Zwei Tage Berlin mit meiner polnischen Oma

Anna Alboth

Zwei Generationen trennen meine Großmutter und mich - heutzutage kommen auch noch 600 Kilometer dazu. Ein typischer Oma-Besuch stand an: Für ein Wochenende kam Wiesia in die deutsche Hauptstadt, um mit ihrer Enkelin und mit ihren dreispra­chig aufwachsenden Urenkelinnen im Babyalter ihren 80. Ge­burtstag zu feiern.

Wiesia hat im Laufe ihres Lebens relativ wenig Kontakt mit Deutschen gehabt. Als die Deutschen am 1. September 1939 in Polen einmarschierten, packte sie gerade ihren Rucksack für den ersten Schultag. Eines Tages, sehr viel später, lernte sie ei­nen gut aussehenden, westdeutschen Fahrradfahrer kennen. Vor 31 Jahren unter­nahm sie, beladen mit Mitbringseln gefüllten Tüten, mit dem Bus einen Trip von War­schau nach Berlin. Da gab es eine Tanzaufführung auf dem Alexanderplatz, Abend­essen am Fernsehturm und das Brandenburger Tor. Doch sie bekam im wahren Sinne des Wortes nur eine Seite Berlins zu sehen – den Osten.

Europa ohne Grenzen

Dann fiel die Mauer in Berlin. Später trat Polen der EU bei. Am gleichen Tag, am 1. Mai 2004, überquerte ich – ihre Enkelin – die Oder-Grenzbrücke Slubice - Frankfurt, ohne meinen Pass zeigen zu müssen.

Und dann lernte Wiesia meinen Ehemann Thomas kennen. Als ich ihr zum ersten Mal erzählte, ich hätte einen fantastischen Deutschen kennengelernt, konnte sie es nicht glauben. Ich spreche Englisch mit Thomas. Aber da er sehr gut Russisch spricht, wechselte er für Wiesia ziemlich schnell ins Polnische. Seitdem ist er zum geliebten Schwieger-Enkel geworden und Wiesia zur großen Botschafterin der deut­schen Jungs in Polen. Dann wurden die polnisch-deutschen Urenkelinnen geboren, zu deren Ehren Wiesia gerade Berlin besucht.

Der Bus trifft pünktlich in Berlins ZOB-Busstation ein. Oma ist nach dem 600 Kilo­meter langen Trip erschöpft. Wir gehen nach Hause: eine WG. Bei Wohngemein­schaften von Menschen, die nicht verwandt sind, geht es nicht nur um das Geldspa­ren, sondern um das Zusammenleben, das gemeinsame Kochen und das Leben miteinander. Mit uns – einem deutsch-polnischen Ehepaar mit zwei kleinen Mädchen - wohnen noch eine Polin, Marta, ein Kinderbuch-Illustrator aus Singapur, ein Grie­che… und momentan ein türkischer Couchsurfer. Oma hat, wie alle Omas das nun­mal so tun, Geschenke für die Familie mitgebracht. Sie kramt kurz in ihre Tasche und zaubert schnell auch noch ein Geschenk für den Türken und den Griechen hervor.

Neue Erfahrungen

Unser zeitweise türkischer Mitbewohner kocht Abendessen für alle. Wir verwenden asiatische Gewürze (die Oma noch nie probiert hat) aus einem nahe gelegenen La­den. Aus der Musikanlage ertönen die Beatles; das verbindet Menschen immer. Der Grieche und Oma verbringen eine gute halbe Stunde in der Küche; Wiesia redet und redet, ohne Luft zu holen, bis Thomas hereinkommt und Oma in gebrochenem Pol­nisch informiert: “Oma, weißt Du, er versteht Dich nicht”. Oma ist überzeugt, dass der Grieche doch versteht, denn schließlich lächele er so liebenswürdig. “Und hast Du eine Freundin oder eine Verlobte ?“, fragt sie weiter. Apostolis ist schwul. Aber es ist nicht einfach über ein solches Thema mit einer Großmutter zu sprechen, unabhängig von ihrer nationalen Abstammung.

Großmutter spricht viel mit Marta über die heutigen Studenten. Wiesia hat lange Zeit an der Universität von Warschau gearbeitet und sie hat dreißig oder mehr Studen­tengenerationen kennengelernt. “Heutzutage studiert jeder. Es ist sehr schade, dass man auf das Studentsein gar nicht mehr stolz sein kann.“

Großmutter bringt ein aus­führliches Gespräch über Pussy Riot in Gang. Obwohl sie noch nie Punk Rock gehört hat und auch wenn sie die kirchlichen Institutionen wahr­lich respektiert, „können wir doch diese armen Mädchen nicht allein lassen“. Wiesia sieht sich in der Wohnung um; sie schaut die Poster und Postkarten, die sie schmü­cken an. Was bedeutet das Zeichen an der Wand? ‚Leben, Liebe, Lachen, Oma‘ übersetzen wir aus dem Engli­schen. ‘Wow, genau das habe ich an die Wände des verfallenen Nachkriegs-War­schau geschrieben’.

Kalter Krieg vorbei

Heutzutage ist Alexanderplatz sehr viel belebter und es gibt bei weitem weniger Tanzclubs als vor drei Jahrzehnten. Oftmals kannst du Ost Berlin nicht vom Westen unterscheiden, meint Wiesia. Sogar die Eintrittskarte für den Fernsehturm ist für ihre schmale polnische Rente zu teuer. Um Wiesia die warmen Erinnerungen vergange­ner Tage zurückzubringen, besuchen wir den türkischen Markt. Das Maybachufer in Neukölln, ein beliebtes Viertel Berlins, ist an Dienstagen und Freitagen ein sehr be­liebter Ort. Leider muss ich bald zurück nach Hause, um an einem Projekt zu arbei­ten, dem noch die nötige Werbung fehlt. ‘Hört mal, meine Freunde haben erzählt, dass es im Internet eine Sache gibt wo man, wenn man einen Brief sendet, auch In­formationen an sehr viele Menschen verschicken kann. Weißt Du was? Ich rufe die an und sag ihnen, dass sie dir auch diese Nachricht schicken sollen’, bietet Wiesia an.

Wir beenden Großmutters Besuch mit einem Ausflug zum Spielplatz. Prenzlauer Berg ist das kinderfreundlichste Stadtviertel in Europa. Meine Mädchen haben Spaß, wir haben Zeit zu reden. Großmutter ist von dem Spielplatz beeindruckt: seine Far­ben, das viel verwendete Holz. ‘Weißt Du, ich hatte mal einen Freund, einen deut­schen Fahrradfahrer, erinnerst Du Dich’, sagt sie. ‘Das war damals ziemlich schlechtes Timing für die Beziehung. Denk nur, ich würde ihn jetzt hier irgendwo treffen mit unseren Urenkeln! Hey, vielleicht könnten wir mal schauen, ob er nicht auch auf diesem Facebook ist?’

Oma im echten Berlin: “Einverstanden, wir machen das. Aber nur wenn Du mir ver­sprichst, dass Du Dir nicht Deine Haare zurechtmachst und auch kein Make-Up auf­trägst. Ich will doch nicht schlechter aussehen!” Lass mich so alt werden.

* Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin. Anna Alboth (28) arbeitet als Journalistin und lebt in Berlin.

Text von Anna Alboth, Übersetzung: Sonia Gigler. Quelle: http://www.cafebabel.de. Publiziert am.10.10.2012. Die Webseite cafebabel.com wird von der Europäischen Kommission und anderen Partnern kofinanziert. Bei cafebabel.com findet eine offene Debatte statt. Die Artikel spiegeln nur die Meinung des jeweiligen Autors wider. Alle veröffentlichen Fakten wurden vorher überprüft.

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