Wisch - und weg!

Mirjam Stoll

Eine neue Publikation bietet Einblick in den Alltag von irregulären Migrantin­nen, die in Zür­cher Privathaushalten arbeiten. Die Studie zeigt auf, wie Migrati­onsregime, Geschlechterarran­gements und Sozialpolitik die Arbeits- und Le­bensbedingungen dieser Sans-Papiers-Hausarbei­terinnen prägen.

Sans-Papiers, die in Schweizer Haushalten putzen, waschen, Kinder betreuen oder betagte Menschen pflegen, sind zahlreich, bleiben aber meist unsichtbar und von der Öffentlichkeit unbeachtet. Eine Studie verleiht solchen Sans-Papiers-Hausarbeiterin­nen aus dem Raum Zürich nun eine Stimme und bietet Einblicke in ihre Arbeits- und Lebensbedingungen.

Das von der Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich und dem Denknetz Schweiz in Auftrag gegebene Buch „Wisch und weg!“ versammelt reichhaltiges Material: Es präsentiert die Ergebnisse sowohl von aus­führlichen Gesprächen mit Sans-Papiers-Hausarbeite­rinnen als auch einer standardisierten Umfrage. Zudem ist eine Studie der Konjunk­turforschungsstelle der ETH Zürich integriert, die zum Schluss kommt: Schätzungs­weise jeder 17. Haushalt im Kanton Zürich beschäftigt eine Hausarbeiterin ohne ge­regelten Aufenthaltsstatus.

Rechtliche und ökonomische Unsicherheit

Wie die AutorInnen darlegen, füllen Frauen aus sogenannten Drittstaaten eine „Ver­sorgungslücke“ im Bereich der Haushaltsarbeit, werden in der „Festung Europa“ aber illegalisiert. Bei den befragten Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen handelt es sich häu­fig um gut gebildete, gewissermassen „unterneh­merisch denkende“ Frauen, die auf­gebrochen sind, um sich und ihren Angehörigen ein besseres Leben zu ermöglichen. In der Studie wird herausgearbeitet, wie sie sich unter anderem in ihrem Selbstver­ständnis und den Strategien im Umgang mit ihrer Situation unterscheiden. Dennoch sind sie, be­dingt durch ihren illegalen Aufenthalt in der Schweiz, geeint durch die Angst vor Aus­schaffung, die schlechte Ver­handlungsposition gegenüber Arbeitgebe­rInnen und Löhne, die in der Regel nicht existenzsichernd sind. Die schlechten Löhne resultieren dabei nicht nur aus tiefen Stundenansätzen, sondern massge­blich aus geringen und vor allem fragmentierten Arbeitspensen: Die meisten Sans-Pa­piers-Hausarbei­terin­nen haben lange, unbezahlte Wege zwischen ihren Arbeitsorten in vielen verschie­denen Privat­haushalten.

Politische Perspektiven

Das Phänomen der irregulären Migrantinnen in Privathaushalten stellt ein komplexes Feld dar, in dem sich Geschlechter-, Sozial- und Migrationspolitik treffen. Als einen ersten Schritt auf dem Weg hin zu einer kollektiven Regularisierung der Sans-Papiers fordern die AutorInnen eine Entkoppelung von Auf­enthaltsstatus und der Gewährung sozialer, politischer und wirtschaftlicher Rechte. Zum Beispiel sol­len Sans-Papiers als KlägerInnen an Straf-, Zivil- und Schiedsgerichten auftreten können ohne dass sie an die Migrationsbehörden denunziert werden. Weiter soll der Schutz im Arbeits­sektor Hauswirtschaft verbessert und die Berufstätigkeit im Privathaushalt dem Schweizer Arbeitsgesetz unterstellt werden.

Alex Knoll, Sarah Schilliger und Bea Schwager: Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung. Seismo-Verlag, 2012

Zur Person: Mirjam Stoll ist Soziologin und in Zürich wohnhaft. Sie arbeitet als Assistentin an der Juristischen Fakultät der Universität Basel.

 

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