Zunahme der Armut in den USA

Hälfte / Moitié

(AP Washington). Die Zahl von armen AmerikanerInnen ist zu einer Rekordgrösse von 46,2 Millionen – fast 1 von 6 Amerikanern – angeschwollen. Die Rezession hinterlässt Millionen von Strauchelnden und Arbeitslosen. Und die Zahl der AmerikanerInnen ohne Krankenversicherung erreichte den Stand von 49,9 Millionen, den höchsten Wert seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Unter den Armen ist auch Nekisha Brooks, 28 Jahre alt, aus Fort Washington, die ihren Job bei AT und T (Amerikanischer Telecom Anbieter)  als Kundendienst- Mitarbeiterin vor mehreren Monaten in einer Entlassungsrunde verloren hat. Sie sorgt für fünf Kinder und bezieht nun Lebensmittelmarken; sie stützt sich teilweise auf die Hilfe von Freunden und der Familie ab. „Es ist hart für die Kinder“, sagte Brooks. Ihre Familie habe bei Kleidern und Essen in Restaurants einsparen müssen. Sie habe jeden Tag Stellenbewerbungen geschrieben und telefoniert, für Putzarbeit, Kundendienst, Verwaltung oder Kellnerin. Aber niemand wolle zurzeit jemanden einstellen.

Die Armutsrate erhöhte sich von 14.3 Prozent im Vorjahr auf 15.1 Prozent 2010. Und die Armutsrate stieg von 2007 bis 2010 schneller als in vergleichbaren Zeiträumen seit den frühen 1980er Jahren. Für 2010 Jahr liegt die offizielle Armutsgrenze bei einem jährlichen Einkommen von 22’314 Dollar für eine Familie mit vier Personen.

Gemäss dem Bericht wurde der Graben zwischen Reich und Arm letztes Jahr noch grösser. Zum Beispiel fiel das Einkommen der reichsten Amerikaner, um 1,2  Prozent auf 180'810 Dollars für die reichsten fünf Prozent der Haushalte. Aber der unterste Fünftel der Haushalte, jene mit 20'000 Dollar oder weniger, erlitt eine Einkommensverminderung von vier Prozent. Andere Indizes verwiesen auf eine längerfristig zu erwartende Einkommensungleichheit, aber wenig Veränderung im Jahr 2010.

Arbeitslosigkeit

2010 betrug das mittlere Haushaltseinkommen 49'445 Dollar. Das waren 2,3 Prozent weniger als 2009. Bruce Meyer, Professor für Public Policy der Universität Chicago, befürchtet, dass das Schlimmste bezüglich Armut noch kommen wird. Er zitiert den Anteil an kontinuierlich steigender Nachfrage nach Lebensmittelmarken in diesem Jahr  als auch die „taumelnd hohe“ Anzahl  jener, die seit mehr als 26 Wochen arbeitslos sind. Er hält fest, dass mehr als sechs Millionen Leute zu der Kategorie der Langzeitsarbeitslosen zählen und daher mit grösserer Wahrscheinlichkeit arm werden, unter Berücksichtigung, dass gegenwärtig mehr als zwei von fünf Personen ohne Arbeit sind.

Ein Bericht des Amerikanischen Statistischen Bundesamtes vom 13. September 2011 wirft einen Blick auf die wirtschaftliche Lage der amerikanischen Haushalte des Jahres 2010, als die Arbeitslosigkeit für ein zweites Jahr über 9 Prozent schwankte. Die Arbeitslosigkeitsrate beträgt heute zum Start des Wahljahres immer noch 9.1 Prozent. Ein Grund genug, den Blick auf die Wirtschaft zu richten und darauf, wie Präsident Barack Obama die Wirtschaftsprobleme angeht und meistert.

Die letzten Zahlen von Obamas zweitem Amtsjahr bieten politisches Futter für beide Parteien, denn Obama versucht, einen neuen 447 Millionen Dollar Finanzplan durchzubringen, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft anzukurbeln. Der Plan beinhaltet auch eine beantragte Herabsetzung der für die Soziale Sicherheit zu zahlenden Lohnlistensteuer und eine Ausweitung der Leistungen für Arbeitslose. Obama drängt den Kongress, die neuen Ausgaben weitgehend über erhöhte Steuern für Reiche zu begleichen, was die Republikaner nachdrücklich zurückweisen.

Staatliches Sozialnetz und Selbsthilfe

Das Bundesamt für Statistik weist auch auf den Einfluss der staatlichen Sicherheitsnetz Programme auf die Armut hin. Es schätzt, dass die neuen, 2009 erlassenen Gesetze für Arbeitslosenleistungen, welche den Arbeitern bis zu 99 Wochen nach der Entlassung Leistungen zusprachen, und die für die meisten  Leute bis zu diesem Jahr in Kraft waren, 3,2 Millionen über die Armutsgrenze hinaushoben. Soziale Sicherheitsleistungen halfen, ungefähr 20,3 Millionen aus der Armut herauszuhalten, Senioren als auch Erwachsene im Erwerbsalter, die Behindertenrenten bezogen. Falls diese Programme in Zukunft gekürzt werden sollten, würden die Armutsraten sicherlich noch stärker ansteigen, sagte Bruce Meyer.

In der gleichen Zeit zeigte sich bei der erwerbstätigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren eine der stärksten Zuwachsraten der Armut; sie erhöhte sich von 12,9 Prozent auf 13,7 Prozent. Beinahe drei von fünf Armen kommen aus der amerikanischen Bevölkerung im erwerbstätigen Alter. Diese Gruppe der Armen ist auf dem höchsten Stand seit in den 1960iger Jahren der Kampf gegen Armut eröffnet wurde.

Besonders junge Erwachsene mühten sich ab. Das mittlere Einkommen jener 15- bis 24 Jährigen sank um neun Prozent auf 28'322 Dollar. Beinahe 6 Millionen der 25 bis 34 Jährigen legten sich zusammen in Haushalten mit Freunden oder Eltern, um Geld zu sparen. Bis 25 Prozent höher war der Anstieg gegenüber den Zahlen vor der Rezession. Für diese Gruppe war die Armutsrate bei 8,4 Prozent; aber die Rate wäre starker gestiegen auf 45,3 Prozent, würden nicht die Einkünfte der Eltern in die Berechnung einbezogen. „Es ist ziemlich schlecht für junge Leute“, sagte Harry Holzer, Professor für Public Policy der Georgetown Universität. „Sie federn den Schlag auf verschiedene Weise ab, sie leben mit andern zusammen, gehen länger zur Schule, aber schliesslich werden sie auf den Arbeitsmarkt gehen müssen und einen sehr unwirtlichen Platz finden“.

Krankenversicherung

Der Anteil von Amerikanern ohne Krankenversicherung (Gesundheitsvorsorge) wuchs von 16.1 Prozent auf 16.3 Prozent oder 49.9 Millionen Personen gemäss den revidierten Zahlen des Amtes. Der Anstieg an Nichtversicherten war weitgehend auf den Verlust von ArbeitgeberInnen finanzierter Gesundheitsvorsorge zurückzuführen. Und dies aufgrund der geschwächten Wirtschaftslage. 

2011 war das dritte Jahr mit einer wachsenden Anzahl von AmerikanerInnen ohne Krankenversicherung. Die Anzahl der Leute mit Gesundheitsvorsorge durch den Arbeitsplatz schrumpfte von 170,8 Millionen auf 169,3 Millionen, obwohl diese Verluste teilweise wettgemacht wurden durch Gewinne in staatlicher Gesundheitsversicherung wie „Medicaid“ und „Medicare“.

Der Amerikanische Kongress verabschiedete letztes Jahr eine gründliche Überarbeitung der Gesundheitsvorsorge, um der steigenden Anzahl von Nichtversicherten zu begegnen. Während die meisten Vorschriften nicht vor 2014 wirksam werden, wird eine Regel bereits ab Ende 2010 eine Auswirkung haben: Junge  Erwachsene können bis zum 26. Altersjahr in die Versicherungsdeckung ihrer Eltern eingeschlossen werden. Der Anteil von nicht versicherten jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 verringerte sich letztes Jahr  tatsächlich von 29.3 Prozent auf 27.2 Prozent, wie Brett O’Hara, Chef der Gesundheits- und Behindertenstatistik des amerikanischen Bundesamtes feststellte. Das war die einzige Altersgruppe, die einen Rückgang der Nichtversicherten verzeichnete. Und Brett O’Hara meinte, die Abänderung der gesetzlichen Vorschrift könnte eine Ursache dafür sein.

Quelle:

Reprinted with permission oft he Associated Press 2011.
Kurzfassung aus einem Text von Hope Yen, Associated Press (AP) Washington, 13. September 2011. Übernahme mit freundlicher Genehmigung von AP USA. Die Redaktion Hälfte / Moitié dankt herzlich!

Übersetzung: Katharina Achermann.

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