Wohnen mit wenig Geld

Cordula Bieri

Armutsbetroffene Menschen müssen mit wenig Geld auskommen. Die Miete macht schnell einen grossen, oft einen zu grossen, Anteil am vorhandenen Budget aus. Und das betrifft nicht wenige. Im Kanton Zürich sind fast 100'000 Menschen in irgendeiner Form auf staatliche finanzielle Unterstützung ange­wiesen. 

Die Zahl 100‘000 beinhaltet längst nicht alle Betroffenen. Denn betroffen sind auch jene, welche Anspruch auf staatliche Unterstützung hätten, diesen aber nicht geltend machen. Und auch jene müssen hinzu addiert werden, welche knapp zu viel verdie­nen, um Unterstützung zu erhalten, sich jedoch nur mit grosser Anstrengung über Wasser halten können. Das Bundesamt für Statistik geht davon aus, dass 15,5% der Bevölkerung armutsgefährdet sind 1). Viele von ihnen sehen sich bei der Suche nach einer passenden Wohnung mit zahlreichen Problemen konfrontiert. 

Folgendes Rechenbeispiel zeigt auf, wie schnell eine Familie mit zwei Kindern an ihre finanziellen Grenzen kommen kann. Nehmen wir an, es handelt sich um eine vierköpfige Familie, der Vater arbeitet als Kellner Vollzeit und verdient 3800 Franken brutto, die Mutter arbeitet stundenweise als Reinigungskraft und verdient 1100 Fran­ken brutto im Monat. Nach den verschiedenen Sozialversicherungsabzügen bleiben ca. 4500 Franken Haushaltseinkommen.

Da die Miete nicht mehr als einen Drittel des Haushaltseinkommens betragen sollte, dürfte in diesem Fall eine Wohnung lediglich 1500 Franken kosten. Gleichzeitig müsste die Wohnung mindestens drei Zimmer haben, weil der Platz sonst für die Familie zu knapp ist. Eine solche Wohnung in der Stadt Zürich oder in den umliegen­den Gemeinden zu finden, ist extrem schwierig. Es gibt zwar günstige Wohnungen, doch diese sind selten lange frei, denn die Nachfrage danach ist riesig. Die Leute, die das Glück hatten, eine solche Wohnung zu ergattern, bleiben dann entsprechend lange darin wohnen. 

Aber auch wenn man das Glück hat, in einer bezahlbaren Wohnung zu leben, ist die Angst stets da, dass man diese verlieren könnte. Günstiger Wohnraum verschwindet tagtäglich. Alte Gebäude werden durch neue ersetzt. Wohnungen mit engen Grund­rissen weichen grossflächigen Wohnungen, die dem neuesten Ausbaustandard ent­sprechen. Das hat seinen Preis. Und dieser ist für viele unbezahlbar.

Welche Probleme bringen die hohen Mieten mit sich?

Familien, aber auch Einzelpersonen mit kleinem Budget bleiben oft nur zwei Mög­lichkeiten. Entweder mieten sie eine Wohnung, die sie sich eigentlich nicht leisten können, oder dann entscheiden sie sich für eine Wohnung, die nicht angemessen ist. Was heisst das konkret?

Eine Miete ist dann zu hoch, wenn sie mehr als ein Drittel des Haushaltsbudgets be­trägt. Eine zu hohe Miete bringt zahlreiche Schwierigkeiten mit sich. Das Geld, das für die Miete ausgegeben wird, fehlt in anderen Lebensbereichen. Es wird an allen Ecken und Enden gespart, bei der Kleidung, beim Essen oder beim Zahnarztbesuch. Und wenn es auch dann noch nicht zum Leben reicht, verschulden sich die Betroffe­nen, um doch noch irgendwie über die Runden zu kommen.

Es erstaunt nicht, dass es immer wieder vorkommt, dass Mietende ihre Miete nicht bezahlen können. Das Nichtbezahlen der Miete hat aber weitreichende Konsequen­zen. Die Kündigung des Mietverhältnisses droht. Der Verlust der Wohnung ver­schlimmert die Situation zusätzlich. Ein weiteres Problem sind die Mietschulden. Hat man erst mal einen Eintrag im Betreibungsregister aufgrund von Mietschulden, wird die Wohnungssuche unglaublich schwierig. Vermietende möchten das Risiko unbe­zahlter Mieten verständlicherweise nicht eingehen.

Familien, die bewusst eine günstige Wohnung suchen, nehmen meist einige Unan­nehmlichkeiten in Kauf, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Zum Beispiel wohnen sie in Wohnungen, die für die Grösse der Familie viel zu klein sind. Doch wann ist eine Wohnung zu klein? Diese Frage ist heutzutage gar nicht so einfach zu beant­worten, da die Raumansprüche in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass ein Minimum von 20 Quadratmeter pro Person genügen sollte 2). Wenn der vorhandene Platz kleiner ist, kann dies zahlrei­che Probleme mit sich bringen. Bei Streitigkeiten beispielsweise bleiben keine Aus­weichmöglichkeiten, man bleibt gefangen im engen Raum. Es kommt zu mehr Reibe­reien, was wiederum bestehende familiäre Konflikte verschärfen kann. Wohnt eine Familie sehr eng beieinander, bestehen kaum Rückzugsmöglichkeiten. Momente der Ruhe und Entspannung sind dementsprechend rar. Auch ein ruhiger Platz, um Hausaufgaben zu erledigen, fehlt oft, was die schulische Leistung der Kinder beein­trächtigen kann. 

Aber nicht nur der fehlende Platz ist ein Problem. Günstige Wohnungen haben oft auch andere Mängel, die das Leben erschweren. So handelt es sich bei günstigen Wohnungen teilweise um sehr schlecht isolierte Gebäude, welche das Wohnen im Winter unerträglich kalt machen. Dann gibt es Wohnungen, die von starkem Schim­melbefall betroffen sind. Die verschiedenen Mängel können die Gesundheit der Mie­tenden erheblich gefährden. Trotzdem werden sie in Kauf genommen, da Ausweich­möglichkeiten auf andere Wohnungen fehlen und man beim Vermieter durch eine Reklamation nicht negativ auffallen möchte. 

Eine weitere Strategie, um günstigen Wohnraum zu finden, ist es, an Orte zu ziehen, an denen der Wohnraum noch eher bezahlbar ist. Das wird zwar im ganzen Kanton immer schwieriger. Tendenziell ist es aber so, dass ausserhalb der städtischen Zen­tren die Mieten tiefer sind. Städtische und regionale Zentren bieten oftmals ein grös­seres Angebot an Arbeitsplätzen und günstigen Weiterbildungsmöglichkeiten. Ein Umzug in ländliches Gebiet bringt deshalb oft längere Arbeitswege und höhere Aus­gaben für die Benutzung des öffentlichen Verkehrs mit sich. Ein Umzug in entlegene Ecken des Kantons kann also die Miete senken, dafür aber andere Kosten nach sich ziehen. 

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass schwierige Wohnverhältnisse nicht nur das Zusammenleben belasten, sondern Auswirkungen auf zahlreiche an­dere Lebensbereiche haben, wie zum Beispiel die Gesundheit, die finanzielle und die berufliche Situation, die Leistung in der Schule und die sozialen Netzwerke. Wenn die Wohnsituation für längere Zeit schwierig ist, ist dies für die Betroffenen äusserst belastend. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass es angemessenen Wohnraum auch für Menschen mit kleinem Budget gibt. 

Was kann getan werden? 

Mit dieser Frage setzt sich Caritas Zürich schon seit einiger Zeit auseinander. Eine einfache Antwort darauf gibt es aber nicht. Menschen mit kleinem Budget hatten es schon immer schwer, passenden Wohnraum zu finden. 

Wohnungssuchende Menschen sind oft auf sich allein gestellt. Zwar gibt es die Sozi­alen Dienste und Organisationen wie die Stiftung Domicil, welche wohnungssu­chen-de Menschen unterstützen. Oft kann aber nur einer kleiner Teil der Wohnungs­suchenden von dieser Unterstützung profitieren. Warum gibt es nicht mehr Anlauf­stellen für wohnungssuchende Personen, wenn die Nachfrage doch so gross ist? Das Problem ist, dass auch gemeinnützige Organisationen nicht zaubern können. Auch sie sind darauf angewiesen, dass es überhaupt günstigen Wohnraum gibt, der zu Vermitteln wäre. Vermietende ihrerseits ziehen bei der Vergabe von Wohnungen finanziell gut gestellte Mietende vor, was die Suche zusätzlich erschwert. 

Eine Möglichkeit, die Missstände anzugehen, ist die Förderung von preisgünstigem Wohnungsbau. Das heisst, die Förderung von Wohnungen, die sich an einer Kos­tenmiete anstatt einer Marktmiete orientieren. Eine Marktmiete passt sich dem Preis an, der im vorhandenen Markt erzielt werden kann. Bei grosser Nachfrage, wie das der Fall ist, kann die Miete entsprechend hoch angesetzt werden. Die Kostenmiete hingegen orientiert sich an den effektiven Kosten einer Wohnung. Vor allem Genos­senschaften sind bekannt für die Kostenmiete. Längerfristig betrachtet, sind diese Wohnungen oft unter dem Marktpreis zu mieten und entlasten so manches Haus­haltsbudget. Da der Anteil an Genossenschaftswohnungen am gesamten Markt aber immer noch sehr klein ist, sind diese Wohnungen natürlich entsprechend begehrt, und es ist äusserst schwierig, eine Wohnung zu erhalten. Es gibt aber verschiedenen politische Vorstösse und Initiativen, diese Art des Wohnungsbaus zu fördern. 

Ein weiteres Mittel zur Förderung bezahlbarer Wohnungen sind Stiftungen, die als Stiftungszweck die Förderung von preisgünstigem Wohnraum haben. In der Stadt Zürich gibt es einige davon, unter anderen die PWG oder die Stiftung für kinderreiche Familien. 

Zunehmend gehen Gemeinden auch vorsichtiger mit ihrem Land um. War es bisher üblich, an die Meistbietenden zu verkaufen, wird nun häufiger überlegt, welche Woh­nungen der Gemeinde nicht nur den grössten finanziellen, sondern auch den gröss­ten sozialen Mehrwert bieten. Hilfreich ist auch, wenn Gemeinden über eigene Lie­genschaften verfügen. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, die Wohnungen speziell an Menschen mit geringen Chancen auf dem normalen Wohnungsmarkt zu vermieten.

Es gibt also durchaus Möglichkeiten, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. 

Es liegt an der Politik, entsprechende Massnahmen zu ergreifen – und dank direkter Demokratie an jeder und jedem von uns, entsprechende Initiativen als Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen. 

1) Bundesamt für Statistik, Armutsgefährdungsquote gemäss SILC 2012.

2) Walser, Katja/ Knöpfel, Carlo (2007): Auf dünnem Eis. Menschen in prekären Lebenslagen. Caritas-Verlag, Luzern. S. 32.

*** 

(Red.) Mit freundlicher Genehmigung von Cordula Bieri und mit bestem Dank geben wir ihren Text zum Thema des Wohnens für materiell Benachteiligte aus der Caritas-Bro­schüre „Wohnen / Schreiben“ wieder. Wie wohnen ohne Geld? Diese Frage stell-te Caritas Zürich im Januar / Feb­ruar 2014 Armutsbetroffenen im Rahmen einer Schreibwerk­statt. Teilgenommen ha­ben Frauen und Männer, die ihren Alltag mit we­nig Geld meistern. Unter kundiger Anlei­tung von Schriftstellerin Tanja Kummer und Journalis­tin Andrea Keller fanden die schwierigen Erfahrungen ihren Weg aufs Pa­pier. Die eindrücklichen und berühren­den Geschich­ten, eingebettet in Hintergrund­texte zu den Themen Wohnen und Schreiben in schwierigen Situationen, finden Sie in der Broschüre „Woh­nen / Schreiben“. Diese kann gratis bestellt werden auf: http://www.caritas-zu­erich.ch/p53002241.html . 

Zur Person:

Cordula Bieri, *1986, ist Soziologin und arbeitet seit anfangs 2013 als Mitarbeiterin Grundlagen für die Caritas Zürich. Im Rahmen dieser Tätigkeit hat sie sich intensiv mit dem Thema Wohnen mit wenig Geld auseinandergesetzt. 

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