laut Pressemitteilung "mit dieser Schwerpunktaktion gemeinsam mit der „Wiener Tafel“ auf das aktuell brennende Thema aufmerksam machen." Die aktuell stark gestiegenen Kosten für die täglichen Lebensmittel - die Miete- und Betriebskosten in Österreich liegen mit einer Inflation von 3,5 % EU-weit an der Spitze – sind wohl eher die wirklich drückenden Probleme. Auch dass sich Arme womöglich mit Kindern keinen Urlaub leisten können, wo sie sich auch einmal vom krank machenden Überlebenskampf erholen könnten.

 

Volkseinsatz für Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit

 

Der Gipfel der Frechheit ist der Aufruf an die Bevölkerung, Körperpflegeprodukte und Waschmittel für Armutsbetroffene im Einzelhandel zu kaufen und dann in den MyPlace-Self-Storage-Filialen abzugeben. So wird den Menschen vorgegaukelt, eine kleine mildtätige Spende würde wirklich das Leben der von der vorherrschenden Wirtschaft und Gesellschaft mutwillig ausgegrenzten Menschen nachhaltig verbessern. Das gemahnt uns in seiner Dreistigkeit und Sinnlosigkeit nicht nur an das Winterhilfswerk der Deutschen Wehrmacht, sondern macht - auch wenn es von den Organisatoren der guten Tat so nicht intendiert ist - das neoliberale Regime von Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit nur allzu deutlich sinnbildlich: Nachdem die Bettler von der Strasse vertrieben wurden, soll das schmutzige Gesicht der Armut ganz aus dem Gesichtsfeld der medial geschönten Werbe- und Warengesellschaft verschwinden.

 

Tafeln spalten Gesellschaft und verschleiern Ursachen von Armut

 

Laut einer Studie der Caritas Nordrhein-Westfalen spalten Tafeln und Sozialmärkte die Gesellschaft, weil die auf mildtätige Gaben angewiesenen Menschen sich erst recht sozial ausgegrenzt fühlen. Den neoliberalen Ideologen wird so das Feld für weiteren Abbau des Sozialstaates und den Rückzug des Staates aus seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung frei gemacht.

 

Der politische Skandal, dass mitten in reichen Gesellschaften, die angeblich Demokratien sein sollen, die Kluft zwischen Reich und Arm wächst, was ja kein Naturgesetz ist, gerät so zunehmend aus dem Blickfeld. Das Menschenrecht auf einen angemessenen Lebensstandard wird von freiwilligen Spenden abhängig gemacht, statt endlich durch Hebung der sozialen Menschenrechte in Verfassungsrang Recht zu werden. Die repressive Mindestsicherung kann kaum als etwas  anderes als Hartz IV auf österreichisch gesehen werden. Denn sie erhöht den Druck auf die Armen,  im Sinne des (neoliberalen) Arbeitszwangsregimes immer schlechter bezahlte, prekäre (Teilzeit-) Arbeit anzunehmen. Hierbei schweigen sich die oftmals von der Politik und den Parteien abhängigen Hilfsorganisationen nobel aus.

 

Die  Armen werden aber weiterhin passiv und unten gehalten. Politisierung und Widerstand der Armen soll offenbar mit der an das Mittelalter erinnernden paternalistischen Mildtätigkeit verhindert werden. Dass das auf Dauer nicht wirklich funktioniert, zeigen aber die aktuellen Armenaufstände in Großbritannien, Spanien, Portugal, Griechenland.



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