Freiheit im Wirken und tätig Sein

Kristina Eva Schwabe

Ich bin zufrieden, wenn ich eine klare Aufgabe gelöst habe. Ich liebe das woh­lige Gefühl etwas Wichtiges erledigt zu haben. In diesem so wunderbaren Mo­ment frage ich mich oft, wie sinn- und wirkungsvoll meine soeben vollbrachte Tätigkeit war. Dies führt zu einigen Grundsatzfragen. 

Ich frage mich, wessen Impuls meine Tätigkeit ausgelöst hat. Habe ich mich bewusst dazu entschieden meine Zeit und mein Können in diese Tätigkeit zu investieren? Kann ich dabei meine Persönlichkeit einbringen? Fördert die Tätigkeit und mein be­rufliches Umfeld meine persönliche Entwicklung? Kann ich mich mit dem Gut, das ich bewerkstellige oder der Dienstleistung, die ich erbringe identifizieren? Wohnt meiner Tätigkeit vielleicht sogar ein kleiner Zauber inne? 

Wirtschaftskorsett 

Heute zwängen wir Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten in ein Wirtschafts­korsett. Welche Tätigkeit als Erwerbsarbeit gilt und wie hoch die Entlöhnung dafür ausfällt bestimmt der Markt. Die normierten Arbeitskräfte werden mit grossem Ein­satz von Kindesbeinen an geformt. All das Lebendige, Schöne und Wesenhafte des Menschen darf untergraben werden, wenn es unter dem stetigen Druck nicht gar verkümmert. 

Die mannigfaltigen Begabungen, die sich bereits bei Kleinkindern ab­zeichnen, wer­den missachtet. Einzig dem wirtschaftlichen System dienende Res­sourcen sind ge­fragt. Die Volksschule soll gute Arbeitskräfte hervorbringen. Wem es an dem er­wünschten Potenzial mangelt, ist minderwertig. Ein sprachbegabtes Kind, mit einem ausgesprochenen Unverständnis für mathematische Vorgänge, wird schon in den ersten Schuljahren diskreditiert. Ein wildes, aufmüpfiges Kind wird ruhig ge­halten, die sprühende Vitalität gar mit Medikamenten zum Versiegen gebracht. Nicht selten wer­den heute bereits Kinder und junge Erwachsene durch mehrere Diagnosen patholo­gisiert. Krank geschrieben und krank gemacht, weil sie nicht dem gewünsch­ten Bilde ihres Umfeldes entsprechen. 

Verlust der Persönlichkeit 

Einige rebellieren und machen sich frei von den ihnen aufgezwungenen Gedanken-und Verhaltensmustern, suchen in Süchten die verlorene Persönlichkeit, neigen zu Gewalttaten, in denen sich all die Wut der Unterdrückung entlädt. Möglicherweise finden sie sich und einen Lebensrhythmus, der ihnen einen erträglichen Alltag oder gar ein unbekanntes Sein und Wirken ermöglicht. Und dennoch werden sie stets im Existenzkampf bleiben, in einem System, das weder nach ihren Fähigkeiten und Ta­lenten fragt noch diese wertschätzt. 

Andere verstummen und reihen sich ein in eine Anonymität, in eine Gesellschaft in der man die Frage nach der Leere mit Konsum beantwortet. Es ist ihnen bewusst, dass da noch vieles in ihnen schlummert. Diffuse Ängste, ungeahnte Möglichkeiten. Sie werden tief verwahrt. Heruntergeschluckt mit einem chemischen Sedativum oder dem Bissen Frustschokolade. 

Ich denke, wir alle sind nicht glücklich mit dieser Entwicklung. Wir alle fühlen uns gefangen. 

Ich kann heute mein eigenes Leben so gestalten, dass es mich erfüllt und dass ich die oben stehenden Grundsatzfragen grösstenteils mit einem Ja beantworten kann. Ich bin dankbar dafür. Jedoch bin ich mir bewusst, dass sich diese Situation plötzlich ändern könnte. Das macht mir Angst. 

Auch trage ich Verantwortung für meine Mitmenschen. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die an diesem grenzenlosen Normierungs-Leistungs-und Wachstumsdruck zugrunde gegangen sind, krank wurden, sich selbst aufgegeben haben. Ich erlebe den alltäglichen Existenzkampf meiner Freunde und Freundinnen. Menschen mit be­wundernswerten Fähigkeiten, einem Potenzial, das niemand erkennt oder ganz ein­fach keinen wirtschaftlichen Nutzen bringt. 

Vielfalt im Menschsein erhalten 

In der Natur wurde mittlerweile anerkannt, dass eine grosse Artenvielfalt lebenswich­tig ist. Unterschiedliche Arten mit ihren Eigenheiten ergänzen sich und ermöglichen einander einen kräftespenden Lebensraum. 

Die Vielfalt der Menschen wird jedoch nach wie vor bekämpft. Es mangelt an dem Vertrauen in die Fähigkeiten und die Entfaltungsmöglichkeiten des einzelnen Men­schen. Es fehlt der Glaube daran, dass der Mensch tätig sein will. 

Es ist von Nöten, dass sich hier eine Veränderung ankündigt. Sicherlich ist es wichtig sich einige Fähigkeiten anzueignen, die eine gemeinsame Basis bilden, schon einzig zur Kommunikation und Beziehungspflege. Aber als ebenso wichtig erachte ich das Erkennen der eigenen Persönlichkeit mit all ihren berechtigten Schwächen und Stär­ken. Die Anerkennung und Förderung allen Wirkens. 

Ich wünsche den Menschen die Zeit und die Ruhe, inne zu halten und sich fragen zu dürfen, was in ihnen spriesst, gewachsen ist oder in die Welt getragen werden möchte. Ich wünsche mir, dass sie dies dürfen, wollen und sollen. Wie lange wollen wir noch akzeptieren, dass all das Wissen und die Kraft begraben wird? 

Ich bin überzeugt: Je freier der Mensch in seinem  Wirken und tätig Sein wird, desto reicher wird unsere gesamte Gesellschaft. 

 

Zur Person:

Kristina Eva Schwabe, 27-jährig, arbeitet im Umweltschutz.

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