Gedanken zum zweiten Arbeitsmarkt

Kristina Eva Schwabe

Arbeitslose, Ausgesteuerte, Menschen mit Behinderung, Asylsuchende sowie Flücht­linge haben ihre Arbeitsmarktfähigkeit eingebüsst. Ihr Angebot, ihre Ar­beitskraft ist unerwünscht. Qualifikationsdefi­zite und Leistungsbeeinträchti­gungen behindern die wachstumsorientierte Globalwirtschaft.

Wer nicht funktioniert und den gewünschten Anforderungen entspricht, fällt in den Schoss des Staates – gerät in Abhängigkeit.

„Wir arbeiten um gebraucht zu werden“, sagt Prof. Dr. Peter-Ulrich Merz-Benz, Sozi­alphilosoph an der Universität Zürich. Das Gefühl des Gebraucht -Werdens berech­tigt auch unsere Existenz. Dies ist eine Tatsa­che, welche die Entwicklung des soge­nannt zweiten Arbeitsmarktes teils erklärt.

Menschen auf Stellensuche, strebend nach einem existenzsichernden Einkommen, darbend nach einer Aufenthaltsbewilligung, Menschen mit anderen Fähigkeiten wer­den sodann in einem Beschäf­tigungsprogramm tätig. Im Sinne der Reintegration, gewollt oder aufgefordert verrichten Frauen und Männer jeglichen Alters in Sozial­unternehmen die ihnen zugewiesene Arbeit. Durch die somit gege­bene Tages-und Wochenstruktur soll der Mensch funktionstüchtig bleiben. In der Produktion oder im Verrichten einer Dienstleistung nimmt er seine Aufgabe in der Gesellschaft wahr, bringt sich in ein so­ziales Gefüge. Betreut und verwaltet, bewertet und eingestuft wird der Marktwert der Beschäftigten stets überprüft, möglicherweise kann dieser durch Um­schulung oder Weiterbildung erhöht werden.

Stunden, Wochen, Jahre dürfen Menschen im geschützten Arbeitsverhältnis Karton­schachteln falten, Nudeln wiegen und verpacken, Wäsche waschen und Gebäude reinigen. Ihr Stundenlohn liegt zwi­schen CHF 2.- für niederschwellige Aufgaben und CHF 5.50 für Aufgaben welche qualifiziertere Fähig­keiten voraussetzen.

Staat organisiert Dumpinglöhne für Gewinn-Unternehmen

Die Menschen sind dankbar. Der Staat ist sozial. Das Existenzminimum ist gesichert, Menschen mit einer Invalidenversicherung liegen gar darüber. Viele Sozialunterneh­men dienen als Zulieferer von Grossunternehmen, welche meist Handarbeit erfor­dernde Arbeiten outsourcen. Die staatlich sub­ventioniert Tätigen verrichten in diesem Falle zu Dumpinglöhnen diverse Dienstleistungen für ge­winnorientierte Unterneh­men, oder treten gar in Konkurrenz mit Betrieben, welche im selben Sektor wirt­schaften, jedoch ihren Arbeitenden zu Recht Stundenlöhne des 10 bis 20-fachen geschuldet sind.

Der zweite Arbeitsmarkt ist auf dem Vormarsch. Durch vermehrte Mechanisierung und absoluter Gewin­norientierung in den Unternehmen werden Arbeitsplätze im Tieflohn­sektor abgebaut. Arbeitslose finden sich im zweiten Arbeitsmarkt wieder, wo sie möglich­erweise dieselbe Tätigkeit ausüben, jedoch staatlich subventioniert und fremdbe­stimmt.

Kranke in gläserner Welt

Die Situation verschärft sich meist bei erkrankten Menschen. Möglicherweise wurde ihnen die Mün­digkeit abgesprochen und eine betreute Wohnsituation gefordert. Men­schen leben in einem Organi­sationssystem, in welchem ihnen jegliche Selbstverant­wortung abgenommen, jedoch auch Selbstbe­stimmung und Intimität verwehrt wird.

Das betreute Wohnen setzt meist das Vorhandensein eines festen Arbeitsplatzes voraus. Kann dieser nicht ausgewiesen werden, ist man angehalten eine Tätigkeit in der institutionsinternen Werkstatt aufzunehmen. Die Stelle wird den BewohnerInnen zugewiesen, sie bewegen sich alltäglich innerhalb einer Institution, einem schwer be-lastenden Umfeld und meist stark geforderter Betreuenden.

Parallelwelt ohne Grundrechte

Dies ergibt eine Parallelwelt, isoliert von der Aussenwelt. In einer Leidens-und Zweck-Gemeinschaft akzeptiert man einengende Regeln, beschränkte Privatsphäre und das tägliche Ausüben einer Tätig­keit, die bestenfalls unterhaltsam ist, jedoch keinesfalls den persönlichen Fähigkeiten entspricht. Alles im Sinne der Reintegra­tion…

Diesen Paternalismus von Menschen, welche aufgrund diverser Erschwernisse ihr existenzsicherndes Einkommen verloren haben, erachte ich als Angriff auf die Würde, als Herabsetzen der Menschlich­keit und Klassifizierung der Gesellschaft. Unser aller Bestreben sollte eine einheitliche Gesellschaft, mit individuellen Men­schen sein. Unternehmen, welche im Sinne der sozialen Verantwortung Ni­schenar­beitsplätze im ersten Arbeitsmarkt schaffen, wo Menschen mit anderen Fähigkeiten mitten im Leben arbei­ten und mit ihrer Andersartigkeit den Alltag bereichern und die Entwicklung aller Be­teiligten fördern.

Zur Person:
Kristina Eva Schwabe, 27-jährig, arbeitet im Umweltschutz.

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