Zuletzt die PatientInnen

Katharina Prelicz-Huber

Am 17. Juni 2012 wird auch über die Managed Care-Vorlage von Bundesrat und Parlament abgestimmt. Diese verspricht Einspa­rungen und eine Effizienzstei­gerung im Gesundheitswesen. Doch sie stärkt nur die Macht der Krankenkas­sen und macht die freie Arztwahl zu einem Privileg der Reichen. Sie zementiert die Zweiklassenmedizin und möchte das Gesund­heitswesen nach ökonomi­schen Interessen umkrempeln.

Die Solidar-Vertragspflicht wird aufgehoben. Das führt zu einem Diktat der Kranken­kassen, welche die Steuerung der Gesundheitsversorgung übernehmen. Sie können den Versorgungsnetzen – in notabene geheimen Verträgen – ihre Bedingungen dik­tieren und Netzwerke nach Belieben ausbooten. Davon sind auch Spitäler, Heime, Spitex und Kliniken betroffen, die sich direkt oder indirekt den Netzen anschliessen müssen. Denn diese sollten die gesamte Versorgung nach Krankenversicherungs-Gesetz (KVG) anbieten.

Budget geht vor Gesundheitspflege

Die Managed-Care-Netze werden gezwungen, von Kassen vorgegebene Budgetziele einzuhalten. Ein möglicher Gewinn, aber auch ein Verlust trägt das Netz hälftig mit.

Das schafft Anreize, nur noch auf minimale Untersuchungen und Therapien zu setzen und den PatientInnen die für sie optimal gesundheitsfördernden aber teureren Verfahren vorzuenthalten.

Für das Gesundheitspersonal bedeutet dies enormen ethischen Stress: Auf ihm lastet der moralische Druck, Ökonomie stärker zu gewichten als die Bedürfnisse der PatientInnen. Durch den Kostendruck auf die Netzwerke wird beim Personal und ihren Arbeitsbedingungen gespart – in den Praxen, in den Spitälern und in den Heimen. Damit sinkt die Versorgungsqualität für die PatientInnen.

Die PatientInnen sollen mit dreijährigen Knebelverträgen an ihre Krankenkasse und an das von ihnen gewählte Modell gebunden werden. Wer vor Vertragsablauf die Kasse und das Netz wechseln will, muss eine hohe Austrittsprämie zahlen. Das Gesundheitswesen der USA mit seinen weit verbreiteten Managed-Care-Net­zen zeigt es, Bürokratie, Streitigkeiten (vor Gerichten) und administrative Kosten nehmen massiv zu.

Keine freie Arztwahl

Wer keinem Netz beitreten will oder kann (wegen unzureichender regionaler Abdeckung), soll neu bis zu 1’000 Franken pro Jahr Selbstbehalt entrichten – zusätzlich zur Franchise von mindestens 300 Franken und zu den ständig steigenden Krankenkassenprämien. Wer sich das nicht leisten kann, hat keine freie Arzt- und Spitalwahl mehr.

Da auch Heime und Spitäler in Netze eingebunden werden, wird nicht nur die freie Arzt-, sondern auch die freie Wahl von Spitälern und Heimen aufgehoben.

Drei Beispiele

• Die langjährige Hausärztin von Frau H. wechselt das Managed-Care-Netz. Die Kasse von Frau H. hat aber keinen Vertrag mit dem neuen Managed-Care-Netz. Frau H. muss entweder eine hohe Austrittsprämie zahlen oder den Verlust ihrer Hausärztin verkraften.

• Herr W. wird zum Pflegefall. Sein Managed-Care-Netz hat nur Verträge mit Heimen, die weit weg von seinem Wohnort, seiner Familie und seinen Bekannten sind. Herr W. muss in ein Netzwerk-Heim oder eine teure Austrittsprämie zahlen.

• Frau S. muss jedes Mal, wenn ihr die teuren Krebsmedikamente verschrieben werden, einen Tag im Spital verbringen. Denn bei stationären Fällen zahlt der Kanton mit und das Budget des Netzwerks ist entlastet.

Interessen der Versicherten wahren

Integrierte Versorgung ist wichtig. Deshalb brauchen wir eine neue Vorlage mit freier Wahl des Netzes und damit des/r ÄrztIn - ohne Knebelverträge, mit Vertragspflicht der Krankenkassen und ohne Budgetmitverantwortung, sondern mit einer Stärkung der Professionalität. Damit wir eine integrierte Versorgung im Interesse der Versicherten bekommen, muss die aktuelle Managed-Care-Mogelpackung wuchtig verworfen wer­den.

(SGB-Newsletter 6/2012)

*  Katharina Prelicz-Huber ist Präsidentin der Gewerkschaft vpod


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