Zukunft: aberkannt.

Oswald Sigg

Der tödliche Streit im „Gampeler Asylzentrum“ – wie es die Presse fälschli­cherweise nennt – anfangs Juli 2012 hat den Eschenhof in die Schlagzeilen ge­bracht. Das Drama fand jedoch nicht in einem Wohnheim für Asylsuchende, sondern im „Sach­abgabezentrum“ statt. Ein Kommentar.

Mit Asyl und mit Asylbewer­bern hat der Eschenhof nichts zu tun. Wer hier lebt, ist eine Abgewiesene. Ein Rechtloser. Eine Ille­gale. Ihr Asylgesuch hat sie nach Jahren mit einem negativen Entscheid zurück erhalten. Ich habe das  Dokument nicht ge­sehen. Vielleicht steht da in der entsprechenden Rubrik: ERLEDIGT. Oder noch treffender: WEG! Wohl wird es auf dem Doku­ment einen Stehsatz geben, der sinngemäss lautet, der Flüchtlingsstatus werde dem Asylsuchenden ABERKANNT. Die Verneinung ei­nes vernünftigen Fluchtmo­tivs trifft alle diese Men­schen per­sönlich in ihrer Ehre.

Von aussen betrachtet ist das Sachabgabezentrum Eschenhof beinahe idyllisch ge­legen. Im Berner Seeland, in der Nähe von Witzwil. Wenn dort ein Krimineller aus dem Gefängnis aus­bricht, kann er sich im Seeland nirgends hinter einem Hügel ver­stecken. Alles ist flach in dieser Umgebung. Aus dem Eschenhof aber braucht nie­mand auszubrechen. Seine Türen sind auch nachts offen. Abschliessbare Zellen gibt es nicht. Denn wer hier wohnt, darf eigentlich gar nicht hier sein.

Den Leiter nennen die Bewohnerinnen „Chef“. Aber er ist ein sympathischer Kerl. Er vollzieht die gesetzlichen Vorschriften über abgewiesene Asylbewerber. Das ist eine Drecksarbeit, wür­den viele sagen. Er nicht. Er arbeitet mit der maximal zugelas­senen Portion Menschlichkeit. Seine Schutz­befohlenen sind die NO FU­TURE-GenossInnen. Sie sind abgewiesen aber noch nicht ausgewiesen, noch nicht ausge­schafft. Weil es auf der ganzen Welt keine Destination mehr gibt, die sie aufnehmen möchte.

Sie arbeiten tagsüber. Küche, Waschküche, Stube, Freizeiträume, Büros putzen. Garten jäten, pfle­gen, spritzen. Dafür gibt es Gutscheine. Einlösbar im Laden. 83 Artikel – was man so zur Not gebrauchen kann - sind hier gegen Gutscheine erhältlich.   

Was ihre Arbeit nicht hergibt: Lohn, Bargeld. Manchmal können die Bewohnerinnen des Eschenhofs mit ihren Gutscheinen im Konsumzentrum in der Nähe etwas Billiges kaufen und dann kriegen sie aus Barmherzigkeit Herausgeld in Schweizer-Franken und -Rappen. Ansonsten: NO CASH und NO CREDIT. Einziger Ausweg: nachtsüber das gelegentliche Stehlen und Klauen, das Dealen und die Prostitution. Und manchmal einfach das Erbetteln von ein paar Schweizerfranken. Dann haben sie wenigstens wieder einen politischen Status: sie sind Krimi­nelle.

Gefangen im Existenzkampf um den Alltag haben die Bewohnerinnen des Eschen­hofs keine Zeit, um sich über ein Nachher Gedanken zu machen. Weder hier noch anderswo - sie haben ohnehin keine Zukunft. Sie wird ihnen genommen, gestohlen, aberkannt. Im Namen der Schweizerischen Eidgenossen­schaft deren Bundesverfassung in Artikel 7 gebietet: Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.


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Migrationsdienst untersucht Sicherheit im Sachabgabezentrum Eschenhof

Ein Streit zwischen zwei abgewiesenen Asylbewerbern im Sachabgabezentrum Eschenhof in Gampelen endete tödlich. Nun wird die Si­cherheit im Zentrum unter die Lupe ge­nommen.

Nach dem tödlichen Streit im Sachabgabezentrum des Kantons Bern in Gampelen nimmt der kantonale Migrationsdienst nun die dortigen Sicherheitsvor­kehrungen unter die Lupe. Vor­erst will er aber die Untersuchungen der Kantonspoli­zei abwarten.

Die Leiterin des Migrationsdiensts, Iris Rivas, sagte auf Anfrage der Nachrichten­agentur SDA, das Sicherheitsdispositiv von Asylzentren werde ständig angepasst. Nach der Tötung ei­nes 19-jährigen Algeriers durch einen Mitbewohner des Zentrums sei es aber angebracht, die Lage in Gampelen speziell zu analysieren.

Laut Rivas kommt es in diesen Sachabgabezentren für Personen mit abgewiesenem Asylgesuch nicht häufiger zu Auseinandersetzungen als in Durchgangszentren. Eine Statistik zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führt der Migrationsdienst nicht.

(Berner Zeitung 10.07.2012)

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